Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.
09. März 2010 18:31 Uhr
Qualitätsmängel
SC Freiburg: Die große Analyse der Lage
Warum ist der SC Freiburg Tabellenvorletzter in der Fußball-Bundesliga? Warum ist die Mannschaft derzeit nicht konkurrenzfähig? Die Gründe sind vielfältig, die Probleme nicht einfach zu lösen. Eine Analyse.
SPIELWEISE
Zu Beginn der Saison, als unbeschwerter Aufsteiger, spielte der Sportclub attraktiv. Kurzpass, schnelles Umschalten, mutiges Vorstoßen. Seinerzeit versprach Trainer Robin Dutt, man werde nicht abrücken vom wilden Sturm-und-Drang-Spiel. Aber Heim-Niederlagen wie die gegen Leverkusen (0:5) und später gegen Bremen (0:6) hinterließen Spuren. Dutt verordnete seinem Team eine Ergebnis orientiertere Spielweise. Die Erfolge auf Schalke (1:0), in Bochum (2:1) und Nürnberg (1:0) schienen ihm Recht zu geben. Doch schleichend ging die Balance verloren, der Kombinationsfußball verschwand.
Da im neuen Sicherheitskonzept individuelle Fehler nicht ausblieben, gab es weitere Niederlagen – zuletzt in Serie. Das Selbstvertrauen bröckelte, der technisch feine SC-Angriffsfußball mutierte vermehrt zur Zwei-Varianten-Angelegenheit: Entweder Rück- und Querpässe oder weit und hoch geschlagene Bälle in des Gegners Hälfte, meist auf Mohamadou Idrissou. Spielerisch derart verarmt ist die Freiburger Offensive einfach auszurechnen.
Werbung
Flanken und eigene Standards, vergangene Spielzeit noch eine Stärke, sind nun ein Problem, das sich durch die Saison zieht. Kaum ein Eckball hat genug Höhe, um den ersten Abwehrspieler des Gegners zu überwinden, von der fehlenden Schärfe ganz zu schweigen. Die Flankenbälle sind noch kläglicher, werden meist aus dem Halbfeld geschlagen, fliegen ohne jede Präzision in den Strafraum – oder gleich ins Nichts. Erwähnter Verlust des Selbstvertrauens hat zudem zu schwindender Pass-Qualität geführt.
PERSONAL
Als Verein mit unterdurchschnittlichem Etat (Hannover 96 gibt 29 Millionen Euro und damit doppelt so viel für Personal aus) war der Sportclub in der ersten Liga von jeher darauf angewiesen, dass zwei Kriterien erfüllt werden. A: Um konkurrenzfähig zu sein, müssen sich junge Spieler schnell und kontinuierlich weiterentwickeln. B: Bei den Neuzugängen muss die "Trefferquote" überdurchschnittlich gut sein. Beides ist in dieser Saison nicht der Fall. Junge Akteure wie Flum und Schuster, in der zweiten Liga Leistungsträger, haben erhebliche Anpassungsprobleme, Intensität und Tempo der Eliteklasse bereiten ihnen Schwierigkeiten. Eke Uzoma, Andreas Glockner und Alain-Junior Olle Olle wurden ausgeliehen, ihnen traute man die erste Liga gar nicht erst zu. Daniel Caligiuri, Jackson Mendy und Daniel Williams rückten im Verlauf der Saison in den Profikader auf, stabil hohes Niveau können sie noch nicht garantieren. Aus dem Kreis der Youngster ist einzig Ömer Toprak den Erwartungen gerecht geworden.
Das gilt bei den Neuzugängen mit Abstrichen für Felix Bastians. Er hat den Sprung zum Stammspieler geschafft. Cedrick Makiadi zwar auch, doch er leidet darunter, vom Stürmer zum Defensivspieler umfunktioniert worden zu sein, kann den Anforderungen nicht entsprechen. Du-Ri Cha ist nach starken Leistungen zum Saisonauftakt in ein tiefes Loch gefallen, Stefan Reisinger lediglich Ergänzungsspieler, Mensur Mujdza – eigentlich Daniel-Schwaab-Ersatz Nummer eins – spielt überhaupt keine Rolle. Hamed Namouchi, im Winter gekommen, ist dauerverletzt. Papiss Demba Cissé hat in acht Spielen immerhin zwei Tore erzielt und ein gewisses Können angedeutet – trotz des bedauernswerten Auftritts gegen Hannover 96.
ZENTRALES PROBLEM
Seit Saisonbeginn ist Robin Dutt auf der Suche nach einer vernünftigen Besetzung der Mittelfeldzentrale. Ivica Banovic erledigt seinen Job vor der Abwehr dank seiner Erfahrung zwar einigermaßen solide, offensive Akzente kann er aber nicht setzen. Für die Doppelsechs vor der Abwehr hat Dutt kein funktionierendes Duo gefunden. Er wechselte immer wieder zwischen Johannes Flum, Julian Schuster, Cedrick Makiadi und Banovic. Das Entwicklungspotenzial von Flum und Schuster hat Dutt überschätzt. Wobei sie auch kaum die Gelegenheit bekamen, sich über mehrere Spiele in Folge zu bewähren. Die Folgen sind nicht zu übersehen: Das Aufbauspiel übers Zentrum ist eher bremsend denn antreibend. Es fehlt an Tempo – nicht nur den Spielern selbst, sondern vor allem ihren Pässen. Die Gegner haben meist ausreichend Zeit, sich defensiv zu ordnen. Und um eine stehende Abwehr zu knacken, fehlt es dem Sportclub schlicht an individueller Klasse in Eins-gegen-Eins-Situationen.
KEINE STAMMFORMATION
Was seine Aufstellungen anbelangt, scheint Robin Dutt in einen Teufelskreis geraten zu sein. Häufige Personal-Rochaden bringen wenig Stabilität und Spielfluss. Als er es drei Partien hintereinander mit derselben Startelf versuchte, waren die Leistungen einiger Akteure allerdings so schwach, dass der SC-Coach nicht umhin kam, zu wechseln. Die grundlegenden Fehleinschätzungen in Sachen Entwicklungspotenzial junger Spieler und bei den Neuzugängen haben Dutt in Bedrängnis gebracht. Seine permanenten Rotationen auf den Außenbahnen, in Mittelfeld-Zentrum und Angriff zeugen von einer gewissen Ratlosigkeit. Hinzu kamen Verletzungen, speziell jene von Ömer Toprak und Pavel Krmas, die vergangene Saison als starkes Innenverteidiger-Paar großen Anteil am Aufstieg gehabt hatten.
LÄHMENDE VERNUNFT?
Die SC-Verantwortlichen haben zweifellos keine einfache Aufgabe. Zum Konzept der wirtschaftlichen Vernunft, gestützt von guter Nachwuchsarbeit, gibt es an einem wirtschaftsschwachen Standort wie Freiburg keine Alternative. Zu Recht verweisen sie daher immer wieder darauf, dass die Zugehörigkeit zur ersten Liga mehr Geschenk denn Selbstverständlichkeit und der Abstieg in Liga zwei stets eine Möglichkeit sei. Das haben schon der verstorbene erste Vorsitzende Achim Stocker und Ex-Trainer Volker Finke getan, Letzterer so lange, bis es keiner mehr hören wollte und konnte. Aufbruchstimmung und Leidenschaft sind so indes schwer zu schaffen, schon gar nicht in einer Stadt, die mehr Event- denn gewachsenes Fußball-Publikum beheimatet.
Wer in Liga eins immer wieder von der zweiten Liga spricht (oder sprechen muss), erzeugt im Laufe der Jahre eine gewisse Gleichgültigkeit im Umfeld. Dass in einem so wichtigen Spiel wie zuletzt gegen Hannover nicht mehr als 19 100 Zuschauer ins Stadion kommen, um ihr Team im Kampf gegen den Abstieg zu unterstützen, sagt viel. Fast scheint es, als werde der mögliche Gang zurück in Liga zwei bereits wieder als notwendiges Übel hingenommen. Das Problem ist, dass es keinen Ausweg zu geben scheint. Das Konzept ist alternativlos und um glaubwürdig zu bleiben, können die Verantwortlichen auch das Thema zweite Liga nie ausblenden.
FAZIT
Der SC Freiburg steckt in einer schwierigen, vermeintlich aussichtslosen Situation. Die Qualität der Mannschaft scheint derzeit angesichts des fehlenden Selbstvertrauens nicht erstligatauglich, auch im Umfeld ist kein Aufbäumen zu erkennen. Was bleibt, ist die Gewissheit, dass es der Mannschaft so gut wie nie an Einsatzwillen mangelte (Ausnahme ist das 0:3 gegen Berlin). Und dass der Sportclub besser Fußball spielen kann als in den vergangenen Wochen. Die Auftritte zu Saisonbeginn haben das gezeigt. Voraussetzung ist, dass Trainer Robin Dutt endlich eine Stammformation findet. Da herausragende Einzelkönner fehlen, kann die Wende nur über das Mannschaftsspiel gelingen. Noch neun Spiele bleiben Zeit.Und zumindest Dutt sagt: "Ich bin hundertprozentig überzeugt, dass wir es schaffen."
- Fussball und Gewalt: Nach Überfall auf SC-Fans: Ermittlungen eingestellt
Autor: René Kübler
