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29. Mai 2010
Bisher war die Versorgung optimal
Die Bereichsnotärzte St. Blasien/Bernau und Todtmoos wehren sich gegen eine geplante Reform des Rettungswesens.
ST. BLASIEN/TODTMOOS. Weil Notärzte die gesetzlich vorgeschriebene Hilfsfrist in einigen Teilen des Landkreises Waldshut nicht einhalten können, soll das Rettungssystem reformiert werden. Bei den Bereichsnotärzten (BNA) aus St. Blasien, Bernau und Todtmoos stoßen die Pläne auf Ablehnung, weil die Versorgung in der Region in der jetzigen Form vorbildlich funktioniert.
Acht niedergelassene Hausärzte teilen sich die Notarztdienste in und um St. Blasien, drei sind es in Todtmoos. Das sogenannte Bereichsnotarztsystem gibt es in St. Blasien seit 15 Jahren – und es hat sich bestens bewährt, betonen Dr. Christoph von Ascheraden, Dr. Winfried Bull und Dr. Georg Boedecker. Nicht an allen neun BNA-Standorten im Kreis funktioniert es so gut, deshalb hat der für den Rettungsdienst zuständige Bereichsausschuss ein Gutachten in Auftrag gegeben. Das Ergebnis: Es gebe nur zwei Möglichkeiten, wie die Notärzte die gesetzlichen Vorschriften einhalten und damit in 95 Prozent der Fälle den Einsatzort innerhalb von 15 Minuten erreichen könnten. Zum einen wäre das der Umbau aller im Landkreis vorhandenen Bereichsnotarztstandorte zu hauptamtlichen, rund um die Uhr besetzten Stützpunkten. Zum anderen der Umbau zweier BNA-Standorte (St. Blasien und Grafenhausen) zu Rettungswachen mit hauptamtlichen Notärzten, plus die Anschaffung eines Helikopters als Zubringer für Notärzte.Werbung
Der Bereichsausschuss sprach sich einstimmig für die Variante mit dem Hubschrauber aus. Die St. Blasier und Todtmooser Ärzte können darüber nur den Kopf schütteln. Auch Dr. Olaf Boettcher, der als medizinischer Berater im Bereichsausschuss sitzt ohne dabei stimmberechtigt zu sein, kann die Entscheidung nicht nachvollziehen und kritisiert das Gutachten. Darin ist die Rede von 335 Tagen pro Jahr, an denen der Hubschrauber fliegen könne. "Jeder Bürger weiß, dass diese Zahl utopisch ist." Bei Nacht, Nebel oder Schneegestöber kann nicht geflogen werden, die Topografie mache Landungen oft kompliziert bis unmöglich. Außerdem stehe ein künftiger Waldshuter Heli nicht nur dem Landkreis zur Verfügung, sondern müsse auch andernorts aushelfen. Derzeit sei die Versorgung mit den Hubschraubern, die in dringenden Notfällen aus Basel, Zürich, Villingen oder Freiburg anfliegen, vollkommen ausreichend. Einen eigenen brauche man nicht, er sei höchstens ein Prestigeobjekt.
Steht der Helikopter nicht zur Verfügung, kann die Hilfsfrist Bull, von Ascheraden und Boedecker zufolge nicht einmal mehr annähernd eingehalten werden. Selbst im Sommer sei es unmöglich, in einer Viertelstunde von St. Blasien nach Todtmoos zu fahren – geschweige denn bis nach Herrischried oder gar noch weiter zu kommen. Die Versorgung könnte sich in und um St. Blasien deshalb durch die Reform deutlich verschlechtern.
Olaf Boettcher hat sich dem Bereichsausschuss gegenüber klar gegen die vorgeschlagen Lösung ausgesprochen – damit aber nichts erreicht. "Hier will man etwas gut Funktionierendes gegen im wahrsten Sinne etwas vom Himmel Kommendes austauschen."
Ausschuss-Vorsitzender Peter Hofmeister spricht im Zusammenhang mit dieser Diskussion von einem Dilemma. Er räumt ein: "Die Notarztversorgung in St. Blasien funktioniert zu 100 Prozent und wir haben die Einrichtung des Bereichsnotarzt-Standortes damals auch unterstützt." Allerdings ginge es jetzt um den ganzen Landkreis und der Ausschuss sei gesetzlich verpflichtet zu handeln. Er erklärt: "Wenn irgendjemand praktikable Lösungsvorschläge hat, bin ich für jeden Hinweis dankbar." Hofmeister verstehe die ganze Aufregung nicht, zumal das System nicht von heute auf morgen umgeschmissen würde. "Realistisch ist ein Zeitraum von drei bis fünf Jahren."
Wird das BNA-System in St. Blasien und Todtmoos aufgelöst, stehen die betroffenen Mediziner nicht weiter als Notärzte zur Verfügung, "und damit sprechen wir nicht nur für uns, sondern für alle 25 BNA im Landkreis Waldshut", betont Christoph von Ascheraden. Sie würden nicht einsehen rund um die Uhr in der Rettungswache auf einen Einsatz zu warten und dadurch ihre Arbeit in den Praxen vernachlässigen zu müssen.
Boedecker, Bull und von Ascheraden kritisieren die Reform außerdem als unwirtschaftlich. Neben hohen Personalkosten für die Rund-um-die-Uhr-Besetzung fallen Kosten an für den Umbau der Rettungswache, ganz zu schweigen von den Kosten für einen Hubschrauber. Außerdem sehen sie im Vorstoß des Ausschusses ihre Arbeit und ihren Idealismus herabgewürdigt. Weiterhin prangern sie an, dass das Rettungssystem auch deshalb reformiert werden soll, damit mehr Patienten in die Krankenhäuser in Waldshut und Bad Säckingen eingeliefert werden. Da die Bereichsnotärzte die Patienten und deren Krankheitsgeschichte oft kennen, könne eine stationäre Behandlung häufig vermieden werden, ortsfremde Mediziner dagegen leiteten die Patienten öfter in die Kliniken weiter.
Die Bereichsnotärzte hoffen nun auf ein Gespräch mit dem Ausschuss, in dem sie ihre Argumente vorbringen können. Sie wünschen sich, dass Landrat Tilman Bollacher diese Gespräche moderiert.
Autor: Kathrin Blum und Katja Mielcarek


