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08. August 2008 13:06 Uhr

Interview mit Doping-Bekämpfer Werner Franke

"In Peking erwischt man nur ein paar Dumme"

Werner Franke bekämpft Doping so vehement wie kein anderer in Deutschland. Er glaubt, dass bei den Olympischen Spielen nahezu flächendeckend manipuliert wird. BZ-Redakteur Andreas Strepenick sprach mit ihm.

  1. Werner Franke Foto: SEEGER

FREIBURG. Werner Franke bekämpft Doping so vehement wie kein anderer in Deutschland. Genau deshalb gehört er in einigen Kreisen des Sports aber auch zu den Bestgehassten. BZ-Redakteur Andreas Strepenick fragte ihn, wie nun bei Olympia in Peking gedopt wird und welche Methoden der Manipulation gerade besonders beliebt sind. Franke untersucht außerdem im Auftrag der Albert-Ludwigs-Universität die Geschichte des Dopings in Freiburg.

BZ: Freuen Sie sich auf Peking?
Franke: Freuen? Der von den Medien hochgetrimmte Olympia-Hype geht mir glatt an irgendeinem Körperteil vorbei. Ich werde mir – wenn’s passt – das Eine oder Andere anschauen, aber natürlich als kritisch Denkender und Wissender, nicht als olympisch TV-Vernebelter.

BZ: Was wissen Sie denn?
Franke: Ich weiß – und kann es auch durch Dokumente belegen –, dass es in den letzten Jahren eine weitere Spirale in der Entwicklung des Dopings und seiner Vertuschung gegeben hat: Hightech-Doping. In der Weltspitze wird inzwischen auf hohem, wissenschaftlich und durch eigene Messungen der Täter abgesichertem Niveau gedopt und vertuscht. Wer in Peking an den Start geht, wiederholt doch nicht die Fehler anderer, und er weiß in der Regel, dass er so in seinem olympischen Doping-Zustand nicht erwischt werden kann. Wie zum Beispiel schon die fünffache Medaillengewinnerin von Sydney 2000, USA-Sprinterin Marion Jones, immer betont hat: Sie ist in 160 Dopingkontrollen nie aufgefallen. Ich hatte die Ergebnisse ihrer bei der riesigen USA-Diagnostik-Firma Quest Diagnostics durchgeführten heimlichen Vorkontrollen kurz vor Sydney in Händen und habe sie 2004 der "Frontal 21"-Redaktion des ZDF überlassen, die sie auch während der Spiele in Athen gesendet hat. Da sieht man ganz klar: Präzise an die Grenzwerte herangedopt. Sie ist natürlich aber trotzdem gestartet. Und hat weiter gelogen.

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BZ: Aber nun sitzt sie im Gefängnis.
Franke: Aber doch nicht wegen ihres Doping-Betrugs, sondern wegen ihrer Lügen vor einer "Grand Jury", was in den USA als schweres Vergehen gilt und entsprechend hart bestraft wird.

BZ: Ist Ihr Bild von Olympia nicht doch zu düster? Viele freuen sich darauf.
Franke: Kein Wunder. Das gibt es all paar Jahre: Medien-geförderte Volksverdummung. Seit 1972. Und in Deutschland immer mit besonderer Beteiligung der Sportmedizin der Universität Freiburg im Breisgau: Massenhaftes Doping, weltweite Körperverletzung junger Menschen und Beihilfe dazu. Ich zitiere hier den Bundesgerichtshof! Dabei besonders systematisch-verbrecherisch: Staatlich tolerierte und in manchen Staaten sogar staatlich gelenkte Virilisierung von Mädchen und jungen Frauen.

"Und dann rufen mich

sonntags Kontrolleure in

Heidelberg an, um sich ihren Frust von der Seele zu reden."

Über Tricks der Athleten und Helfer
BZ: Aber zumindest das gab und gibt es in Westdeutschland so gut wie nicht, das war doch DDR-spezifisch.
Franke: Oh je! Sind Sie aber verbildet. Allein in der Leichtathletik zur Erinnerung: Birgit Dressels Doping und Tod, die Taten des Sprinterinnen-Virilisierungs-DLV-Bundestrainers und Rechtsanwalts Jochen Spilker, der Virilisierungs-Wurftrainer Christian Gehrmann. Und als jüngstes ruchloses Beispiel aus dem Jahre 2004: Der mehrfache Wiederholungstäter, 2002 zum "Trainer des Jahres" gewählt, Thomas Springstein, der 16-jährigen Mädchen das Testosteronester-Präparat Andriol unter dem Lügen-Label "Vitamintabletten" verabreichte. Wie immer gab es dafür in unserem scheinheiligen Land nur kleine Geld- und Bewährungsstrafen.

BZ: Dennoch – heute vor Peking: Hat sich nicht doch etwas wesentlich gebessert? Übertreiben Sie nicht ein wenig?
Franke: Allein was in den letzten Wochen als kleine Spitze eines großen Eisbergs entdeckt worden ist, beweist es doch: Gerade sind nahezu die gesamte bulgarische und griechische Gewichtheber-Mannschaft mit Anabolika-Doping aufgeflogen, letztere mit aus China bezogenen Präparaten! Oder auf einen Schlag sieben russische Weltklasse-Leichtathletinnen erwischt – darunter Weltrekordler und Weltmeister.

BZ: Aber das IOC hat betont, dass in Peking noch mehr Kontrollen als in Athen vorgenommen werden sollen, mehr als 4000.
Franke: Wieder so ein Argument für Dumme! Das ist doch in seiner bescheuerten Logik schon vom Ansatz her lächerlich: Wenn es keinen validierten Test gibt, eine bestimmte Dopingsubstanz oder -methode nachzuweisen, dann nutzen auch noch so viele Kontrollen nichts. In Peking – wie in Athen – kann man vor Ort ja nur ein paar Dumme oder Hasardeure erwischen. Die wesentlichen Dopingmittel werden doch – versteckt in irgendwelchen Trainingslagern auf einer Karibikinsel oder im Hochland Kasachstans – Monate vorher angewandt.

BZ: Oder in Süd- und Ostafrika…
Franke: Auch beliebt. Das wird alles lange vorher genommen, in der Hochintensivtrainings-Phase der Vorbereitungszeit. Aber da wird ja selten effektiv kontrolliert. Und ein bis zwei "Missed Tests" geben höchstens Ermahnungen, aber keine Sperre. Die griechischen Sprint-Olympiasieger Kenteris und Thanou lassen hier zum Beispiel grüßen.

BZ: Thanou war keine Olympiasiegerin.
Franke: Doch, doch. Da Marion Jones ihre Goldmedaille von Sydney zurückgegeben hat, gehört sie jetzt ihr. Obwohl man den beiden Griechen sowieso noch eine Sondermedaille für olympisches Mixed-Doppel-Motorrad-Verfolgungsfahren überreichen sollte!

BZ: Sie scheinen nicht viel von den derzeitigen Kontrollen in der Trainingszeit zu halten.
Franke: Weil ich weiß, wie sie umgangen und ausgetrickst werden. Auch in Deutschland. Und dann rufen mich sonntags Kontrolleure in Heidelberg an, um sich ihren Frust von der Seele zu reden.

BZ: In China soll das Kontrollieren besonders schwierig sein.
Franke: Klar. Sie brauchen erstens jeweils Visa. Dann können Sie kein Chinesisch. Dann sind die Athleten gerade weit weg in einer Provinz. Alles sehr lustig.

BZ: Sie behaupten, es gebe ein Grund-Doping-Prinzip für große Wettkämpfe wie die Olympischen Spiele.
Franke: Aber das kennt man doch: Nach der Hochtrainings-Hochdoping-Phase hält man mit kleinen Dosen nur noch das erreichte Niveau aufrecht. Man bleibt dabei so auch immer unterhalb der bekannten Grenzwerte und der Nachweisgrenze, auch bei EPO.

BZ: Welche verbotenen Substanzen sind derzeit im Spitzensport gebräuchlich?
Franke: Die meisten kennt man ja schon, zum Beispiel aus dem Victor-Conte-Arsenal des Balco-Skandals in den USA. Oder von den Ermittlungen der Guardia Civil bei Eufemiano Fuentes und seinen Kollegen in Spanien. Oder von den italienischen Ermittlungen. Aber auch von den Erfahrungen und Aussagen zum Zentral-Doping der Freiburger Sportmedizin, sei es das frühere System Professor Armin Klümper oder das besonders scheinheilige System Professor Joseph Keul.

BZ: Das letztere interessiert uns natürlich besonders.
Franke: In jüngster Zeit hat man hier ja von den Aussagen der Radrennfahrer Jörg Jaksche und Patrik Sinkewitz vor der Staatsanwaltschaft beziehungsweise dem Bundeskriminalamt sehr präzise Angaben erhalten.

BZ: Im Detail?
Franke: Da ist zunächst das gentechnologische Präparat IGF-1, der "Insulin-ähnliche Wachstumsfaktor 1", Fuentes-Deckname "Ignacio", zusammen mit dem schon länger missbrauchten Wachstumsfaktor HGH – "Niño" im Fuentes-Code. Besonders IGF-1, für das es überhaupt keinen zugelassenen Test gibt, ist das ultimative Hormon mit sehr breiter Wirkung in vielen Organen, auch und gerade in der Regeneration zwischen harten Trainingseinheiten. Wird offiziell von der kalifornischen Firma Tercica hergestellt und vertrieben; es gibt natürlich auch einen Schwarzmarkt. Es ist nur in wenigen Ländern und nur sehr eingeschränkt für wenige genetisch oder krankheitsbedingte Fälle von Kindern und Jugendlichen mit Zwergenwuchs zugelassen, wie zum Beispiel solchen Fällen, in denen so genannte Autoantikörper gegen das körpereigene Wachstumshormon gebildet werden. Zusätzlich wird hier noch Insulin und – manchmal auch – Schilddrüsenhormon gegeben, für die es ebenfalls keine zugelassenen Tests in Peking gibt.

BZ: Und das Ausdauer-Dopingmittel Erythropoietin, also EPO?
Franke: Hier gibt es das eigentliche Natur-EPO, dann EPO-Modifikationen, die zum Teil viel länger stabiler und länger wirksam sind, wie das kürzlich bei der Tour de France bei drei schlecht beratenen Fahrern nachgewiesene Cera der Firma Roche.

BZ: Aber da EPO-artige Verbindungen die Ausdauerleistung fördern, kommen sie nur für bestimmte Sportarten in Frage.
Franke: Das dachten und denken noch viele. Es ist aber falsch. EPO – das weiß man seit dem Herbst 2004 genau – wird auch in sehr vielen anderen Sportarten, vor allem auch in Schnellkraft-Disziplinen wie den Sprints, systematisch genommen. Das kam mit brutaler Klarheit bei der Verhandlung gegen Michelle Collins heraus, der USA-400-Meter-Läuferin und 200-Meter-Hallen-Weltmeisterin von 2003. Die Dopingkontroll-Experten waren verblüfft, als sie feststellen mussten, dass zum Beispiel Sprinter systematisch EPO-artige Substanzen im Training nehmen, um etwa die Sauerstoff-Bindungs-Regenerationszeit zwischen hochintensiven Sprints zu verbessern und so viel größere Trainingsvolumina bewältigen zu können. Dabei wurde Collins so eingestellt, dass ihr normaler Hämatokrit-Wert von rund 39 bis 40 Prozent auf Werte zwischen 44,0 bis 49,5 angehoben war, also unter dem Grenzwert von 50 blieb, der – wenn überschritten – dann in der Regel genauere EPO-Nachweise veranlasst. Das steht alles sehr aufschlussreich und detailliert im Sportgerichtsurteil der Usada vom 9. Dezember 2004, seitdem weiß man: Auch Sprinter nehmen EPO – im Training.

BZ: Auch Eigenblut-Doping scheint immer noch Alltag zu sein.
Franke: Richtig. Im Grunde eine recht alte – und immer noch nicht nachweisbare – Methode, die schon in den 1970er Jahren verbreitet war. Der frühere Chefarzt der US-Olympia-Mannschaft hat in seinem Buch "Drugs, Sports and Politics" erstmals berichtet, wie bei den Olympischen Spielen 1984 einmal fast die gesamte US-Rad-Mannschaft in einem Hotel zur Re-Infusion in den Betten liegend angetroffen worden war. Wie das heutzutage mit 100-prozentiger Sicherheit abläuft, hat zum Beispiel Jaksche ausführlich in Ansbach den Ermittlungsorganen berichtet: Der Sportler spendet zunächst in der Vorsaison Blut, das kühl gespeichert wird. In Jaksches Fall entweder bei Dr. Fuentes in Madrid oder bei Dr. Choina in der Helios-Klinik in Bleicherode am Harz, dem deutschen Vertreter des Fuentes-Netzwerks. Da lesen Sie dann, wie der Sportler – meist mit Bancotel-Vouchers – in dem ausgemachten Hotel – dort zum Beispiel das Schlosshotel in Karlsruhe – ein Zimmer belegt. Dann kommt irgendwann der Dopingarzt, in diesem Fall wieder Dr. Choina, reinfundiert das Blut, gibt eventuell noch ein paar Präparate mit auf den Weg und macht den nächsten Treffpunkt aus. Dann verschwindet der Arzt, etwas später – separat – der frisch gedopte Sportler, der eine über die Rezeption oder das Restaurant, der andere direkt über die Tiefgarage: Die beiden, Doper und Gedopter, werden so auch nie zusammen gesehen: Ein voll konspiratives System: 007-artig. Lesen Sie Jaksche oder Sinkewitz, sonst glauben Sie es nicht!

"Beide, Doper und Gedopter, werden nie zusammen

gesehen: Ein voll konspiratives System: 007-artig."

Wie es heutzutage gemacht wird
BZ: Ein anderer Fuentes-Kunde, der US-Olympiasieger im Straßenrennen von Athen 2004, Tyler Hamilton, ist aber schließlich doch beim Blutdoping erwischt worden.
Franke: Ja, aber erst später. Und bei ihm handelt es sich um blutgruppenverträgliches Fremdblut-Doping. Und dafür gab es – was er nicht wusste – ein in Australien entwickeltes Nachweisverfahren! Er durfte übrigens im Gegensatz zu Marion Jones und den US-amerikanischen Staffel-Sprintern seine Goldmedaille behalten. How do you spell corrupt?

BZ: In Sydney 2000 gewann Jan Ullrich Gold und Andreas Klöden Bronze.
Franke: Und wenn Sie den Zwischenbericht der Freiburger Expertenkommission dazu lesen, müssen Sie mir erklären, weshalb deren Medaillen nicht zurückgegeben werden.

BZ: Was olympische Medaillen angeht, gewann zum Beispiel der Zeitfahrer Robert Lechner in Seoul 1988 Bronze und hat nun gestanden, dabei auch gedopt worden zu sein.
Franke: Ja, und zwar in diesem Fall von Dr. Georg "Schorsch" Huber, Sportmediziner bei Professor Keul. Und Huber gab ihm sogar das Stanozolol-Präparat Stromba, ein bekannt lebertoxisches Steroid, also von einer Pharmaka-Gruppe, von der Keul zuvor immer betont hatte, auch öffentlich, gerade diese würde man wegen ihres Schadensrisikos eben nicht geben. Wenn dann schon eher reine Testosteron-Ester. Skrupelloser Doping-Opportunismus also!

BZ: Freiburger Ärzte, auch Huber, haben betont, sie hätten Schlimmeres verhüten wollen. Kann es nicht sinnvoll sein, dass ordentliche Ärzte, erst recht Universitätsärzte, Doping lenken und beaufsichtigen?
Franke: Sie meinen, damit weniger Nebenwirkungen und Schäden entstehen? Kennt man schon von den DDR-Sportärzten! Aber es bleibt eine verlogene akademische Begründung für kriminelles Tun.

Autor: str


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