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11. November 2010 12:51 Uhr

Hintergrund

SC Freiburg – von den Breisgau-Brasilianern zur grauen Maus?

Sportlich läuft es prima – trotzdem aber findet der SC Freiburg bundesweit kaum mediale Beachtung. Die Breisgau-Brasilianer sind längst Vergangenheit und Nachhaltigkeit allein macht nicht sexy. Eine Analyse von BZ-Redakteur René Kübler.

  1. Spaß haben die SC-Profis des Jahrgangs 2010 auch – obwohl die Breisgau-Brasilianer out sind. Foto: dpa

  2. Verlassen: Finkes Strandkorb. Foto: ddp

Sommer 2007, die Ära Finke war gerade zu Ende, da schrieb jemand über den SC Freiburg: "Spaßfaktor wie ein Bioladen." Nun ließe sich trefflich darüber streiten, wie viel Spaß ein Bioladen vermitteln sollte. Und ob er das überhaupt muss. Immerhin ist Vernunft – nicht nur in der Ernährung – doch an sich schon ein wertvolles Gut, das nicht auch noch lustig zu sein braucht. Ein Fußball-Verein kann dadurch indes interessant werden, wie das Beispiel FSV Mainz zeigt. Selbst ernannter Karnevals-Klub mit scheinbar ewig feiernden Fans, dem jüngsten aller Bundesliga-Trainer, noch jüngeren Talenten samt integriertem Boy-Group-Appeal, einem fulminanten Saisonstart – so ein Verein ist "in", speziell wenn noch das Prädikat Bayern-Bezwinger hinzukommt. "Gäbe es Mainz nicht, dann wären auch wir momentan mehr im Fokus der Öffentlichkeit", glaubt Fritz Keller, der erste Vorsitzende des SC. Es ist kein Jammern, nur eine Feststellung.

Außerhalb Badens sinkt das Interesse am SC spürbar

Den Freiburgern bleibt die Rolle des solide wirtschaftenden Underdogs, die sie seit Jahrzehnten besetzen. Dafür ernten sie noch immer Anerkennung zuhauf, auch von ganz Oben. "Charakteristisch für die Breisgauer ist es, dass der doch eher kleine Bundesliga-Verein stets sehr viel aus seinen Möglichkeiten herausgeholt hat. Oft mehr, als es ihm eigentlich zugetraut wurde", sagt Theo Zwanziger, Präsident des Deutschen Fußball-Bundes. "Mit begrenzten finanziellen Möglichkeiten hat es der Klub immer wieder geschafft, Glanzpunkte zu setzen und dabei wirtschaftliche Vernunft nicht außer Acht zu lassen. Insofern steht der Verein für Nachhaltigkeit im Sport", ergänzt Reinhard Rauball, Chef der Deutschen Fußball-Liga.

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Doch Nachhaltigkeit ist nicht sexy. Außerhalb der badischen Landesgrenzen sinkt das Interesse am SC Freiburg spürbar, schon nördlich von Karlsruhe findet man kaum noch Menschen, die auf Anhieb mehr als drei Namen aktueller SC-Profis nennen können. Die gefühlte mediale Beachtung ist gemessen am Erreichten gering, auch wenn Spiele mit Freiburger Beteiligung inzwischen von Millionen Zuschauern in aller Welt empfangen werden können. "Der SC Freiburg und seine Mannschaft leuchten eher schwach ins übrige Land", bestätigt Philipp Selldorf von der Süddeutschen Zeitung.  Aus der Ferne sehe es aus, als passiere in Freiburg nichts Aufregendes. "Objektiv gesehen", ergänzt Selldorf, "ist die Abwesenheit von Hysterie und irrationalen Momenten natürlich eine Tugend, aber spannender sind Geschichten, die von Gegensätzen und Reibungen handeln. Fußball ist eben nicht nur Sport, sondern auch ein Gesellschaftsspiel." Alexander Rösner, Chefredakteur von Sport 1, sieht das ähnlich und erklärt, warum der Sportclub in der täglichen Bundesliga-Berichterstattung seines TV-Senders kaum eine Rolle spielt: "Der SC Freiburg steht für eine ausgeprägte und sehr sympathische Fußballkultur. Trotzdem hat die überregionale Wahrnehmung des Sportclubs in den Massenmedien abgenommen. Dies liegt meines Erachtens insbesondere am Fehlen von übergeordneten Identifikationsfiguren: Wir alle erinnern uns an Volker Finke und Achim Sarstedt im Strandkorb oder außergewöhnliche Typen auf dem Platz wie Alain Sutter oder den Knipser Harry Decheiver."

Die Vergangenheit, so scheint es, ist für den SC Freiburg Segen und Fluch zugleich. Anfang der 90er Jahre hatte der Sportclub die etablierte Bundesliga-Gesellschaft mächtig aufgemischt, von Südbaden aus eine kleine Fußball-Revolution gestartet. Mit im Grunde simplen Spiel-Ideen (alle Mann laufen, kurze Pässe, Überzahl in Ballnähe) gelang es, dem finanziell besser gestellten und mit Stars ausgestatteten Erstliga-Establishment zu Leibe zu rücken. Siege gegen die Bayern wurden fast zur Selbstverständlichkeit, der SC zu einer Art schlechtem Gewissen für die Branchenführer mit ihren Millionen-Investitionen. "Wenn Freiburg in der Bundesliga Erfolg hat, haben alle anderen etwas falsch gemacht", lautete die Einsicht von Dieter Hoeneß, seinerzeit Manager des VfB Stuttgart.

Ökosystem und Fahrradfahrer

Zu alldem kamen ein verrückter Coach mit Brilli im Ohr, ein liebenswert grantelnder Präsident mit Fußballverstand sowie ein zeitgemäßer grün-alternativer Anstrich. Der SC Freiburg wurde für die einen zum "einzigen Ökosystem des Bundesligafußballs", wie BZ-Autor Ludger Lütkehaus schrieb. Für andere war er gar ein Phänomen. "Vor jedem Heimspiel wird das sogenannte Badnerlied gesungen. Die grauenhafte Marschmusik würde eigentlich schon reichen, aber der gruselige Text verwandelt das Dreisamstadion in eine Geisterbahn. Dass trotzdem alle Multikulturalisten, Mülltrenner und Fahrradfahrer mitsingen, ist ein echtes Millennium-Rätsel", hieß es 1999 im Jugendmagazin der Süddeutschen Zeitung.

Das Bild der Breisgau-Brasilianer, einem bunten Haufen vermeintlicher Bettel-Studenten, die mit dem Fahrrad anstatt mit Luxuskarossen zum Training vorfuhren, entwickelte einen Charme, dem sich kaum jemand entziehen konnte. Dass die Zahl der Studenten genau wie jene der Fahrradfahrer im Team in Wahrheit überschaubar war, spielte letztlich keine Rolle. Der Reiz des Neuen war faszinierend genug.

Dieser Reiz ist lange verflogen. Manch sentimentaler Fußball-Romantiker hätte nur all zu gerne eine riesige Käseglocke über den SC Freiburg von damals gestülpt. Doch für immer Breisgau-Brasilianer, das hätte nicht funktioniert, die Konkurrenz wäre in wirtschaftlicher Hinsicht noch weiter enteilt als sie es ohnehin schon ist. Selbst auf dem Fußballfeld sind Innovationen heute nur noch in Nuancen möglich, Kurzpass und Co. sind längst Standard – genau wie eine intensive Nachwuchsförderung, auch wenn diese in Freiburg noch immer hochwertiger ist als anderswo. Dass Finke selbst über 16 Jahre hinweg die Professionalisierung des gesamten Vereinsapparats mit vorantrieb, könnte man im Nachhinein als Fluch der guten Tat ansehen. Das Besondere ging ein Stück weit verloren. Notwendig war es allemal.

Markteinführung, Wachstum, Reife

Richard Golz, einst SC-Torwart, sieht das genauso. Er versucht, seinen Ex-Verein völlig emotionslos aus der Sicht eines Wirtschaftswissenschaftlers zu betrachten, nimmt eine sogenannte Produktzyklus-Analyse als Bewertungsgrundlage. Derzufolge befinde sich der Sportclub in der dritten von vier Entwicklungsphasen. Nach Markteinführung (1.) und Wachstum (2.) sei nun jene der Reife (3.) erreicht. "Dabei haben es die Freiburger geräuschlos geschafft, diese Phase auszudehnen und eine Produktmodifikation zu bewerkstelligen", erklärt Golz. Dass für Top-Torjäger Cissé eine für Freiburger Verhältnisse überdurchschnittliche Ablösesumme bezahlt wurde, bewertet Golz ebenso positiv wie die Partnerschaften mit Sponsoren wie Europa-Park oder Mercedes, die früher aus Imagegründen oder wegen persönlicher Animositäten, wie Golz es ausdrückt, nicht möglich waren. "Das ist keine Kritik an Volker Finke, aber früher war es eben sehr imagekonform", erinnert sich 42-Jährige.

Fritz Keller hat keine Scheu vor neuen Partnern. Er ist offen und muss es auch sein, schließlich soll Phase vier des Entwicklungsprozesses vermieden werden: der Rückgang. Gleichwohl haben auch für Keller die Prinzipien seines Vorgängers Achim Stocker und in Teilen auch jene Finkes Priorität. Zur Bühne, um den Voyeurismus-Trieb des Boulevard-Journalismus zu befriedigen, will er den Sportclub auf keinen Fall machen. "Es wird leider nur über die Schauspieler geschrieben, die wöchentlich die Frau wechseln, nicht über die, die seit Jahrzehnten mit ein und derselben verheiratet sind", sagt Keller. Tatsächlich spricht er von seinem Verein, der recht skandalfrei durch die Zeit gekommen ist und für dauerhafte Liaisons mit seinen leitenden sportlichen Angestellten steht. "Wir entlassen unsere Trainer eben selten", sagt Keller stolz.

"Seriöses Arbeiten wird bisweilen als langweilig angesehen." Fritz Keller
Entsprechende Schlagzeilen, durch die Vereine wie der 1. FC Köln zum medialen Dauerbrenner werden, bleiben aber nicht nur deswegen aus. Während anderswo das Erregen öffentlicher Ärgernisse Programm ist, wird in Freiburg selbst Banalstes wohl behütet. "Wie der Hund des Kapitäns heißt", so Keller, "erachte ich nicht als wichtige Information für die Öffentlichkeit." Home-Stories, in denen Zuschauer und Leser quasi direkt auf den Sofas der Fußball-Profis landen, sind für ihn ein Tabu. "Auf dieses Niveau lassen wir uns nicht herab", stellt Keller klar. Für den SC und ihn gelte der Leitsatz: "Qualität statt Quantität." Außerdem sei es gefährlich, einzelne Personen herauszuheben und der Öffentlichkeit zum Fraß vorzuwerfen. "Viele Spieler können damit nicht umgehen." Gleichzeitig sieht Keller das vermeintliche Dilemma, in dem der Verein steckt: "Seriöses Arbeiten wird bisweilen als langweilig angesehen."

Kellers Lösungsansatz ist simpel. Er will die vorhandene Marke stärken. "Wir müssen zunächst mehr darüber reden, was für ein besonderer Verein wir sind", erklärt er. Dabei solle in erster Linie die Bedeutung der Vereinskultur hervorgehoben werden. "In England", so Keller, "weiß doch niemand mehr, wem die Vereine wirklich gehören." In diesem Zusammenhang sei geplant, dass einzelne Personen – vom Spieler über den Funktionär bis hin zum Angestellten – mehr Präsenz in der Öffentlichkeit zeigen, um das SC-typische Zusammengehörigkeitsgefühl nach außen zu transportieren. Auftritte der Mannschaft in der Region, "bei den Menschen, die hier arbeiten und leben" (Keller), sollen zur Regel werden. Auch die Mitgliederwerbung wollen die Verantwortlichen intensivieren, gerade bei den 0- bis 14-Jährigen, damit sie von Geburt an ein SC’ler werden – und kein Bayer. "Über regionale Leidenschaft Aufsehen erregen", lautet Kellers Motto.

Regionale Leidenschaft als zentrales Motto

Um das zu erreichen, müsse man den Menschen aber eine Zukunftsperspektive bieten. Und die sieht er eng mit dem Thema Stadion verbunden. Egal ob Neubau oder Umbau – "wir müssen da was tun", lautet seine eindeutige Zielsetzung. "Auch ein Underdog braucht Möglichkeiten, um konkurrenzfähig zu bleiben."

Ob derlei Aktionen bei jemand wie Alexander Rösner, dem Chefredakteur von Sport 1, für gesteigertes Interesse am SC Freiburg sorgen, bleibt abzuwarten. Abgeschrieben hat Rösner die Breisgauer allerdings nicht. "Ich bin sicher, dass der SC − vor allem auch dank der erfolgreichen Arbeit von Trainer Robin Dutt − wieder eine ähnliche Aufmerksamkeit wie früher erreichen kann. Dabei sind zunächst natürlich sportliche Spitzenleistungen von entscheidender Bedeutung − wie zuletzt etwa durch Top-Torjäger Papiss Cissé." Ein Ansatz, den Richard Golz unterstreicht: "Wichtig ist auf dem Platz." Und das sei in Freiburg verdammt gut.

Tore und Siege, da sind sich alle einig, tun dem Image also auf jeden Fall gut. "Und vielleicht", räumt Keller am Ende dann doch noch ein, "müssen wir auch ein bisschen mehr sexy sein." Die eine oder andere Idee dafür liefert unter anderem derjenige, der seinerzeit den Spaßfaktor des Bioladens verspürte. Sein Name: Rudi Raschke, heute Pressesprecher des SC Freiburg.

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Autor: René Kübler