Punkterekorde und Mut zum Scheitern

Johannes Bachmann und Jürgen Ruoff

Von Johannes Bachmann & Jürgen Ruoff

Do, 14. Juni 2012

Kreisliga Schwarzwald

KREISLIGA A 2: Vizemeister Saig hofft auf die Relegationsspiele / Fulminanter Endspurt des FC Lenzkirch / Rollhockey-Trainer coacht künftig den FC Bernau.

FUSSBALL-KREISLIGA A 2. Hinter den Fußballern der Kreisliga A 2 liegt eine Saison der Rekorde. Der Winter konnte nur eine Partie verhindern. Eine Klasse besser als die Verfolger waren in der Frühjahrsrunde die Mannschaften von Meister FC Gutmadingen, der mit 68 Punkten eine seit Jahren unerreichte Bestmarke setzte, und vom SV Saig, der sich mit einem Zähler Rückstand die Vizemeisterschaft sicherte und jetzt in den Aufstiegsspielen gegen die Sportfreunde Neukirch auf den Sprung in die Bezirksliga hofft. Lange Gesichter gab es in Bernau und beim TuS Bonndorf II – beide Teams müssen zurück in die Kreisliga B.

SV Saig

Der Trainer des SV Saig bewegt sich auf internationalem Parkett so gekonnt wie zu Hause auf der roten Erde im Dorf unterm Himmel. Als Bundestrainer fungierte Andreas Binder bei der Bergdorf-Europameisterschaft im österreichischen Kleinarl, wo seine Mannschaft für Furore sorgte, aber im Viertelfinale nach Elfmeterschießen unglücklich am tschechischen Team scheiterte. Ein paar Tage später wurde Binder in der Wüste Nevada gesichtet, kurz darauf in Las Vegas. Und in zwei Wochen wird er in Ägypten unterwegs sein – dann allerdings ohne Ball, vielleicht aber mit mit einem großartigen Hochgefühl im Gepäck. "Natürlich wollen wir zurück in die Bezirksliga", sagt Binder, der mit seinem Team in den Relegationsspielen gegen Neukirch (Hinspiel Samstag, 17 Uhr in Saig/ Rückspiel Samstag, 23. Juni) den Aufstieg erzwingen will. Der wäre als Meister ganz automatisch und leichter zu erreichen gewesen. Binder hadert mit einem, angesichts des Gutmadinger Torverhältnisses aber wohl eher mit zwei Zählern, die nach 30 Spieltagen zum Titel fehlten. "Vor zwei Jahren hatten wir neun Punkte weniger und wurden Meister, jetzt hat’s mit 66 Punkten nur zum Vizetitel gereicht", rechnet Binder vor. Die Meisterschaft verspielt habe sein Team schon in der Vorrunde, "gegen Hölzlebruck und Bräunlingen haben wir entscheidende Punkte liegen gelassen". Gleichwohl ist Binder zufrieden. "Gutmadingen war den entscheidenden Tick besser. Und Vize muss man auch erst mal werden." Prunkstück der Saiger Elf war der Sturm: Alexander "Ali" Winter erzielte, obwohl wochenlang verletzt, 29 Tore und Viktor Schuchart erwies sich als der erhoffte "Knipser". Winter, der sich im Oktober für ein halbes Jahr zum Studium nach Nordirland verabschiedet, werde schwer zu halten sein, vermutet Binder: "Da gibt es Interesse aus der Wälderstadt."

SV Grafenhausen

Vor einem Jahr sammelte der SVG 55 Zähler und sicherte sich damit die Vizemeisterschaft. Zwölf Monate später waren 58 Zähler (mit gebührenden acht Punkten Rückstand auf Vizemeister Saig) gerade mal gut genug für Rang drei. SVG-Trainer Markus Blatter wertet die Saison dennoch als Erfolg, zumal sich seine Mannschaft in der Frühjahrsrunde gesteigert habe und 34 Zähler ("viel mehr ging nicht") erreichte: "Wir wollten unter die ersten drei, das haben wir geschafft." Die Über-Mannschaften Gutmadingen und Saig seien aber letztlich unerreichbar gewesen. Blatter, der in Grafenhausen für eine weitere Saison unterschrieben hat, ist um die Zukunft seines Teams nicht bange. Bis zu sechs A-Jugendspieler will er im Sommer behutsam an die gewachsene Mannschaft heranführen. "Mindestens drei haben das Zeug für die Kreisliga A", so Blatter, der den jungen Kickern nach dem Trainingsauftakt am 20. Juli Zeit geben will, zu reifen. Rückschläge seien nicht auszuschließen. "Es dauert, bis sich so ein junger Fußballer von einem ausgebufften 30-jährigen Kreisliga-Haudegen nicht mehr an der Nase herumführen lässt."

SV St. Märgen

Holger Wursthorn hat das Spiel, das seine Amtszeit als Trainer nach drei turbulenten Jahren in St. Märgen beendete, genossen. "Amüsant und unterhaltsam" sei die Partie beim FC Bräunlingen verlaufen, die sein Team mit 3:5 verlor und damit auf Rang zehn landete. "Es hätte aber auch 6:6 ausgehen können", erinnert sich Wursthorn, "es ging ja nur darum, ein richtig schönes Fußballspiel zu zeigen". Schön gefeiert haben die St. Märgener hernach, die per Bus zurück in die Heimat fuhren und eine lange Grillnacht anhängten, die im Morgengrauen noch nicht beendet war. "Ereignisreich", so Wursthorn, seien seine drei Jahre in St. Märgen verlaufen. Im Jahr eins gelang die Vizemeisterschaft, doch in der Relegation scheiterte die Elf am FV Tennenbronn, der am kommenden Wochenende den Sprung in die Landesliga schaffen kann. Jahr zwei war "durchwachsen", Jahr drei wurde zu Beginn der Frühjahrsrunde 2012 unerwartet zum Überlebenskampf. Ende April waren die St. Märgener akut abstiegsgefährdet, doch dann gelang mit Kampfkraft und Teamgeist eine kleine Erfolgsserie und mit Rang zehn ein versöhnlicher Abschluss. Obwohl – "es wäre mehr drin gewesen", so Wursthorn, "aber die lang anhaltende Verletzungsmisere hat viele Hoffnungen zunichte gemacht". Jetzt nimmt Wursthorn erst mal eine Auszeit vom Fußball. Die könne durchaus lange dauern. Für immer Fußballfan sein wird er aber: "Ich freu’ mich drauf, Spiele im Ruhepulsmodus anzusehen."

KSV Hölzlebruck

Bitte übernehmen Sie, hieß es für Trainer Wolfgang Andris kurz vor dem Saisonende. Sein Amtsantritt war erst für den Sommer geplant, aber weil sich die Dinge im Abstiegskampf zuspitzten und der Verein sich von Trainer Uli Zäh und Paul Grüninger zwei Spieltage vor Saisonende trennte, musste Andris den HSV schon früher übernehmen. Auch er konnte in der kurzen Zeit die Negativserie nicht stoppen, dennoch wurde der größte anzunehmende Unfall, der Abstieg, vermieden. "Weil die anderen Mannschaften, die hinter uns standen, auch nicht mehr gepunktet haben", sagt Sascha Wehrle, der Hölzlebrucker Spielausschussvorsitzende. "Mit dem Endergebnis sind wir dennoch nicht zufrieden." Die vergangene Saison hatte das Team auf Rang sechs beendet, nach der Hinrunde war der HSV mit 26 Punkten Fünfter. In der Rückrunde holten die Schwarz-Gelben nur noch vier Zähler – wie ist der Leistungseinbruch zu erklären? Etwas ratlos sei er, das gibt Wehrle gerne zu, möglicherweise hätten sich viele Dinge summiert, angefangen von mangelnder Trainingsbeteiligung und Fitness bis hin zu der großen Torflaute. "Wir haben das Tor nicht mehr getroffen", klagt der Spielausschussvorsitzende. Er wünscht sich, dass Andris etwas bewegt, die Mannschaft weiterentwickelt, wie das unter Zäh über weite Phasen der Fall gewesen sei. "Denn kicken können die Spieler. Sie sollen jetzt endlich wieder Gas geben." Christoph Bernauer, Stefan Mayer und Sascha Rombach werden in der kommenden Saison nicht mehr zur Verfügung stehen.

FC Lenzkirch

Erleichtert sei er. Auch ein bisschen erschöpft. Verständlich, der Abstiegskampf hat Energie gekostet und die Nerven strapaziert. Oliver Mahler hat mit dem FC Lenzkirch geschafft, was die wenigsten für möglich hielten: den Klassenerhalt. Das war das Ziel der schwierigen Mission, die er Mitte April übernahm, nachdem sich der Verein von Trainer Francois Blondeau getrennt hatte. Im ersten Spiel unter Mahlers Führung holte der FC Lenzkirch in Grafenhausen ein 1:5 auf und entführte beim 5:5 einen Punkt. Für Mahler und seine Spieler ein Signal: Dass mit Spaß und Wille eine Wende zum Besseren möglich ist. Durch viele Einzelgespräche beseitigte er die Missstimmung, zudem reaktivierte er in Ralf Schlegel und Timo Schneider zwei ehemalige Leistungsträger. Mahler war klar, dass es nur zusammen geht. Über das Kollektiv und den Zusammenhalt. Unter ihm als Trainer holte die Mannschaft aus neun Spielen 16 Punkte und verlor nur einmal. Ohne ihn hatte sie in 21 Spielen nur 13 Zähler erkämpft. "Am Ende waren wir wieder ein Haufen", sagt er, "das war eine klasse Mannschaftsleistung, das wir da unten rausgekommen sind". Zweimal ist er nun schon als Retter in der Not eingesprungen, jetzt hat er sich entschlossen, "die Dinge auch mal von Anfang an zu leiten". Mahler wird den FC Lenzkirch auch im kommenden Jahr coachen, von der Qualität der Mannschaft ist er überzeugt: "Wir können in der Kreisliga gut mitspielen."

FC Löffingen II

Als Trainer Volker Haas die Mannschaft im November übernahm, war sie Tabellenletzter. Die Rothosen schienen dem sicheren Abstieg entgegenzustreben, der im Endspurt eroberte drittletzte Tabellenplatz ist daher als Erfolg zu werten. Denn er berechtigt zu zwei Relegationsspielen gegen den SV Hammereisenbach (erstes Spiel am Samstag um 18 Uhr im Haslachstadion), der Sieger kann sich aber noch nicht in Sicherheit wähnen. Denn die Zahl der Kreisliga-A-Absteiger hängt auch noch vom Ausgang diverser anderer Relegationsspiele ab. Für Haas ist die Leistungssteigerung der Mannschaft im Frühjahr indes keine Überraschung. "Am Können lag es ja nicht. Sondern vielmehr am Problem, das alle zweite Mannschaften haben: Sie müssen die Löcher bei der ersten Mannschaft stopfen." Manchmal waren so wenige Spieler im Training, dass Haas selbst noch einmal die Fußballschuhe schnüren musste. "Wie soll sich eine Mannschaft da einspielen?" Er benannte daraufhin zwölf bis 14 Spieler, die der zweiten Mannschaft zugeordnet wurden. Ein fester Stamm bestand – das brachte Besserung. 17 Punkte holte das Team in der Rückrunde, in der Hinrunde waren es nur sieben gewesen. Haas wird den FC Löffingen II nur noch in den Relegationsspielen betreuten, wer ihm als Trainer nachfolgt, sei noch unklar. Klar und unmissverständlich ist andererseits die Forderung für seine Abschiedsspiele: "Ein ordentlicher Auftritt muss das werden."

FC Bernau

Gäbe es die kalte Jahreszeit nicht, würde der FC Bernau vielleicht sogar in der Bundesliga spielen. Aber das Albtal ist nun mal eine Kälteinsel, der Winter hält sich dort länger als anderswo. Nach einer verheerenden Vorbereitung spielte der FC Bernau eine verheerende Rückrunde und fand sich am Saisonende auf dem vorletzten Tabellenplatz wieder. Die Mannschaft muss dorthin zurück, wo sie vor einem Jahr herkam: in die Kreisliga B. Das Liga-Wechsel-dich-Spiel geht jetzt schon eine Weile so beim FC Bernau. Für die Kreisliga B zu stark, für die Kreisliga A zu schwach. "Wenn man sieht, was möglich wäre, dann muss man einfach enttäuscht sein", sagt Raphael Schlachter. Er und José Rodrigues werden als Trainer beim FC Bernau nicht weitermachen. Der neue Coach heißt Remon Lugtenburg (40), ist gebürtiger Holländer, wohnt aber schon "15, 16 Jahre in Bernau". Er war früher Rollhockey-Profi, später Trainer von deutschen Rollhockey-Topteams und versucht sich nun in einem neuen Metier. Angst? "Nein, Mannschaftssport ist Mannschaftssport. Die Abläufe sind die gleichen." Lugtenburg schaut sich nun die Fußball-EM "mit ganz anderen Augen" an und hat sich auch schon mit Fachliteratur eingedeckt. Der Mann ist hungrig und leidenschaftlich: "Das ist die Chance, da wieder frischen Wind reinzubringen", sagt er. Mal sehen, ob das gelingt.

TuS Bonndorf II

Als Tabellenletzter muss die TuS-Elf mit 22 Zählern zurück in die Kreisliga B. Ein Abstieg, der vermeidbar gewesen wäre, wie TuS-Trainer Norbert Plum weiß, der zum Saisonende seinen Abschied nahm, weil er sich als neuer Bonndorfer Vereinschef gebührend ausgelastet fühlt. "Wir hätten es in den letzten vier Spielen umbiegen können", so Plum. In Bräunlingen habe sein Team ein Unentschieden verdient gehabt, in St. Märgen sei der Sieg zum Greifen nahe gewesen und beim FC Lenzkirch habe der TuS bis kurz vor Schluss mit 2:1 geführt. Gut und gern zehn Punkte mehr hätte sein Team auf der Habenseite verbuchen können – 32 Zähler wären Rang zwölf wert gewesen. Doch der Konjunktiv entscheidet im Fußball nun mal keine Spiele und so will Plum nicht weiter über das Hätte, Wäre, Könnte spekulieren. Auf der Suche nach einem neuen Trainer hofft der Vereinschef ("es gibt im Moment interessante Gespräche") in den kommenden Tagen fündig zu werden. In der Kreisliga B soll nun mit einer durch zahlreiche A-Junioren verjüngten Mannschaft ein solider Neuaufbau beginnen. "Ein direkter Wiederaufstieg ist nicht gefordert", so Plum.