"Wenn’s brenzlig wird, musst du cool bleiben"

Johannes Bachmann

Von Johannes Bachmann

Mi, 04. Juli 2018

Radsport

BZ-INTERVIEW mit Radamateur Stephan Duffner vom RC Villingen, der bei der Straßen-DM umringt von Profis vier Sekunden hinter dem Sieger auf Rang 31 fährt.

RADSPORT. Stephan Duffner (30) vom RC Villingen hat die Ruhe weg, auch wenn seine Beine wirbeln wie Kolben in einem Otto-Motor. Bei der deutschen Straßenmeisterschaft im hessischen Einhausen fuhr der Radamateur des Teams "Embrace the World", umringt von hochdotierten Profis, ein begeisterndes Rennen und raste vier Sekunden hinter Meister Pascal Ackermann nach 228 Kilometern und 4:57,40 Stunden im Sattel auf Rang 31. Johannes Bachmann unterhielt sich mit dem Vereinsmitglied des RSV Mönchweiler über brüllende Profis und ruppige Attacken im 230-köpfigen Peloton.



BZ:
Glückwunsch! Vier Sekunden Rückstand und Rang 31 nach 228 Kilometern bei brütender Hitze im Rennradsattel, das ist ein Hauch von Nichts.

Duffner: Das war grenzwertig. Ich hatte vor dem Start ins DM-Rennen schon ein bisschen spekuliert. Mein Traumziel wäre Rang 30 gewesen. Dass ich jetzt 31. geworden bin, ist ein bisschen ärgerlich. Am vorletzten Kreisverkehr war’s ziemlich chaotisch. Ich wollte rechts vorbei, musste dann wegen dieser wilden Drückerei im rasenden Feld linksrum fahren und hab’ damit zehn Plätze eingebüßt. Die Profis von Bora-Hansgrohe und Katusha haben mächtig Tempo gemacht. Die Position, die ich vor dem Kreisverkehr hatte, war dahin. Das Loch konnte ich nicht mehr zufahren.



BZ: Sie sind ganz schön mutig. Neben Ihnen standen bei der DM in Einhausen Profis wie John Degenkolb und Jasha Sütterlin. Und Sie mittendrin als Amateur.

Duffner: Na ja, war schon ungewohnt. Ich hab’ gedacht, ich mach’ das halt mal.

"In der ersten Stunde und am Ende wurde richtig gekachelt.

Mit Tempo 60."

Duffner über Raserei am Limit
BZ: Woher dieses Selbstbewusstsein?

Duffner: Ich hab’ in diesem Jahr ja schon ein paarmal in die Welt der Radprofis reingeschnuppert. Zuletzt bei der Algerien-Rundfahrt, da war ich im April Zwölfter der Gesamtwertung.

BZ: Sie wirken geerdet.

Duffner: Muss ich auch sein. Ich bin, obwohl nur Amateur, kein Greenhorn mehr im Rennzirkus. Mit 30 Jahren hab’ ich schon viel Erfahrung gesammelt. Die braucht man in Rennen wie bei der DM. In den Positionskämpfen geht es hitzig zu. Wenn’s brenzlig wird, musst du cool bleiben.

BZ: Was ist dabei Kopfsache, was Bauchgefühl? Und braucht es einen gut funktionierenden Popometer?

Duffner: Vor dem Start ins DM-Rennen hatte ich einen erhöhten Puls. Ist ja klar, wenn man neben solchen Könnern wie Topsprinter Marcel Kittel steht, der am kommenden Wochenende in die Tour de France startet. Aber so nervös wie früher bei Schülerrennen war ich nicht. Rennen fahren ist für mich Routine. Und mein Popometer funktioniert, der meldet sich im tiefen Rücken, wenn’ s brenzlig wird.

BZ: Von 230 Startern haben 181 Fahrer das Ziel gesehen. Und sie als Einunddreißigster. Chapeau! Wo wären Sie gelandet, wenn es eine Amateurwertung gegeben hätte?

Duffner: Wenn ich das so durchzähle und die KT-Profis abziehe, wäre wohl nur der Regensburger Yannick Mayer, der zeitgleich mit dem neuen Deutschen Meister Pascal Ackermann über den Zielstrich rollte, vor mir gelandet.

BZ: Wie haben Sie sich auf diese ultralange Hatz vorbereitet?

Duffner: Es waren 19 Runden und insgesamt 228 Kilometer, der Kurs rund um den Jägersburger Wald war ziemlich flach. Ich wollte in den vergangenen Wochen längere Einheiten trainieren. Ging aber nicht, ich hatte massive Verspannungen im Rücken. Dank einer guten Physiotherapeutin hab’ ich das dann doch in den Griff bekommen. Der letzte DM-Formtest waren vier harte Tage beim VR-Cup. Da lief’s ziemlich gut für mich.

BZ: E-Biker sind stolz, wenn sie Tempo 25 fahren, Hobby-Rennradfahrer brüsten sich mit einem 30er-Schnitt. Wie schnell ging’s bei der DM dahin?

Duffner: In der ersten Stunde und am Schluss wurde richtig gekachelt. Mit Tempo 60. Am Ende war’s nach 228 Kilometern ein 46er-Schnitt. Dann hat sich eine Gruppe nach vorne abgesetzt, in der auch unser Embrace-Spitzenfahrer Raphael Freienstein war, der extra aus Australien zur DM kam und am Ende auf Rang 93 landete. Die Spitzengruppe hatte kurzzeitig rund fünf Minuten Vorsprung auf das Peloton. Aber die Topprofis haben das Loch am Ende brutal zugefahren.

BZ: Und Sie mittendrin in der Raserei. Was ist das für ein Gefühl, im Peloton über den Asphalt zu fliegen?

Duffner: Mit dem Tempo komm’ ich prima klar. Schnell fahren und sprinten, das ist meine Stärke. Mittendrin im großen Pulk muss man jede Sekunde hochkonzentriert und auf jeden Blödsinn vorbereitet sein. Bei der DM gab’s immer wieder Vollbremsungen im Feld und ein paar Stürze. Da brummt einem der Schädel vor lauter Anspannung, weil man ständig hart antreten und doch auch immer bremsbereit sein muss.



BZ: Haben die Profis Sie als Amateur Ernst genommen?

Duffner: Die Profis mussten am Schluss ganz schön kämpfen. Der Ton im Feld ist am Schluss immer rauer geworden. Da wurde kräftig gebrüllt, weil sich einige Amateure auch vorne positionieren wollten. Einige Profis haben versucht, durch Wegdrücken Eindruck zu schinden. Aber ich hab’ dagegengehalten.



BZ: Gab es Schrecksekunden?

Duffner: Jede Menge. Ich hatte mit Sky-Profi Christian Knees auf den letzten Kilometern einen harten, ruppigen Kontakt. Der hat mich von hinten weggecheckt. Ich musste aus dem Pedal klicken, um einen Sturz zu vermeiden. In der letzten Runde gab es eine Sturzwelle.

BZ: Wann haben Sie gespürt, das wird heute was für dich ?

Duffner: Zwei, drei Kilometer vor dem Ziel war ich noch auf Position zwanzig und dann kam der Kreisverkehr, in dem ich noch ein paar Plätze verloren habe.

BZ: Was bleibt als Erinnerung?
Duffner: Das ist das beste Ergebnis meiner Radsport-Karriere. Bei einer Profi-DM mitzufahren, das bleibt haften. Am Start zu stehen mit Weltklassefahrern, das war Gänsehaut-Feeling.

BZ: Wie war der Kontakt mit den Profis vor und nach dem Rennen?

Duffner: Ganz entspannt. Vor dem Start stand ich neben John Degenkolb, beim Einschreiben in die Startliste neben Marcel Kittel. Das sind nette Kerle ohne Allüren. Die sind unkompliziert und locker drauf. Wir Radsportler sind eine große Familie. Mit Simon Geschke und Johannes Fröhlinger war ich schon bei Trainingsfahrten und beim Riderman unterwegs.

BZ: Wie geht es weiter mit Ihrem Radsportjahr?

Duffner: Jetzt lass ich es zwei Wochen lang ein bisschen ruhiger angehen. Im Herbst will ich bei Rundfahrten in Tunesien oder der Türkei dabei sein. Und vielleicht kommt noch ein richtiges Abenteuer dazu – eine Rundfahrt in Guayana, am Nordrand des Amazonasbeckens.