Die Lehren der Geschichte

(ST)EINWURF: Keine einfachen Wahrheiten

Robert Bergmann

Von Robert Bergmann

Sa, 01. September 2018

Steinen

Welche Lehren wir aus der Geschichte ziehen können? Sehr viele, wenn wir denn bereit wären, uns die Vergangenheit daraufhin anzuschauen, was sie uns fürs heutige Leben lehrt, statt sinnlos die Jahreszahlen der Gründung Roms oder des Prager Fenstersturzes herunterzubeten. Leider aber macht es uns die Geschichte nicht immer ganz einfach, die Lektion herauszubekommen, die in einem historisch verbrieften Vorgang steckt. Ich habe mich ja nun zum wiederholten Male mit dem Mord an jungen Zwangsarbeitern durch quasi gleichaltrige Hitlerjungen aus der Region am Ende des Zweiten Weltkriegs in Hägelberg und Elbenschwand beschäftigt. Unfassbar erscheint uns Nachgeborenen dieser Achtfachmord auf den allerersten Blick und dann – unter dem Aspekt von Befehl und Gehorsam auch wieder erklärbar. Dass die Jugendlichen sich einem machtvoll auftretenden "Kriegshelden" wie Leutnant Rahäuser nicht in den Weg stellen mochten, als dieser sie mit barschen Worten aufforderte, ihre "militärische Pflicht" zu erfüllen, dafür dürfte der ein oder andere Verständnis haben. Lautet die historische Lektion in diesem Fall somit, dass auch wir nicht gefeit wären, eine grausame Tat zu begehen, wenn denn zuvor nur genügend psychischer Druck auf uns ausgeübt wird? Schauen wir nun aber genauer hin, ist auch dieser Fall durchaus komplex. Da ist jener junge HJ-ler , der – als er erfährt, dass die jungen Zwangsarbeiter ermordet werden sollen – zwei von ihnen warnt und ihnen zur Flucht verhilft. Einer von 20 hat also den Mumm und das Hirn, sich dem brutalen Befehl zu widersetzen. Sollte die Lektion also ganz anders lauten? Etwa so, dass Zivilcourage möglich ist – selbst wenn einem die ganze Kindheit über inhumane Propaganda ins Hirn geknetet wurde? Es ist wirklich ein Kreuz mit der Geschichte. Nie gibt sie klare Antworten. Ständig sind wir gefordert, selbst nachzudenken und eigene Schlüsse zu ziehen. Vielleicht ist aber auch einfach der Anspruch zu hoch, aus der Vergangenheit lernen zu wollen. Manch einer von uns lernt schließlich noch nicht einmal aus dem, was ihm in der unmittelbaren Gegenwart so alles passiert.