Ein beglückender Traum

Nicolaus Cybinski

Von Nicolaus Cybinski

So, 24. Juni 2018

Kunst

Der Sonntag Ständiger Verwandlung widmet sich die Fondation Fernet-Branca in St. Louis.

Fünf Künstlerinnen und Künstler untersuchen in den großartigen Räumen der Stiftung Fernet-Branca in St. Louis den Wandel aller Dinge. Die Resultate sind zum Teil bezaubernd.

"L’impermanence", was meint dieses Wort? Um sicherzugehen fragte ich eine Französin, wie sie das Wort verstehe, denn meine Lexika führen es gar nicht. Ich erfuhr: "C’est ce qui n’est pas permanent, ce qui est temporaire. Le temps, les choses, la vie…" Dafür ist unser Wort "Vergänglichkeit" wohl die gemäße Übersetzung, allerdings nicht in dem eingeschränkten Verständnis des Memento mori, sondern als Ausdruck einer ständigen Verwandlung alles Lebendigen und Bestehenden. Und in diesem Verständnis zeigen Léa Barbazanges, Céline Cléron, Marie Denis, Stephane Guiran und Philippe Lepeut in den großartigen Sälen der Fondation Fernet-Branca in Saint-Louis, was ihnen zu diesem Thema eingefallen ist. Und das ist eine sehenswerte Vielfalt.

Gleich in Saal eins überrascht Philippe Lepeut, 1957 in Nantes geboren und heute im Elsass lebend, mit einem Block von 120 Aquarellen im Din-A4-Format, die ein fruchtförmiges Gebilde in Nuancen farblich variieren. Was auf die ersten Blicke hin nicht sonderlich "aufregend" erscheint, wird beim langen Hinsehen zum überraschend lebendigen Spiel mit dem Thema der Vergänglichkeit als ständiger Verwandlung. "D’où regarde-t-on?" und "Que regarde-t-on?", fragt er und meint, was wir sehen und von welchem Blickpunkt aus wir es sehen. Und aus den Bruchstücken, die er sehend wahrnimmt, und in denen Vergangenheit und Gegenwart aufeinander treffen und die Zeit aufheben, bildet er ein Ensemble, er nennt es "fiction", und in der erscheint eine neue Realität als aventure romanesque.

In Saal zwei ereignet sich eine Art Wunder: "La vie fleurit dans un jardin d’intentions." So umschreibt Stéphane Guiran, 1968 in Draguignan geboren, seinen Beitrag zum Thema "l’impermanence". In seinem jardin d’intentions – die Ausstellungshalle übersetzt: "Garten der Absichten"– hatte ich das Gefühl, plötzlich in einem märchenhaften Zaubergarten zu sein, in dem die Prosa des Lebens vergessen ist.

Weiße, unterschiedlich lange, etwa zehn Zentimeter breite Bänder, vom Wind sanft bewegt, hängen von der schwarzen Decke. Zwischen den Bändern blinken kleine helle Lichtpunkte wie ein Schwarm Glühwürmchen in einer frühen mediterranen Nacht. Man geht durch einen dunklen Gang und steht plötzlich am Rande eines Raums, in dem Tausende auf dünnen Stängeln sitzende Glasblumen blühen, und der sich dank der ihn umschließenden Spiegel ins Endlose weitet. Klänge sind zu hören, und da die Blüten aus Kristallgläsern sind, ergänzt ein sachte vibrierendes Leuchten die Musik und lässt einen glauben, hier blüht das Leben tatsächlich, ein Leben, wie es nur die Märchen kennen. Vergänglichkeit als Traum, den zu träumen beglückend ist.

Wieder erwacht, betritt man in Saal drei die kristalline Welt der Léa Barbazanges, 1985 in Rennes geboren. Mit bewundernswerter Empfindsamkeit "inszeniert" sie ihre Bilder und Basreliefs aus dünngeschliffenen, lichtdurchlässigen Kristallen, zum Beispiel im Triptychon "Magnolia macrophylla – les masques", wo sie gedruckte Blätter eines Baumes auf einer Aluminiumplatte in feinster Verästelung erscheinen lässt. So auch in den großformatigen an Bilder erinnernden Skulpturen "Cristaux", hier werden hauchdünne Strukturen sichtbar, die unsere Blicke nur erkennen, wenn wir die Augen zwingen, genau und lange hinzuschauen. Eine bisher unerkannte Vergänglichkeit in einer unentdeckten Welt.

Leichter haben es unsere Augen in Saal vier, wo Marie Denis, 1972 in Bourg-Saint-Andéol geboren, ihre drei großen pflanzenartigen Skulpturen zeigt, die wie zum Beispiel "La mandela cuivre" und "La mandela noir" ein Zusammenspiel aus Natur und Kunst sind. Fantastische Gebilde, in denen beide Welten eine imaginäre Realität kreieren, bei der man nicht gleich an Vergänglichkeit denkt, und die dennoch integraler Bestandteil dieser Ausstellung sind.

Zuletzt Saal fünf, wo Céline Cléron, 1976 in Poitiers geboren, das Thema der Ausstellung wörtlich nimmt, wenn sie an schlanken hölzernen Maßstäben, die an der Wand fixiert sind, oben Skelette von Tierköpfen wie Antilope und Pelikan festmacht. Wie subtil Cléron handwerklich arbeitet, beweist das Skelett einer Schlange, das sie über ein schwarzes Gitter gelegt hat und das in diesem Zusammenspiel dokumentiert, dass für sie Handwerk, Kunst und Natur ein untrennbares Ensemble bilden.
L’IMPERMANENCE, Fondation Fernet-Branca Saint-Louis, Mittwoch bis Sonntag 13 bis 18 Uhr (bis 30. September 2018).