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21. März 2017

Interpretation als fantastische Ausdrucksmusik

Fjodor Elesin konfrontiert in seinem Konzert in der Villa Ferrette Werke von Bach und Hindemith.

  1. In seinem Konzert „Bach & Freunde - Cello-Momolog II“ konfrontierte Fjodor Elesin Bach und Hindemith Foto: Karin Stöckl-Steinebrunner

  2. In seinem Konzert „Bach & Freunde - Cello-Momolog II“ konfrontierte Fjodor Elesin Bach und Hindemith Foto: Karin Stöckl-Steinebrunner

ST. BLASIEN. In seinem Konzert "Bach & Freunde - Cello-Monolog II" konfrontierte Fjodor Elesin Werke von Bach und Hindemith. Zunächst interpretierte er die Bach’schen Solosuiten Nr. 2 und Nr. 3, dann die fünfsätzige Sonate für Solocello von Paul Hindemith. Damit, so merkte er zu Beginn an, habe er nach dem ersten Konzert, in dem er eher auf die Nachfolge Bachs eingegangen sei, nun den barocken Meister selbst mehr in den Mittelpunkt gestellt.

Dem Trend der Zeit entsprechend, so verriet Elesin, habe Bach seine Suiten, die ja aus einer Folge von mehr oder weniger stilisierten, verschiedenen Ländern zuzuordnenden Tanzsätzen bestehen, immer ähnlich aufgebaut. Dem Prélude folgen jeweils fünf Tänze, und zwar in der Reihenfolge der deutschen Allemande, der französischen Courante, der spanischen Sarabande, des Menuetts respektive der Bourrée sowie als Abschluss der englischen Gigue.

Dabei machte Elesin in seiner Interpretation den Charakterunterschied zwischen der im eher düsteren d-Moll komponierten zweiten und der im eher heiteren C-Dur gesetzten dritten Suite deutlich. Vor allem aber gab er diesen Tanzsätzen einen hochdramatischen, extrem temperamentvollen Ausdruck, präsentierte einen exaltierten, durch und durch widerspenstigen Bach, kraftvoll, schnell, zupackend. In der d-Moll-Suite begann er mit intensivem Strich, gab sich in der Allemande unwirsch und durchzog sie mit schnellen, eruptiven Spurts. Auch die Courante spielte er in fliegender Eile und mit insistierendem Drängen. Die Sarabande hingegen umgab schwer lastend tiefe, hochherrschaftliche Trauer. Forsch, mehr zupackend denn tänzerisch, gebärdete sich das erste Menuett, gefolgt von einem beinahe anmutigen zweiten, und wie ein aufgeregter Wespenschwarm flog die Gigue durch den Saal.

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Die C-Dur-Suite dagegen präsentierte sich weit tänzerischer als die in d-Moll. Flott und akzentreich erklang das Prélude, die Allemande kam mit fröhlicher Ausgelassenheit daher, die Courante wirkte elegant, und auch die Sarabande war in ihrer Behäbigkeit keineswegs in solch trostlose Gedanken gehüllt wie ihre Vorgängerin. Das freie Spiel mit dem Tempo prägte die Bourées, und die Gigue wirkte beinahe triumphal.

Dass Hindemiths Cellosonate auch in C-Dur stehe, sei wohl die einzige Ähnlichkeit zu Bach, meinte Elesin entschuldigend. Was die beiden Komponisten in der Interpretation dieses Abends allerdings außerdem verband, war, dass der Interpret sie als fantastische Ausdrucksmusik gestaltete.

Elesin verleiht Hindemith stark perkussive Elemente

Dem ersten Satz von Hindemith verlieh Fjodor Elesin stark perkussive Elemente, kontrastierte exaltierte Hochtöne mit der rhythmischen Prägnanz harter Tonrepetitionen in tiefer Lage. Im starken Kontrast hierzu wirkte das Folgende wie der harmonisch leicht verfremdete Beginn eines Kinderliedes, angereichert mit Schnörkeln und Trillern. Kurze Melodiefloskeln eroberten sich die Szene, fielen zurück auf den Boden tiefer Akkorde, begannen mit großen Intervallsprüngen den Raum zu füllen, verebbten schließlich. Am Ende verwandelte sich die Sonate in ein Feuerwerk schneller Staccati, rhythmischer Akkordrepetitionen und punktierter Galoppsprünge.

Diesem rasanten Schluss setzte Elesin die Krone auf mit der Zugabe in Form eines als seine Lieblingsetüde angekündigten Stücks von Jean-Louis Duport, das in schier unglaublicher Geschwindigkeit vertrackte Arpeggien abspult. Der in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wirkende Duport selbst hatte ein 1711 von Antonio Stradivari gebautes Cello gespielt, das heute zu den wertvollsten bekannten Celli überhaupt zählt, und der Hausherr der Villa Ferrette, in der Elesins Konzert stattfand, Marc Pfirter, verriet den Anwesenden, Elesin werde in seiner russischen Heimat auch der Zar des Cellos genannt, denn er sei der einzige Virtuose, der das Cello des Zaren spielen dürfe, wenn er dort auftrete.

Autor: Karin Steinebrunner