Niedergeschlagen im Kraichgau

Michael Dörfler

Von Michael Dörfler

Mo, 03. September 2018

SC Freiburg

Trotz einer ansprechenden Leistung und Führung verliert der SC Freiburg bei der TSG Hoffenheim mit 1:3 / Spieler machen sich Mut: "Den Kopf oben behalten".

SINSHEIM. Als hätte es noch eines letzten Beweises dafür bedurft, dass Dominique Heintz ein hochanständiger und ebenso mitfühlender Zeitgenosse ist, tauchte der im Sommer vom 1. FC Köln zum Sportclub Freiburg weitergezogene Abwehrspieler nach der 1:3 (1:0)-Niederlage der Breisgauer bei der TSG Hoffenheim am Samstagnachmittag zum abschließenden Verhör vor den Mikrofonen der übertragenden TV-Sender auf. Trotz seines Tores in der Sinsheimer Arena war das ein bitterer Gang für den Pfälzer. Den fuchste zwar die Niederlage bis in die entlegensten Zipfel seines Körpers, noch mehr ärgerte ihn aber etwas ganz anderes. Seine Kollegen und er seien angereist, um dem durch einen Bandscheibenvorfall aufs Ruhelager gezwungenen Christian Streich in seinem Leid eine Freude bereiten zu können. Einen Sieg habe man dem Trainer schenken wollen, damit dieser möglichst schnell wieder zurückkommen könne. Weil: "Er fehlt uns schon." Heintz schien untröstlich.

Sieht man von der ersten Viertelstunde dieses außergewöhnlich intensiven und extrem zweikampfbetonten Spiels der beiden badischen Kontrahenten ab, waren die Breisgauer eigentlich auf einem ganz guten Weg. Das heftige Angriffsgewitter, das die Gastgeber zu Beginn über der Freiburger Hälfte niedergehen ließen, rief beim Freiburger Anhang gleich schlimmste Befürchtungen wach. Die SC-Defensive irrlichterte im eigenen Strafraum umher, ein Fauxpas löste den anderen ab. Von Zuordnung keine Spur. Die Hoffenheimer gedachten, die Freiburger offensichtlich zu überrennen. Die 1:3-Auftaktniederlage beim FC Bayern lag ihnen noch schwer im Magen, schnelle Wiedergutmachung hatten sie sich vorgenommen.

Nach sechs Minuten lag der Ball folglich schon im Freiburger Tor, doch im Kölner Keller war der Videoassistent auf der Höhe des Geschehens – Leonardo Bittencourt war bei seinem Kopfball vom passiven ins aktive Abseits geraten. Um Schuhbreite etwa.

Beim Sportclub zeigte der Wachmacher Wirkung. Heintz und Manuel Gulde identifizierten mit zunehmender Spielzeit ihre Gegenspieler genauer, und in der Zentrale schwangen sich die Freiburger, angetrieben von Motivationsbündel Jerome Gondorf, dazu auf, auch nach vorne Akzente zu setzen. Das war beruhigend mit anzusehen, da in Sachen Umschaltspiel in den vergangenen Wochen offenbar einiges getan wurde im Training. Jedenfalls schwand die Hoffenheimer Wucht ein bisschen dahin, das Spiel beruhigte sich und der Sportclub hatte die Balance hergestellt.

Dass die Freiburger dann sogar mit einer 1:0-Führung in die Pause gingen, hatten sie dem aufmerksamen Heintz, vor allem aber auch Kevin Akpoguma zu verdanken. Der war früh für den verletzten Ermin Bicakcic gekommen, war aber kurz danach bei einem Kopfballduell mit Nils Petersen zusammengeprallt. Verdacht auf Gehirnerschütterung, hieß es später. Jedenfalls vergaß Akpoguma nach einem Gondorf-Freistoß, was zu tun war und spielte den Ball dem lauernden Heintz (36.) vor die Füße – der den Ball ohne Verzug zur Führung ins Tor drosch.

Elf Minuten später, wegen vieler Unterbrechungen aber immer noch in der ersten Hälfte, fiel Florian Niederlechner bereits der verfrühte Matchball vor die Füße. Vermutlich jedenfalls. Eskortiert von Akpoguma eilte der Angreifer auf Oliver Baumann zu, doch der Keeper der Hoffenheimer behielt die Nerven und konnte mit einem Reflex klären. "Ja, das hat er gut gemacht", sagte hinterher SC-Sportvorstand Jochen Saier mit einem Schuss Ironie, "wir haben ihn ja einst auch gut ausgebildet bei uns."

Im zweiten Durchgang ging dann alles relativ schnell. Adam Szalai (50.) gelang der frühe Ausgleich, nachdem der nach hinten geeilte Lucas Höler Torwart Schwolow am Zupacken hinderte und dem Hoffenheimer den Ball per Kopf auch noch vorlegte. Ein geradezu absurdes Tor, völlig unnötig dazu. 13 Minuten später freute sich Szalai schon wieder. Eine schöne Kombination über den guten Florian Grillitsch und Neu-Nationalspieler Nico Schulz konnte der Ungar problemlos zur Führung verwerten. Die Aufnahme der Hoffenheimer Spieler hatte der Sportclub verpasst, wieder machte Höler keine sehr glückliche Figur.

Niederlechner lässt

Matchball liegen

Dass der kroatische Vize-Weltmeister Andrej Kramaric in der Nachspielzeit des zweiten Durchgangs dann noch auf 3:1 für die TSG erhöhen konnte, passte irgendwie ins Bild. Schwolow war bei einer Ecke für den SC, der vermeintlich letzten Aktion des Spiels, quer übers Feld geeilt, um mit vereinten Kräften vielleicht doch noch ein Remis retten zu können. Stattdessen drosch der dafür gefeierte Bittencourt ("das war gar keine Absicht") den Ball als Befreiungsschlag in die Freiburger Hälfte, wo Kramaric das Spielgerät nur noch aufnehmen und ins leere Tor kicken musste – Arme und Hände schon zuvor winkend überm Kopf. Die Galerie raste, die Freiburger mussten sich erst mal hinsetzen. Abpfiff.

Der Sportclub hatte sich zwar nicht unterkriegen lassen in den zweiten 45 Minuten, aber es schlichen sich zunehmend Unkonzentriertheiten und Fehler in seinem Spiel ein. Die Mannschaft brachte sich damit selbst ein Stück weit um die Früchte ihrer Arbeit.

Im Nachhinein muss wohl auch das Experiment mit Höler als wenig gelungen gelten. Gegenüber dem Spiel gegen Frankfurt (0:2) vor Wochenfrist hatten die Trainer dem gelernten Angreifer den Vorzug vor Luca Waldschmidt gegeben. Im Spiel gegen den Ball gilt Höler als aggressiver als der eher feingliedrige Techniker, der zur neuen Saison vom Hamburger SV gekommen war. Doch wenn Höler den Ball hat, fehlen ihm oft die Ruhe und die notwendige Übersicht, um die Mitspieler zu finden.

"Ganz schlimm" empfand vor der Heimfahrt Streich-Vertreter Lars Voßler in erster Linie das frühe erste Gegentor für seine Mannschaft: "Wenn du dir in der Pause vornimmst, aggressiv anzulaufen, Hoffenheim unter Druck zu setzen und vielleicht die nächste Chance zum 2:0 zu nutzen, dann ist dieser Plan relativ schnell kaputt gewesen." Und vieles habe man ja auch "ganz gut" gemacht. Auch die befragten Pascal Stenzel und Christian Günter empfanden die Niederlage als bitter. Günter empfahl gleichwohl, den Kopf oben zu behalten. "Man habe in Freiburg mit solchen Erlebnissen Erfahrung", sagte der Abwehrspieler und lasse sich "so schnell nicht" unterkriegen. Und vielleicht, so die Hoffnungen aller Freiburger, kommt ja auch Trainer Christian Streich bald aus dem Krankenstand zurück.

Auf Reisen zu ihren jeweiligen Auswahlmannschaften gehen in den nächsten Tagen: Nils Petersen (A-Nationalmannschaft), Pascal Stenzel und Luca Waldschmidt (deutsche U23), Philipp Lienhart (Österreich) und Neuzugang Roland Sallai (Ungarn).