Elsass

Bodensanierung in Hüningen - ein weltweit einmaliger Fall

Annette Mahro

Von Annette Mahro

Fr, 19. Juli 2013

Saint-Louis

Die Bodensanierung im Areal der im Vorjahr stillgelegten Industriekläranlage in Hüningen kommt planmäßig voran.

HÜNINGEN. Die Sanierung der am Rhein gelegenen Hüninger Industriekläranlage Steih kommt planmäßig voran. Der Rückbau der drei riesigen Becken und der vollständige Aushub der 55 000 Quadratmeter großen, im Süden direkt an den Basler Novartis Campus anschließenden, Fläche ist das in seiner Art bisher weltweit größte Sanierungsprojekt; es wird etwa 100 Millionen Euro verschlingen und einstweilen vom Pharmakonzern Novartis bezahlt. Rund 55 Prozent des Erdreichs, so schätzen die Verantwortlichen, ist mittel bis schwer mit dem giftigen Hexachlorcyclohexan (HCH) verseucht.

226 000 Kubikmeter Erde werden bis März 2014 hier bewegt sein und etwa 124 000 davon an industrielle Abfallentsorger vor allem in Holland, aber auch in Deutschland und Dänemark verschickt. Alles, was mehr als 20 Gramm HCH pro Kilogramm Erde enthält, wird dann bei Temperaturen von bis zu 1000 Grad Celsius verbrannt, geringere Belastungen nur erhitzt, bis der Schadstoff gasförmig wird, um dann seinerseits verbrannt zu werden. Gegraben wird voraussichtlich bis zu einer Tiefe von 14 Metern, was hier oberhalb des Grundwasserspiegels bedeutet. Zweimal pro Woche werden 3000 Tonnen vorwiegend per LKW aber auch zu Wasser und Schiene abtransportiert. Bisher sind rund 48 000 Kubikmeter oder 90 000 Tonnen Erde ausgehoben. Was als unbedenklich eingestuft ist, wird zwischengelagert und wieder verwendet.

Allen sei daran gelegen, mit offenen Karten zu spielen, lobte der stellvertretende Bürgermeister und Premier Adjoint von Hüningen Martin Welte an der gestrigen Medienorientierung. Nur so könne er Anfragen der Bevölkerung beantworten und Bedenken über Sicherheitsgefährdungen zerstreuen. Von ungefähr kommen sie indes nicht, allein der Geruch, der sich im Areal ausbreitet, ist gewöhnungsbedürftig. Im Innern ist der nach außen mit Stacheldraht und Sicherheitspersonal abgegrenzte Standort in drei Zonen eingeteilt. In der knapp bemessenen grünen dürfen sich Beschäftigte und Besucher noch ungeschützt bewegen, in der orangefarbenen gelten Helm-, Stiefel- und Mundschutzpflicht, während Arbeiter die schwarze Zone, die innerhalb der großen, die Ausgrabungen hermetisch abdeckenden Zelte liegt, nur mit Gasmaske und speziellen Anzügen betreten.

Die Bilder wiederholen sich an den alten Chemiemüllkippen in der Region. Selten wusste man aber so genau, was dort lagert, wie hier. Das HCH stammt aus Industrieabfällen, die bei der Produktion des Insektizids Lindan (Info) anfallen, das hier bis Anfang der 70er Jahre die nicht mehr existente Chemiefirma Ugine-Kuhlmann herstellte. Obgleich die Belastung des Geländes bekannt war, kauften die Novartis-Vorgänger Sandoz und Ciba das Areal und errichteten ab 1972 ihre Abwasserwiederaufbereitung, da damals die ungefilterte Einleitung in den Rhein verboten wurde. Genutzt wurde die Steih zuletzt von Novartis, dem 2012 geschlossenen Clariant-Werk, TFL und BASF. Aufgrund einer neuerlichen Verschärfung der Grenzwerte für die Abwassereinleitung in den Rhein lohnte sich aber auch für sie ein Weiterbetrieb nicht mehr.

Was nach Abschluss der Sanierung und Wiederauffüllung bis Mitte 2014 aus dem Areal werden soll, das zu 99,5 Prozent Novartis gehört, steht noch in den Sternen. Selbst, wie die Kosten der Aktion am Ende aufgeteilt werden, ist noch nicht ganz sicher. Und auch wenn das, wie die Verantwortlichen betonen, dann ohne Gesundheitsrisiken ginge, alles bewusst auf eine "sensible Nutzung" ausgelegt werde, wird es in dem im städteplanerischen Entwicklungsgebiet "3Land" gelegenen Areal kaum je ein Wohngebiet geben. Das wäre auch nicht im Sinne der Stadt, Arbeitsplätze erhalten oder schaffen will. Als Zwischennutzung sei stattdessen an Parkplätze gedacht, so Novartis-Pressesprecher Felix Räber. Der Lieblingsidee des Hüninger Maires Jean-Marc Deichtmann erteilte Räber dagegen gestern noch einmal eine klare Absage: "Der Campus hört an der Grenze auf. Eine Erweiterung nach Huningue ist zu 99,9 Prozent nicht geplant."