Unten im Ziel nochmals obenauf

Christian Engel

Von Christian Engel

Fr, 29. Dezember 2017

Regionalsport Freiburg

MEIN MOMENT DES JAHRES: Mountainbiker Moritz Milatz hat nach 15 Jahren aufgehört – und sechs weitere Sportler berichten, was sie 2017 Besonderes erlebt haben.

MOUNTAINBIKE. Falls irgendein Regisseur Schwierigkeiten damit hat, eine Dramaturgie für einen Sportfilm voller Leidenschaft, Freudentränen und einem fast schon kitschigen Ende zu finden, sollte er sich mal mit Moritz Milatz unterhalten. Der Freiburger Mountainbiker hat Stoff für solch einen Streifen geliefert.

In Freudenstadt treffen sich im September die besten Mountainbiker Deutschlands zum Abschluss der MTB-Bundesliga. Für Moritz Milatz steht da bereits fest, dass es sein letztes Rennen als Profi sein wird. Nach 15 Jahren soll mal gut sein, er hat genug gewonnen, jetzt dürfen andere absahnen. Ob in der deutschen Mountainbike-Szene in naher Zukunft jemand kommt, der ähnlich erfolgreich sein wird, wie er es in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten gewesen ist, bleibt jedoch erst einmal abzuwarten. Milatz prägte den Sport, lange Zeit war er das Aushängeschild Deutschlands.

Nun, beim letzten Rennen in Freudenstadt, möchte Milatz mit 35 Jahren noch einmal ganz oben stehen. Die Strecke ist anspruchsvoll. Direkt nach dem Start geht es 200 Höhenmeter nach oben. Sieben Runden sind zu fahren. Milatz geht es ruhig an, hält den Anschluss, lässt die Jungen das Tempo machen. Als der Nachwuchs seine Körner nach drei Runden verpulvert hat, zieht er vorbei.

Dass er überhaupt bei solchen Profi-Rennen wie in Freudenstadt mitfährt, ist schon ein Zufall. Milatz musste 2002 als Leichtathlet verletzungsbedingt mit dem Laufen pausieren. Also hockte er sich aufs Rad. Er fuhr beim Tälercup im Schwarzwald mit, so gut, dass ihn sein späterer Manager Michael Veit entdeckte.

Seine Karriere kam ins Rollen – und schaltete gleich ein paar Gänge hoch. 2006 holte Milatz den ersten von vier Meistertiteln. Zwei Jahre später folgte die erste von drei Olympiateilnahmen. Sein erfolgreichstes Jahr, sagt er, war 2012: Europameister im Cross Country und Vize-Weltmeister im Marathon. Milatz hatte den Gipfel erreicht. "Es gibt nichts", sagt er, "das meiner Karriere fehlt."

Nur die Zeit fehlte ihm irgendwann. 2014 begann er, parallel zum Profisport, Mikrosystemtechnik an der Uni Freiburg zu studieren, was er 2019 mit dem Master abschließen möchte. Damals war seine Tochter bereits auf der Welt, danach bekam er noch einen Sohn. Zudem arbeitete er beim Elektronikspezialisten FSM in Kirchzarten. 2014 dachte er bereits über ein Karriereende nach. Dafür entschied er sich aber erst vergangenen Sommer, als klar wurde, dass sein Team, das Kreidler Werksteam, zurückzieht. Freudenstadt sollte sein letzter Ritt werden.

Ihn nervt nur, dass er nicht mehr so viel Hunger hat.

Auf der letzten Runde greift Milatz an. Den Anstieg hetzt er hinauf. Seine Verfolger fallen zurück. 14 Sekunden Vorsprung hat er unten im Ziel. Er gewinnt ein Profi-Rennen, zum ersten Mal seit drei Jahren, zum letzten Mal überhaupt.

Drei Monate nach dem Karriereende genießt er es, mehr Zeit für die Familie zu haben, voll zu studieren, mit Freunden zu kicken. Die Rennen fehlen Milatz nicht, seither war er nur zweimal mit dem Bike unterwegs. Ihn nervt nur, dass er nicht mehr so viel Hunger hat wie früher. Sein Appetit auf Siege ist gestillt, an den letzten denkt er dennoch gern zurück. An jenen in Freudenstadt. "Ein schöneres Karriereende hätte ich mir nicht wünschen können", sagt er. "Das war definitiv mein Moment des Jahres."