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20. Mai 2014

Auch im Kleinen monumental

BEI UNS DAHEIM: Sonderausstellung beleuchtet das Lebenswerk der St. Märgener Künstlerin Ursula Schrumpf.

  1. Groß war das Interesse an der Sonderausstellung von Ursula Schrumpf. Foto: Alexandra Wehrle

ST. MÄRGEN. "Das hätte ich ja nie gedacht, dass ich so was mal erlebe", sagte Ursula Schrumpf am Sonntagnachmittag bei der Eröffnung der Sonderausstellung zu ihrem Lebenswerk im Klostermuseum. Die 89-Jährige bedankte sich im rappelvollen Kapitelsaal bei den St. Märgenern "für dieses große Geschenk", aber auch für die jahrzehntelange Begleitung und Unterstützung ihrer Familie.

Sehr viele Menschen waren zur Eröffnung gekommen. Auch die Familie der Bildhauerin war anwesend, darunter ihre drei Enkel und sechs Urenkel. Die Zithergruppe aus Ihringen mit Rainer Schrumpf, dem Sohn der Bildhauerin, sorgte für den angemessenen Rahmen.

"In St. Märgen gibt es kaum ein Haus, in dem sich nicht eine Arbeit von ihr befindet", sagte Antje Lechleiter, Kunsthistorikerin aus Freiburg in ihrer Laudatio. Sie würdigte die jahrzehntelange Arbeit der Bildhauerin, die mit dem Messer umgegangen sei, seit sie es halten konnte. "Das Schnitzen ist schon angeboren gewesen", habe die Künstlerin einmal zu ihr gesagt.

Schrumpfs Arbeitsweise kennzeichne, dass sie ihre Motive anhand des vorgegebenen Materials entwickelt. "Die Form ergibt sich über die Maserung, die Farbe und die Beschaffenheit des Holzes",

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so Lechleiter. Dennoch sei den Werken anzusehen, mit welchen Bildhauern sie sich beschäftigt habe, etwa Aristide Maillol, dessen Einfluss man an der Prüfungsarbeit von 1944, einer Frauenfigur, gut erkennen könne. Die Figur sei monumental, voluminös und sinnlich weiblich. Auch Werke kleinerer Formate strahlten diese Monumentalität aus, zudem eine eher nach innen gerichtete Lebendigkeit und ein In-sich-Ruhen. "Sie findet ihre bildnerische Form in der unmittelbaren Kontaktaufnahme." In ihrer Zeitlosigkeit hielten sie allgemeingültige, menschliche Zustände fest.

Die persönliche Seite der Bildhauerin beleuchtete Schrumpfs älteste Tochter Henriette Althoff. "Hier im Kapitelsaal schließt sich der Kreis", stellte sie fest. Der Saal war früher aufgeteilt in Zimmer, die zu verschiedenen Wohnungen gehörten. Zwei der Zimmer seien Teil der Wohnung von Ursula Schrumpfs Schwiegereltern gewesen. Als die Bildhauerin 1947 erstmals St. Märgen besuchte, reiste sie mit dem Zug bis Himmelreich und wanderte zu Fuß mit den Koffern durch Wagensteig hinauf, um nachts an der Schrumpfschen Haustüre zu klingeln. "Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen", so Althoff. Mit ihrer Werkstatt im Klosterhof hatten ihre Eltern "alle Hände voll zu tun". Gebrauchsgegenstände aus Holz waren nach dem Krieg gefragt. In der Vorweihnachtszeit wurden Krippen hergestellt und in ganz Deutschland und ins Ausland verschickt. Das Einkommen war bescheiden, oft wurde in Naturalien bezahlt.

Nach einer kurzen Zeit im Ohmenhäusle zog das Ehepaar Schrumpf ins Haus Schuler in der Wagensteigstraße 4, in dem die Bildhauerin heute noch im Dachgeschoss wohnt. Die Werkstatt im Erdgeschoss gibt es seit 1971. "Unsere Mutter war immer für alle ansprechbar", Einheimische wie Kurgäste. Ein Schaukasten gegenüber der Goldenen Krone lockte Kundschaft an, Verkaufsraum war das Wohnzimmer. Spannend sei es immer gewesen, wenn die Mutter neue Werke entwickelt habe, so Althoff. Auch wenn sie immer gearbeitet habe: "Sie war für uns Kinder jederzeit da, wir spielten die erste Geige. Auch wenn das Geld knapp war, es fehlte uns an nichts." Spielsachen fertigte die Mutter selbst. Mit ihrer Familie in Leipzig hielt sie stets engen Kontakt, anfangs über hunderte Briefe, die noch erhalten sind und sich wie ein Tagebuch lesen, später per Telefon. Einmal jährlich nach Leipzig zu fahren, war ein Muss. Ursula Schrumpf brachte ihren Kindern Kunst und Kultur nahe. Als sie aus dem Haus waren, kam wieder das Klavier ins Wohnzimmer, auf dem sie heute noch spielt. "Sie arbeitet noch immer, aber nur für die Familie. Die Werkbank steht immer noch im Mittelpunkt", so Henriette Althoff. Nach der Ausstellung bleibe ein großer Schatz für die Familie zurück: Ein ausführliches Werkverzeichnis mit Bildern von Herbert Mark. Althoff dankte ihm und dem Museumsteam für die Vorbereitung der Schau.

Dann ging es "mit geschärftem Blick" (Althoff) hinab ins Erdgeschoss zur Ausstellung. Dort sind Frauenfiguren und andere Objekte zu sehen, meist gegenständlich, teils abstrakt, daneben Springerle-Model, Krippen, die teils verstellbar sind, Marienfiguren sowie Puppen, samt selbst gefertigter Kleidung.

Puppen werden verglichen

So mancher Betrachter entdeckte Nachbildungen von Werken, die er selbst von besitzt, Familienmitglieder hatten eigene Puppen mitgebracht und verglichen sie mit denen in den Schaukästen. Die Stimmung war herzlich. Mittendrin ging eine kleine Frau mit wachem Blick umher und freute sich über die Besucher – die Bildhauerin. Ihre Lebensumstände machten es oft erforderlich, dass Gebrauchsgegenstände statt hoher Kunst gefertigt werden mussten. "Als Mann wäre ich weitergekommen", hat Ursula Schrumpf einmal gesagt. Es dauere lange, bis man wahrgenommen werde. Doch Ursula Schrumpf ruht in sich und schaut laut Tochter Henriette zufrieden auf ihr Leben zurück – ohne Bitterkeit. Es scheint, sie hat alles richtig gemacht.

Die Ausstellung ist bis 6. Januar 2015 zu den Öffnungszeiten des Kloster Museums zu sehen: Jeden Sonn- und Feiertag von 10 bis 13 Uhr, bis 1. November und in den Schulferien zudem mittwochs und donnerstags ebenfalls von 10 bis 13 Uhr.

LEBEN UND WIRKEN

4. Oktober 1924: Ursula Schrumpf wird in Leipzig-Eutritzsch geboren.
1941 bis 1944: Studium an der Staatlichen Schnitzschule Empfertshausen in der Rhön. Abschluss als staatlich geprüfte Bildhauerin.
1947: Erste Ausstellung in Thüringen. Erster Besuch in St. Märgen bei ihrem früheren Mitschüler und späteren Mann Viktor Schrumpf.
1948: Flucht aus der sowjetischen Besatzungszone nach St. Märgen. Heirat und Gründung einer gemeinsamen Werkstatt im Klosterhof.
1949 bis 1955: Geburt der vier Kinder.
1958: Nach der Scheidung arbeitet Ursula Schrumpf allein weiter. Mit ihren künstlerischen Arbeiten bestreitet sie den Lebensunterhalt für sich und ihre Kinder selbst.
2003: Teilnahme an der Gruppenausstellung "St. Märgen: Eine Spurensuche – zehn Begegnungen".
2013: Schrumpf erhält den Europäischen Gestaltungspreis im Rahmen der Ausstellung "Weibsbilder" der Landesinnung der Holzbildhauer in Karlsruhe, Lichtenstein/Sachsen und Brüssel.
Heute arbeitet Ursula Schrumpf noch jeden Tag an ihren Werken.  

Autor: awe

Autor: Alexandra Wehrle