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03. August 2012

Team-Sprint

Zweimal Disqualifikation heißt Gold

Kristina Vogel und Miriam Welte haben im Team-Sprint gewonnen, weil die Chinesinnen patzen. Das Männerteam holt Bronze. Sprinter Stefan Nimke dagegen hatte Pech.

  1. Glückliches Duo: Kristina Vogel (rechts) und Miriam Welte Foto: afp

LONDON. Ein lautes "Come on" zu sich selbst. Miriam Welte und Kristina Vogel waren bereit. Die Weltmeisterinnen im Teamsprint warteten auf den Startschuss für das olympische Finale, auf der anderen Seite konzentrierten sich die Chinesinnen Jinjie Gong und Shung Guo. Zwei Runden Teamsprint lagen vor ihnen, 500 Meter mit äußerster Kraft und in totaler Sauerstoffschuld. Am Ende waren die beiden Polizistinnen zwar mit einem Schnitt von 54,88 Stundenkilometer schneller als ihr Dienstherr in der Stadt erlaubt, aber gut zwei Zehntel langsamer als die Chinesinnen, zwei Athletinnen, die vor diesen Spielen keiner kannte. Guo, Gong, wer? Es begann gerade die China-Diskussion aus der nahen Schwimmhalle ins Velodrom zu schwappen, als der Hallensprecher verkündete: "Gold for Germany". Tatsächlich – China war wegen eines Wechselfehlers disqualifiziert.

Dieser Sieg war die kurioseste Schau der Spiele bisher. Dass die deutschen Weltmeisterinnen überhaupt um Gold radeln durften, verdanken sie nämlich auch einer Disqualifikation. Und die traf vor 6000 Zuschauern im vollbesetzten Velodrom ausgerechnet England. Was für ein Schock. Vicky Pendelton, seit Monaten das Covergirl der Engländer, und ihrer Partnerin Jessica Varnish unterlief ein ziemlich simpler Fehler. Starterin Varnish blieb einen Moment zu lange in der Führung, die sie aber vor dem Ende der ersten Runde abgeben muss. Es fehlte zwar nur ein halber Meter, aber Pendelton fuhr hinter ihr über die Linie und das war es dann für die Olympiasiegerin von Peking und ihre Partnerin. Vier Jahre Training endeten mit einer Juryentscheidung. Jetzt stand sie da und weinte, die Fans waren erst geschockt, dann gab es Buhrufe und Prinz William hörte auf, mit seinem Handy Fotos zu machen.

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Solche Fehler passieren nicht oft und dass dann auch noch den Chinesinnen im Finale exakt dasselbe passiert, wird ins Kuriositätenkabinett des Weltsports eingehen. Guo/Gong konnten sich aber bei der Siegerehrung schon wieder über Silber freuen. Die Engländerinnen nicht – Platz 8. Und als das Duo aus Kaiserslautern und Erfurt ihre Medaillen umgehängt bekamen, schauten sie fast ein wenig ungläubig. "Ein Traum ist wahr geworden, es fühlt sich zwar noch komisch an, aber dafür können wir ja nichts", sagte Miriam Welte.

Für die deutschen Sprinter begann der Tag dagegen zunächst schlecht. Stefan Nimke musste wegen einer Lendenwirbelzerrung absagen. Der 34-Jährige aus Schwerin war der Schlussmann, also der Wichtigste. Und er war mit seiner Erfahrung von drei Olympiateilnahmen und vier Medaillen kaum zu ersetzen. Dass überhaupt ein deutsches Team antrat lag an Robert Förstemann, der für Olympia nur nominiert werden konnte, weil noch ein Platz bei den Mountainbikern frei, aber kein passender Athlet zu finden war. So kam der Bahnfahrer noch an den Start.

250 Meter linksrum mit Tempo 62 im Schnitt. Wenn Bahnsprinter zum Beschleunigen in die Pedale treten werden bei den Männern kurzzeitig über 1800 Watt frei – damit könnte man eine ganze Wohnung beleuchten.

Das Team der Engländer kann das, schon in der Qualifikation fuhren sie Weltrekord. Jason Kenny und Chris Hoy haben das schon bei ihrem Sieg in Peking gekonnt, neu beim britischen Prestigezug war Philip Hindes. Aber der Star ist und bleibt Sir Hoy, der jetzt schon fünf Gold und eine Silbermedaille gewonnen hat. Als Englands Fahnenträger im Velodrom vorgestellt wurde, konnte man das wahrscheinlich auch noch im 300 Meter Olympischen Dorf hören, obwohl die Radrennbahn überdacht ist. Und die Favoriten wussten, was man von ihnen erwartete.

Im Finale schlugen sie Frankreich – natürlich mit Weltrekord und die Hallenregie ließ die Lautsprecher tönen. "The boys are back in town" und "Heroes" donnerte es aus den Boxen. England war mit dem Radsport bei Thin Lizzy und David Bowie wieder versöhnt.

Autor: Jürgen Löhle