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29. Januar 2012 14:52 Uhr
St. Blasien
Jung, weiblich, selbständig
Fünf Frauen aus der Region erzählen von ihrem Schritt in die Unabhängigkeit – und warum sie ihn jederzeit wieder gehen würden.
Feierabend hat Anja Keller eigentlich nie. Damit Aufträge rechtzeitig fertig werden, legt die Grafikdesignerin nicht selten Nacht- oder Sonntagsschichten ein. 60- bis 70-Stunden-Wochen sind die Regel, seit sich die 38-Jährige selbstständig gemacht hat. Den ersten Schritt in diese Richtung wagte sie vor sechs Jahren, als sie zusätzlich zu ihrer festen Anstellung freiberuflich Aufträge annahm und ihr eigenes Gewerbe anmeldete. Die Anfragen häuften sich, so dass Anja Keller vor zwei Jahren beschloss, den zweiten Schritt zu gehen: Sie gründete ihre eigene Werbeagentur "Sinopia". Der Gründungszuschuss der Arbeitsagentur hat ihr den Start ein wenig erleichtert.
Anja Kellers Kundenstamm ist mittlerweile beträchtlich, Gemeinden gehören genauso dazu wie Gesellschaften und Gastgeber, Verbände genauso wie Firmen. Für sie gestaltet Anja Keller den Werbeauftritt, Kataloge und Flyer. Obwohl die studierte Designerin damit eigentlich ausgelastet wäre, hat sie trotzdem zusätzlich ein zweites Standbein aufgebaut. Gemeinsam mit Benno Kaiser und Stefanie Ganter eröffnete sie vor eineinhalb Jahren den Laden "Heimatsinn" in Menzenschwand. Im ersten Jahr war die Arbeit im und am Laden zwar aufwendig, aber noch nicht sonderlich ertragreich. "Mittlerweile läuft es so gut, dass am Ende des Monats auch etwas übrig bleibt", sagt Anja Keller. Vor wenigen Wochen hat sie gemeinsam mit fünf weiteren Gesellschaftern außerdem das Berg-Beizle "Zum Kuckuck" eröffnet.
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Auf mehreren Standbeinen steht die Menzenschwanderin gut: Ist die Auftragslage in der Agentur mal dünn, überbrücken die Ladeneinnahmen Durststrecken – und umgekehrt.
MUT UND MOTIVATION
Kristin Müller stand vor der Arbeitslosigkeit, als sie beschloss, die Ärmel hochzukrempeln. Ihr damaliger Arbeitgeber zog sich aus Häusern zurück und schloss den Salon, in dem sie arbeitete. Die heute 28-Jährige ist kein Typ, der hadert. Sie zögerte nicht lange, legte die Meisterprüfung ab, bündelte Mut und Motivation – und machte sich vor zweieinhalb Jahren selbstständig.
Die ganze Familie half mit, den kleinen Laden aufzubauen. Zum Probesitzen im Frisörstuhl begleiteten sie Eltern und Geschwister, der Großvater vergab einen günstigen Kredit, Partner Uwe Baur verwandelte den zuvor tristen Raum in einen schicken Frisörsalon, die Freunde sprachen ihr Mut zu und packten beim Einzug mit an. Kristin Müller freut sich heute noch über die große Unterstützung, auf die sie zählen konnte, als sie sich selbstständig gemacht hat. Nicht nur von Familie und Freunden bekam sie Rückenwind, sondern auch von den Häusernern. Der Gemeinderat kam geschlossen zum Gratulieren, als sie eröffnete. Einige Mitglieder dieses Gremiums gehören mittlerweile zu ihren Stammkunden. Selbstverständlich findet sie das nicht, schließlich ist sie keine Einheimische. Ihre Ausbildung und die Liebe führten sie von Emmendingen in den Schwarzwald.
Bis Kristin Müller zum ersten Mal als Salonbesitzerin zur Schere greifen konnte, gab es viel zu tun. Sie musste die Finanzierung sicherstellen, einen Businessplan erarbeiten, sich mit Buchhaltung, Bilanzen und Bestellungen befassen. Bereut hat die Wahl-Bernauerin ihr Wagnis bislang nie. Sie hat viele neue Kunden gewonnen – und alte behalten, denen sie schon als Angestellte die Haare geschnitten hat.
Im März ist Kristin Müllers erste Auszubildende fertig. Wenn alles klappt, kann sie ihr eine Teilzeitstelle anbieten – und dann endlich selbst ein bisschen kürzertreten. "Manchmal arbeite ich neun Stunden am Tag, manchmal mehr." Aber sie habe damit gerechnet, vor allem am Anfang großen Einsatz bringen zu müssen. "Man braucht den festen Willen, das unbedingt machen zu wollen, dann schafft man es auch", glaubt sie. Lohn für die Mühe sind nicht nur eine klingelnde Kasse und der eine oder andere Euro Trinkgeld, sondern Kunden, die sich am Ende ihres Besuchs selbst im Spiegel anstrahlen.
GEDULD UND SPUCKE
Für die Gäste nur das Beste: Melanie Manns sammelte bei verschiedenen internationalen Arbeitgebern Berufserfahrung, bevor sie ihre Heimatverbundenheit zurück nach Menzenschwand und ihr Unternehmergeist sie in die Selbstständigkeit führte. Die Tourismusfachwirtin plant seit eineinhalb Jahren Reisen und Veranstaltungen für Gäste, die den Schwarzwald besuchen möchten. Die 32-Jährige bietet Touristen ein Komplettpaket an: Sie bucht das Hotel, kümmert sich um die Verpflegung, schlägt Ausflüge vor, reserviert Konferenzräume und sorgt dafür, dass es den Gästen an nichts fehlt. Außerdem bietet sie eigene Touren an, beispielsweise Fackelwanderungen, nächtliche Schlittensafaris oder Sonnenaufgangstouren. Sie zeigt den Gästen den Schwarzwald von seiner mystischen, geheimnisvollen Seite, deshalb liest sie bei ihren Touren gerne Sagen vor.
Um Kontakte zu knüpfen, ist Melanie Manns auch oft auf Messen, außerdem hält sie in verschiedenen Städten Vorträge über den Schwarzwald. Ideen für ihre Arbeit sammelt sie jeden Tag: "Ich kann da gar nicht so strikt zwischen Arbeit und Freizeit trennen", erklärt sie. Arbeitsstunden zählt sie nicht, "aber es sind schon deutlich mehr, als wenn ich angestellt wäre". Melanie Manns sagt: "Zu Beginn der Selbstständigkeit braucht man vor allem Geduld und Spucke." Sie hat beides und den Anfang hinter sich, inzwischen läuft ihr kleines Unternehmen "Schwarzwald Incoming" sehr gut.
ENTSPANNUNG & BESINNUNG
Vom Entspannen lebt Annelen Waldvogel nicht. Noch nicht. Und selbst wenn sie es könnte, wären vor allem die anderen entspannt: Die 31-Jährige hat in Menzenschwand ein kleines Studio eingerichtet, in dem sie ayurvedische Massagen, Reiki, Ohrenkerzenanwendungen und Entspannung nach Jacobson anbietet. Die gelernte Krankenschwester arbeitet nach wie vor im Rehazentrum Todtmoos, baut sich aber nebenher ein zweites Standbein auf. Dafür hat sie sich bei einem Berufsverband zur sogenannten Gesundheitspraktikerin für Entspannung und Vitalität (BfG) weitergebildet und in Kursen verschiedene Techniken gelernt.
Nach ihrer Ausbildung zur Krankenschwester wollte Annelen Waldvogel eigentlich nie wieder lernen. "Später ist mir dann doch langweilig geworden und ich wollte mehr machen", erzählt sie. Anfangs verwöhnte sie mit ihrem neuen Wissen in ihrer Freizeit Freundinnen. Heute kommt schon ein kleiner Kundenstamm mehr oder weniger regelmäßig zu ihr, deshalb hat sie auch ihre Arbeitszeit als Angestellte reduziert.
Gelernt hat die Menzenschwanderin in den vergangenen Jahren nicht nur Entspannungstechniken, sondern auch jede Menge in Sachen Buchhaltung und Marketing. Das alles musste nebenher laufen – denn abgesehen von der Arbeit in der Todtmooser Klinik engagiert sich Annelen Waldvogel auch in der Menzenschwander Bergwacht und im Bernauer Gospelchor Stimmen-Los. "Man muss schon in manchen Bereichen zurückstecken, wenn man sich etwas aufbauen will, aber andererseits gibt es mir auch viel, mich verwirklichen zu können."
Auch wenn es Arbeit und Aufwand bedeutet, entspannt es Annelen Waldvogel, wenn ihre Kundinnen nach einem Besuch in ihrem Studio glücklich, zufrieden – und entspannt nach Hause gehen.
HOCHZEIT UND SCHÖNHEIT
Geht nicht, gibt’s nicht bei Nicole Denz. Die 31-Jährige hat das kleine Brautstüble "Cosbrana" mitsamt Kosmetik- und Nagelstudio aufgebaut, drei Kinder und arbeitet stundenweise in ihrem gelernten Beruf als Altenpflegerin bei der Sozialstation. Langeweile war also sicherlich nicht der Grund für ihren Schritt in die Selbstständigkeit. "Ich wollte von zu Hause aus arbeiten und mein eigener Chef sein", erklärt die Menzenschwanderin.
Da sie auch ausbildete Naturkosmetikerin und Nageldesignerin ist, beschloss sie, eine kleine – wie sie es nennt – Beauty-Oase einzurichten. Zum Brautstüble kam sie, weil es im weiten Umkreis keinen Brautmodenladen gibt. Bei Nicole Denz können Kundinnen Kleider kaufen oder leihen. Auch um das Zubehör kümmert sie sich – nach Absprache. "Ich habe keine festen Öffnungszeiten und die braucht es auch nicht, denn Laufkundschaft gibt es in Menzenschwand ohnehin kaum." Außerdem kann sie sich die Termine so legen, dass sie nicht mit dem Familienleben kollidieren. "Am besten sind Termine morgens, wenn die zwei Großen aus dem Haus sind und der Kleine schläft." Ansonsten springt die Schwiegermutter als Babysitterin ein und abends kümmert sich ihr Mann um die Kinder. "Das funktioniert ganz gut", sagt die 31-Jährige.
AUSTAUSCH UND ANREGUNG
Sich selbstständig zu machen bedeutet erstmal, alleine für alles verantwortlich zu sein. So ganz alleine geht es aber nicht. Kristin Müller, Anja Keller und Melanie Manns betonen, wie wichtig ein funktionierendes soziales Netz ist. So unterstützt etwa Anja Kellers Partner sie in Sachen EDV, hilft mit Kritik und Anregungen, die eine oder andere Grafik zu verbessern. Nicht zu unterschätzen sei auch der Austausch mit anderen Selbstständigen. "Wir motivieren und inspirieren uns gegenseitig", sagt Anja Keller. Kein Wunder, dass sie Nicole Denz, Melanie Manns und Annelen Waldvogel in Sachen Design berät.
Genauso wichtig wie der Austausch ist Durchhaltevermögen. "Der Stress ist positiv, man arbeitet ja für die eigene Sache", sagt Anja Keller. Aber irgendwann ist es genug: Dieses Jahr will sie endlich einmal Urlaub machen, kündigt sie an. Und schiebt gleich nach: "So drei, vier Tage am Stück, das wär’ schon schön."
Autor: kbl


