Umstrittenes Analysesystem im Einsatz

sid

Von sid

Do, 21. Juni 2018

Sportpolitik

Mit Potas wurden die ersten Spitzenverbände im deutschen Sport evaluiert / Positives Fazit.

POTSDAM (sid/BZ). Potas – der Begriff hat im deutschen Spitzensport lange Angst und Schrecken verbreitet. Die sogenannte Potenzialanalyse ist Herzstück der Reform, mit der Deutschland bei Olympischen Spielen wieder zu einer Top-Nation werden soll. Die sieben Wintersportverbände wurden jetzt evaluiert und haben offenbar gut mitgespielt.

"Es gab Widerstände auf dem Weg dorthin", räumte der 44-jährige Urs Granacher ein. Der Vorsitzende der Potas-Kommission sagte aber auch: "Wenn man jetzt die Rückmeldungen der Wintersportverbände aus dem Anhörungsverfahren auswertet, kann man ein positives Fazit ziehen." Granacher, der zwischen 1993 und 2000 in Freiburg unter anderem Sportwissenschaften studierte und es als Judoka bis in die Bundesliga schaffte, musste mit dem Startschuss im vergangenen Jahr viel Kritik einstecken. Mittlerweile aber hätten viele Funktionäre erkannt, dass das System im Sinne des Qualitätsmanagements notwendig sei. "Ich glaube nicht, dass man das Rad noch einmal zurückdrehen kann", sagt der Sportwissenschaftler. Bis zum 22. Mai mussten alle sieben Wintersportverbände 151 Fragen zu ihren 37 Disziplinen beantworten. Die Kommission wollte wissen, wo die Talente lauern, wie sie gefördert werden, wie wissenschaftliche Erkenntnisse genutzt werden. Nun ist alles im Kasten und die Auswertung kann beginnen.

Am 15. Juli startet die Überarbeitungsphase. Wenn die Daten aufbereitet sind, werden die Strukturgespräche unter dem Vorsitz des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) geführt, zudem tagt die Förderkommission unter Leitung des Bundesinnenministeriums (BMI). Bis Ende September werden dann die Disziplinen der sieben Verbände mit Blick auf die nächsten Olympischen Winterspiele in Peking 2022 in drei Cluster aufgeteilt, nach denen sich die Förderung richtet. Damit unterliege die Reform größtmöglicher Objektivität, sagen ihre Erfinder.

Bislang wurde stets geschaut, wie viele Medaillen beispielsweise bei den vergangenen Olympischen Spielen im Eisschnelllauf oder im Biathlon geholt wurden, und danach das Geld ausgeschüttet. Nun richtet sich die Förderung nach dem Potenzial. "Wir können mit diesen Daten nicht den Olympiasieger von morgen entwickeln", sagt Granacher, man könne aber "die Wahrscheinlichkeit für sportlichen Erfolg erhöhen."Angestoßen wurde die Reform noch unter dem alten Bundesinnenminister Thomas de Maiziere, der 30 Prozent mehr Medaillen bei Großveranstaltungen forderte. Zudem stellte der Bundesrechnungshof fest, dass die Bundesmittel für den Sport von knapp 170 Millionen Euro pro Jahr nicht nach transparenten Kriterien vergeben wurden.

Mittels der Reform soll auch mehr Geld beim Bund locker gemacht werden. Knapp 20 Millionen Euro sind für 2018 im Gespräch, für 2019 liegt der Mittelzuwachs bei 30 Millionen Euro. Am nächsten Mittwoch fällt fürs laufende Jahr die Entscheidung im Parlament. Granacher: "Alle Player der Reform sind sich einig, dass wir langfristig mehr Geld für den Spitzensport benötigen."