Sprache ist überlebenswichtig

Christoph Arens

Von Christoph Arens (KNA)

Do, 17. Januar 2019

Literatur & Vorträge

Autorin und Übersetzerin Mirjam Pressler gestorben.

"Mirjam Pressler ist eine scharfe Beobachterin, und ihr Gehör ist erschreckend gut. Bei ihr gibt es kaum abgegriffene Sätze, die Milieu-Schilderungen sind so präzise und facettenreich, dass sie dem Leser mühelos unter die Haut gehen." Diese Charakterisierung ihrer Person aus einer Schweizer Zeitung steht ganz vorn auf Presslers Homepage. Am Mittwoch ist Mirjam Pressler, eine der erfolgreichsten deutschen Kinder- und Jugendbuchautorinnen, nach langer Krankheit mit 78 Jahren in Landshut gestorben, wie die Verlagsgruppe Beltz in Weinheim mitteilte.

Pressler schrieb mehr als 30 Kinder- und Jugendbücher, immer nahm sie sich ernster Themen an: verletzte Kindheiten, Essstörungen, Aufwachsen in schwierigen sozialen Verhältnissen, Leben auf der Flucht. Zudem übersetzte sie mehr als 300 Werke aus dem Hebräischen, dem Englischen, dem Niederländischen und dem Afrikaans ins Deutsche, darunter Romane von John Steinbeck, Zeruya Shalev und Amos Oz.

"Für meine Helden ist Sprache lebenswichtig, überlebenswichtig, wer wüsste das besser als ich", beschrieb sie. Es sei eine große Herausforderung für Schriftsteller, Sprachloses in Sprache zu übersetzen. Pressler wuchs als uneheliches Kind einer jüdischen Mutter in einer Pflegefamilie in Darmstadt auf. Sie studierte an der Hochschule für Bildende Künste in Frankfurt am Main sowie Englisch und Französisch in München. Ein Jahr verbrachte sie in einem Kibbuz in Israel, 1970 kehrte sie nach München zurück. Dort heiratete sie einen Israeli und bekam drei Töchter. Nach der Scheidung arbeitete sie halbtags in einem eigenen Jeans-Laden und als Taxifahrerin. Erst 1979, mit fast 40 Jahren, begann sie zu schreiben. Schon für ihren ersten Roman "Bitterschokolade" (1980) erhielt sie den Oldenburger Jugendbuchpreis. Seitdem arbeitete sie als freie Schriftstellerin und Übersetzerin. Zuletzt lebte sie in Landshut.

Als ein Hauptwerk gilt die von ihr übertragene Kritische Werkausgabe der Tagebücher von Anne Frank. Für ihr Gesamtwerk erhielt die vielfach preisgekrönte Pressler unter anderem 2013 die Buber-Rosenzweig-Medaille der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit. Ihr letzter Roman erscheint posthum im März. In "Dunkles Gold" schlage sie mit der Geschichte um den Erfurter Goldschatz eine Brücke von den mittelalterlichen Pestpogromen zu aktuellen antisemitischen Entwicklungen in Deutschland, so ihr Verlag.