Eine Ewigkeit unparteiisch

Joachim Hahne

Von Joachim Hahne

Fr, 22. Juni 2018

Bezirksliga Schwarzwald

Fußball-Schiedsrichter Peter Becker vom SV Hinterzarten leitet am Samstag sein 1000. Spiel.

FUSSBALL. Während in Russland die Fußball-Weltmeisterschaft begonnen hat, befindet sich der Amateurfußball im Fußballbezirk Schwarzwald auf der Zielgeraden. In den Relegationsspielen fallen am Wochenende die letzten Entscheidungen über die Klassenzugehörigkeit in der Saison 2018/19. Mittendrin, statt nur dabei ist dann auch Peter Becker. Der 50-jährige Unparteiische vom SV Hinterzarten leitet mit seinem Gespann am Samstag (15.30 Uhr) das Rückspiel zwischen dem FC Weilersbach und dem SSC Donaueschingen (2:1) – es wird das 1000. Spiel seiner langen und erfolgreichen Schiedsrichterlaufbahn sein.

Fußball-Schiedsrichter sind oft die Buhmänner der Nation. Und trotzdem gilt von der Kreisklasse bis hin zur Champions-League und Weltmeisterschaft: Ohne den Unparteiischen gibt es keine Fußballspiele. Eigene Fehlentscheidungen, frustrierte Trainer und Videobeweis – das Schiedsrichterleben ist oft nicht einfach. Einer der es wissen muss, ist Peter Becker.

"Wenn alles perfekt

sein soll, müssen

Roboter spielen."

Becker zum Videobeweis
Seit nun 34 Jahren steht der Rotschopf aus der Skispringer-Hochburg als Referee auf dem Platz. "Als ich 1984 angefangen habe, konnte ich mir dieses Jubiläum natürlich nicht vorstellen, weder von der Anzahl der Spiele her, noch die lange Karriere."

Nur einmal hat er darüber nachgedacht aufzuhören: "Im Jahr 1988, nach einem tätlichen Angriff beim Bezirksligaspiel zwischen Dauchingen und Obereschach war ich kurz davor, als Schiedsrichter auszusteigen. Ich habe dann eine Pause gemacht, um mich zu regenerieren", gesteht er im Rückblick. Weitere Gedanken gab es aber nicht mehr, das Schiedsrichtertrikot und die Pfeife an den berühmten Nagel zu hängen.

In den mehr als drei Jahrzehnten als Unparteiischer kann er auf eine bewegte Schiedsrichterlaufbahn zurückblicken. Im Jahr 1984 legte der 15-jährige Knirps die Schiedsrichterprüfung mit der Note eins ab. Es folgte der fast kometenhafte Aufstieg binnen acht Jahren bis in die Oberliga Baden-Württemberg – die damals dritthöchste deutsche Spielklasse auf DFB-Ebene. Unvergessen bleibt Peter Becker sein erstes Pflichtspiel als Schiedsrichter: Vor der Partie der A-Junioren des SV Saig und SV Titisee (Endstand 2:2) am 23. Mai 1984 "hatte ich schon Bammel, die waren doch alle etwa drei Jahre älter als ich", erinnert sich Becker.

Auch wenn es damals nicht zum Sprung in den Profifußball der Bundesliga reichte, ist die lange Schiri-Karriere des Hinterzartener Referees gespickt mit zahlreichen Höhepunkten, wie den Testspielen unter Beteiligung des SC Freiburg, Spielen des späteren Deutschen Meister 1. FC Kaiserslautern und auch die Partie zwischen dem FC Basel und dem heutigen Bundesligisten SC Freiburg.

Dazu kommen die persönlichen Begegnungen als Assistent an der Seitenlinie bei Benefiz-Spielen mit Welt-Schiedsrichter Markus Merk sowie den früheren Bundesliga-Referees Eugen Striegel und Knut Kircher. Im Jahr 2011 wurde Peter Becker auf Empfehlung des Fußballbezirks Schwarzwald und des Südbadischen Fußballverband zur Ehrung als "Schiedsrichter des Jahres" vorgeschlagen. Eine Ehrung, die ihn nicht nur ein wenig stolz macht, sondern ihm auch die Begegnung mit dem ehemaligen FIFA-Schiedsrichter Wolfgang Stark einbrachte.

Der bekennende und glühend heiße Fan des FC Bayern München stammt aus einer sportbegeisterten Familie. Vater Erich Becker war selbst Schiedsrichter und Funktionär, Mutter Margarete Handballerin und auch der ältere Bruder Thomas spielte in jungen Jahren Fußball. Der Sportplatz war also von Kindesbeinen an der Tummelplatz von Peter Becker, "und weil ich als C-Jugendspieler verpfiffen wurde und dadurch letztendlich die Meisterschaft verloren ging, habe ich die Entscheidung getroffen, selbst Schiedsrichter zu werden. Ich wollte es einfach besser machen".

Schiedsrichter stehen im Amateur- und Profifußball im Fokus und der Kritik. Wie geht man damit um, Woche für Woche zu pfeifen und wieder motiviert zu sein? "Ich habe versucht, immer gerecht zu pfeifen. Dies ist meine Motivation", so Peter Becker. "Mir liegt viel daran, dass die Spiele mit einem Unparteiischen über die Bühne gehen".

Als die Karriere von Peter Becker begann, der neben seiner Schiedsrichter-Tätigkeit auch als Verbandsbeobachter, Bezirkslehrwart und Staffelleiter fungierte, und bei seinem Heimatverein in Hinterzarten als Trainer, Schriftführer und zweiter Vorsitzender des Fördervereins weitere Ehrenämter bekleidete, hatte noch kein Mensch an einen Videobeweis gedacht. "Ich war von Anfang an ein Gegner. Die Medien sind für mich der Verursacher des Videobeweises, weil alles immer nachweisbar sein muss. Für mich verzerrt es das Spiel, die vielen Unterbrechungen sind schlecht" so Becker: "Ich lebe seit 34 Jahren mit Tatsachenentscheidungen. Die Torlinientechnik finde ich super, aber ich bin kein Freund des Videobeweises. Wenn ich nur an das Spiel des SC Freiburg in Mainz denke, wenn in der Halbzeitpause ein Elfer gepfiffen wird, das macht den Fußball kaputt. Wenn alles so perfekt sein soll, müssen Roboter spielen und keine Spieler", hat der angehende Jubilar ein klares Meinungsbild.

Peter Becker freut sich immens auf sein Jubiläumsspiel und "hofft natürlich, dass alles gut läuft, dabei will ich meine Leistung abrufen". Einige Jährchen und Spiele als Schiedsrichter sollen noch dazu kommen. Für die Zukunft wünscht er sich "Gesundheit, dabei will ich selbst erkennen, wenn der richtige Zeitpunkt gekommen ist, den Absprung zu finden".