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15. Oktober 2012

Klang der Jahrhunderte

Das Hilliard-Vokalensemble zaubert fremde Welten in den Dom.

  1. Begeisterte im Dom mit seltener Vokalmusik: Das britische Hilliard-Ensemble. Foto: Sigurd Kaiser

ST. BLASIEN. In gleichsam paradiesische Klangsphären erhoben die vier Sänger des Hilliard-Vokalensembles ihr Publikum, als sie am Samstagnachmittag die gewaltige Raumdimension des Doms mit ihren leuchtenden, wandlungsfähigen Stimmen erfüllten.

Das rund um den Globus bekannte Sängerquartett hatte sich ein Programm vorgenommen, welches in zweierlei Hinsicht hohe Anforderungen stellte: Zum einen an die Interpreten selbst, zum anderen aber auch an die Zuhörer, denn diese mussten sich auf den eingangs vielleicht ein wenig befremdlich wirkenden Kontrast zu vertrauten Hörgewohnheiten einlassen, um sich ganz dieser reichen, vielgestaltigen Musik hingeben zu können. Ausgehend von der Frühphase der abendländischen Mehrstimmigkeit, führte das auch nahezu unbekannte Komponisten würdigende Programm (zur besseren Erschließung mit ins Deutsche übersetzten Gesangstexten versehen) durch die Jahrhunderte bis in die Gegenwart hinein.

Gleich der weit bis ins ausgehende 12. Jahrhundert zurückführende Eröffnungsgesang eröffnete eine Welt ungewohnter Höreindrücke: Vokalisen-artig eindringlich ausgesungene Tonsilben folgten in repetierender Eindringlichkeit und behutsam an- und abschwellender Dynamik einem feinnervigen Puls, der die vier Stimmen vorwärts trug und zugleich ein ankerndes Zentrum umkreisen zu lassen schien. Erstaunlich, wie modern diese jahrhundertealte Musik von Magnus Perotinus ("Viderunt omnes") daherkam.

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Das im 13. Jahrhundert entstandene "Stirps Iesse" eines unbekannten Komponisten ließ jeden der vier Sänger in solistisch eingefügten Passagen buchstäblich zu Wort kommen und verströmte einen sanften, ruhigen, geradezu liedhaften Zauber. Interessant hiernach der Sprung in die Moderne mit zwei Stücken des zeitgenössischen Komponisten Jonathan Wild. Fächerten sich im ersten Gesang unisono gesungene Passagen immer wieder zu akkordischer Stimmenführung in wendungsreicher Harmonik auf, so bestach das Folgestück durch die atemberaubende Präzision der in verschiedenen Kombinationen erklingenden Stimmen. Diesen Eindruck verstärkte noch das um 1500 entstandene "Ah! Gentle Jesu" (Sheryngham), in dem sich ein dialogisierender Zwiegesang in Frage und Antwort-Manier vollzog.

Eine ideale Wahl hatte Titularorganist Bernhard Marx mit Auszügen aus zwei Orgelsinfonien (der neunten und der fünften) Charles-Marie Widors getroffen. Der in warmem Timbre glühende Klangcharakter des "Andante sostenuto" korrespondierte stimmig mit dem zuvor Gehörten und erweiterte komplementär dessen Klangraum. Den folgenden Variationen-Satz ließ Marx in wechselnden Farben und Stimmungen, Tempi und dynamischen Fühlungen aufscheinen, durchwoben von kompositorisch reicher Fantasie wie interpretatorischer Empathie für diese romantische Klangsprache.

Auch im zweiten Vokalteil mit Werken aus der Renaissance ("Ave Maria" von J. Desprez), einem preisungsvollen "Gloria" aus dem 14. Jahrhundert und zweien in der Gegenwart zu verortenden Textvertonungen Arvo Pärts unterstrichen die vier Profi-Sänger ihren qualitativen Anspruch sowie ihre jedem einzelnen Werk in seiner individuellen Charakteristik gerecht werdende, bis ins Detail sublim ausbalancierte Ausgestaltung und -formung.

Rahmend umfasst von Pärts geistlicher Vokalmusik, führten vier armenische Gesänge nicht nur in die unbekannte Sphäre der armenischen Sprache, sondern öffneten zudem einen Klangraum traditioneller armenischer Musik, den wohl kaum einer der Zuhörer je zuvor betreten haben dürfte. G. de Machauts Ehrgesang "Gloria" sollte zwar laut Programm den musikalischen Schlusspunkt setzen. Doch dem großen Applaussturm fügte das Hilliard-Ensemble dann doch noch eine Zugabe an.

Autor: Sigurd Kaiser