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19. Mai 2017

Der Landmarkt macht dicht

Der einzige Lebensmittelladen in St. Märgen will zum 27. Mai schließen / Ein Grund sind sinkende Kundenzahlen.

  1. Der Landmarkt in St. Märgen: Seit 1956 gibt es in der Gemeinde ein Lebensmittelgeschäft. Foto: Tanja Bury

ST. MÄRGEN. Das vergessene Pfund Butter, die ausgegangene Milch, die sporadisch gekaufte Brezel – "davon kann ich nicht leben", sagt Jürgen Gerlach. Der 43-Jährige betreibt seit 2015 den Landmarkt in St. Märgen. Jetzt soll Schluss sein: Am 27. Mai wird der einzige Lebensmittelmarkt am Ort seine Türen schließen. Gründe für den Schritt – der für viele in der Gemeinde überraschend kommt – sind sinkende Kundenzahlen, und wie Gerlach sagt, Mängel am Gebäude.

Zwei ältere Herren stehen an der Kasse. Beide kaufen sie die Zeitung – und nutzen die Begegnung für ein kurzes Schwätzchen. Treffpunkt Dorfladen. Beim Obst schaut sich eine Rentnerin fragend um. "Wo sind denn die Zitronen?" Die gibt es heute nicht und vielleicht auch bis zur Geschäftsaufgabe am Samstag in einer Woche nicht mehr. "Der Ausverkauf läuft", sagt Gerlach. Schaut man sich um, kann man es sehen: Die Lücken in den Regalen künden vom nahen Ende.

Ein Lebensmittelladen gehört in St. Märgen seit 1956 zum Ortsbild. Als Gerlach den Landmarkt – an gleicher Stelle wie einst das Urgeschäft – vor drei Jahren eröffnete, kamen durchschnittlich 300 Leute täglich ins Geschäft und kauften ein. Heute sind es noch knapp 200. Nur die wenigstens von ihnen holen nach seiner Aussage das bei Gerlach, was sie fürs tägliche Leben brauchen. "Die meisten kommen, wenn sie bei Aldi und Edeka was vergessen haben", schildert er seine Erfahrungen. Und schiebt hinterher: "Das ist nicht fair."

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Kritik und Wünsche

blieben aus

Mit einem Tante-Emma-Laden in Freiburg-Littenweiler hat 1992 alles angefangen. "Sieben Jahre habe ich das Geschäft geführt – dann kam das Zentrum Oberwiehre." Seit zehn Jahren führt er den Landmarkt samt Café in Buchenbach, auch in Merzhausen ist er mit einem Geschäft vertreten. Beide Geschäfte laufen weiter. Vor zwei Jahren hat Gerlach die Bäckerei Schuler gegenüber des Landmarkts gepachtet und führt sie als Bäckerei und Café. Auch das wird so bleiben. Hier will er nach der Schließung des Landmarkts eine kleine Nahversorgungsecke einrichten. Drei Teilzeitkräfte sind im Markt beschäftigt. Zweien hat Gerlach gekündigt, die dritte wechselt ins Café.

Jürgen Gerlach ist klar, dass er preislich mit den Discountern auf der grünen Wiese nicht mithalten kann. "Es gibt nur noch einen Großhändler, der so kleine Läden wie mich beliefert. Der hat schon schlechte Einkaufspreise – und die kommen bei uns an", benennt Gerlach die Marktmacht der Ketten. Er habe deshalb in seinem Sortiment in St. Märgen auf regionale Produkte gesetzt und auf den – eigentlich – großen Vorteil vertraut, den ein Laden in der Ortsmitte für die Leute darstelle. "Wir haben ja auch etliche treue Kunden – alte wie junge. Und sie waren fassungslos, als sie von der Schließung erfahren haben", sagt Gerlach. Der überwiegende Teil aber kaufe eben woanders ein. Als die Weckle fürs jüngste Rossfest in Neustadt statt bei ihm gekauft worden seien, habe ihn die Wut gepackt.

Stimmt vielleicht mit Qualität oder Aufmachung etwas nicht? Wenn es so wäre, sagt Gerlach, hätte er sich gewünscht, dass man es ihm sagt. Doch Kritik sei nicht gekommen. "Erst im Januar haben wir nochmal umgebaut und die Meinung und Wünsche der Kunden abgefragt. Es gab keine Rückmeldungen." Viele kleine Läden hätten mittlerweile schwer zu kämpfen, sagt Jürgen Gerlach, "das weiß ich aus Gesprächen mit Kollegen". Die Schließung des Landmarkts in St. Märgen, davon ist der Einzelhändler überzeugt, wird in naher Zukunft nicht die letzte sein.

Neben schwindenden Kundenzahlen komme in seinem Fall noch das schwierige Verhältnis mit der Vermieterin des Gebäudes dazu, sagt Gerlach. Er spricht von Mängeln, die bewusst nicht behoben werden. Die Vermieterin will sich auf BZ-Anfrage dazu nicht äußern. Nur so viel: "Die St. Märgener können sich ein Bild machen." Ansonsten haben die Anwälte das Sagen.

Enttäuscht ist Jürgen Gerlach auch von der Gemeindeverwaltung. "Da hätte ich mir mehr Unterstützung gewünscht." Vor einiger Zeit sei es – begleitet von der Industrie- und Handelskammer – um ein Nahversorgungskonzept gegangen. Drei Termine habe es dazu gegeben, weiter sei nichts passiert. Für die Option, dass Rewe bei Gerlach einsteigt, hätte die Verkaufsfläche vergrößert werden müssen. "Auch hier wollte sich die Verwaltung einsetzen", sagt Gerlach.

Bürgermeister Manfred Kreutz verweist auf die privatrechtliche Auseinandersetzung zwischen Vermieterin und Mieter, in die sich die Gemeinde nicht einmische. Doch sollte es einen Vermittler brauchen, stehe er zur Verfügung. "Es laufen Gespräche in verschiedene Richtungen", sagt er außerdem. Die Nahversorgung in seiner Gemeinde liegt ihm am Herzen. Die Kundenfrequenz in St. Märgen hält er für so hoch, dass ein Laden in St. Märgen überleben kann.

Jürgen Gerlach will sich Gesprächen nicht verschließen, wie er sagt. "Doch sie müssen fair und ehrlich geführt werden." Auch ihm liegt an dem Geschäft in St. Märgen. "Letztendlich aber haben es die Bürger in der Hand, ob es in ihrer Gemeinde einen Laden gibt oder nicht", fügt er noch hinzu.

Autor: Tanja Bury