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20. August 2012

SC Freiburg im DFB-Pokal

Lähmender Trott

Der SC Freiburg rettet sich in die zweite Runde des DFB-Pokals.

  1. Max Kruse brachte den SC zunächst in Führung. Foto: dapd

HAMBURG. Plötzlich sind da völlig neue Perspektiven. Er habe gewusst, dass Sebastian Freis nach seiner Einwechslung ein Tor schießen werde, sagt ein strebsam wirkender Hamburger Journalist. Der Mann meint es durchaus ernst. Von Christian Streich will er wissen, ob dieser denn über ähnliches Fachwissen verfüge und Freis in der Überzeugung aufs Spielfeld geschickt habe, dass dieser den späten 2:1-Siegtreffer für den SC Freiburg im DFB-Pokalspiel bei Victoria Hamburg erzielen werde. "Nein", gibt Streich ehrlich zu, "ich weiß nicht, was ein Spieler macht, wenn ich ihn einwechsle." Er habe nicht mal geahnt, dass Freis ein Tor schießen werde, so der SC-Coach. "Aber wenn sie so etwas wissen, dann sollten wir uns mal unterhalten. Das würde uns ungeahnte Möglichkeiten eröffnen."

Diese Episode zeigt, wie die Meinungen auseinander gehen bei der Einschätzung, ob Fußball ganz einfach oder doch recht kompliziert ist. Trifft ein Erstligist auf einen Viertligisten, dann ist das für viele eine eindeutige Angelegenheit. Gerade in der Historie des DFB-Pokals finden sich jedoch reihenweise Gegenbeispiele. Das Muster bei solchen Überraschungscoups unterklassiger Teams ist stets das gleiche. Mit großer Motivation und engagierter Defensivarbeit versuchen die Davids, die Goliaths zu entnerven. Gegen Mannschaften zu spielen, die mit elf Mann in ihre Verteidigung investieren, ist laut Christian Streich mit die schwierigste Aufgabe im Fußball. "Eine richtige Kunst", nennt es der Freiburger Fußballlehrer. Eine Kunst, die Weltmarktführer FC Barcelona nahezu perfekt beherrsche. Die Leistung der Katalanen findet Streich schlicht unglaublich. "Denn 95 Prozent ihrer Gegner setzen nur auf Verteidigung, selbst Mannschaften wie der FC Chelsea."

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Den Spielern des FC Barcelona können diese quälenden Defensivstrategien wenig anhaben. Ihre glänzende Technik und ihr nahezu perfektes Zusammenwirken als Kollektiv machen sie quasi immun dagegen. Der SC Freiburg, ein Team im permanenten Lernprozess, ist anfällig für störende Einflüsse von Gegnerseite. Als in der Partie bei Victoria Hamburg die ersten Offensivaktionen misslungen waren, Konter des aufmüpfigen Regionalligisten zunächst zu einem Elfmeter (Stilz verschoss/8.) und nach Max Kruses Führungstreffer (11.) zum Ausgleich durch Sachs (12.) geführt hatten, nistete sich lähmende Unsicherheit ins Freiburger Spiel ein. Den Zuspielen fehlte es an Klarheit und Präzision, die Laufarbeit wurde vernachlässigt. "Da kommt man dann in so einen Trott rein", beschrieb Oliver Baumann das, was er von seinem Beobachtungsposten im Freiburger Tor aus hatte mitansehen müssen. "Zu langsam, zu viele Ballkontakte, einfach zu umständlich", lautete sein Urteil über die SC-Leistung in den ersten 45 Minuten. Sein Trainer fasste die Folgen zusammen: "Keine Durchschlagskraft und eine schlechte Umschaltbewegung."

"Zu langsam,

zu umständlich"

Oliver Baumann
Christian Streich vermied Ausreden. Doch es war offensichtlich, welch enormen Einfluss Personalien auf das Freiburger Leistungsvermögen haben. Weil Daniel Caligiuri wegen eines Bänderrisses im Sprunggelenk mehrere Wochen ausfällt, ist dem Sportclub sein Türöffner in der Offensive abhanden gekommen. Sebastian Freis, nach einer Gesichtsoperation physisch noch nicht in Bestform, musste in Hamburg lange durch Ivan Santini ersetzt werden – und dieser enttäuschte, konnte seinen wuchtigen Körper nicht wirkungsvoll einsetzen. U-21-Nationalspieler Oliver Sorg und der Bosnier Mensur Mujdza waren nach Länderspieleinsätzen zur Wochenmitte matt. Bei Mujdza wirkte sich die Müdigkeit letztlich nicht ganz so fatal aus, wie zunächst gedacht. Der Außenverteidiger war mit Verdacht auf Mittelfußbruch ausgewechselt worden – eine Diagnose, die sich später nicht bestätigte. Pausieren wird er aber dennoch müssen. Genau wie Jan Rosenthal (Knieverletzung).

Beim FC Barcelona steht in solchen Fällen ausreichend adäquates Ersatzpersonal zur Verfügung. Beim SC Freiburg nicht. Freis’ 2:1 (80.) bewahrte die Breisgauer zwar kurzfristig vor Schlimmerem. Christian Streichs Probleme vor dem Bundesliga-Start am kommenden Wochenende gegen den FSV Mainz scheinen aber weitaus schwieriger lösbar als die Pokalaufgabe gegen die am Ende kraftlosen Amateure. Nicht mal der Hamburger Journalist mit den seherischen Fähigkeiten dürfte ihm da weiterhelfen können.

SC Victoria Hamburg: Schau, Brück, Rabenhorst, Helmer, Lauer, Sudbrak, Trimborn, Stilz, Sachs (58. Vierig), Hoose (85. C. Cetinkaya), Abu Chalil (73. Goldgraebe).
Freiburg: Baumann, Mujdza (58. Hedenstad), Ginter, Diagne, Sorg, Schmid, Schuster, Makiadi, Rosenthal (27. Guédé), Santini (77. Freis), Kruse. Schiedsrichter: Christian Dietz (Kronach). Tore: 0:1 M. Kruse (11.), 1:1 Sachs (12.), 1:2 Freis (80.). Zuschauer: 4375. Gelbe Karten: Rabenhorst, Lauer / Diagne, Schuster
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Autor: René Kübler