"Die Politik sollte vor allem zuhören"

Erich Krieger

Von Erich Krieger

Sa, 15. Juli 2017

St. Märgen

Petra Krödel aus St. Märgen formuliert für Kirchentag Resolution, die sich gegen menschenunwürdige Abschiebungen wendet.

ST. MÄRGEN. Petra Krödel aus St. Märgen zählt zu den Hunderttausenden von Menschen in Deutschland, die sich seit Jahren mit hohem persönlichem Einsatz in sozialer Eigenverantwortung ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe engagieren. Durch die tägliche Betreuung von Flüchtlingsfamilien aus verschiedensten Krisengebieten ist sie mittlerweile zur Spezialistin für Asylrecht ebenso wie für die Bewältigung des fast unüberschaubaren bürokratischen Aufwands von Asylverfahren seitens der Betroffenen geworden.

Im lokalen Helferkreis erlebt Petra Krödel ständig hautnah alle Höhen und Tiefen dieser menschlichen Ausnahmesituationen mit. Darüber hinaus tauscht sie sich im ehrenamtlichen Helferkreis unabhängiger Flüchtlingsinitiativen Südbaden mit Gleichgesinnten über Erfahrungen aus. Sie kann sich durch all dies ein kompetentes Urteil über die komplexe Gesamtsituation erlauben.

Wie bei vielen Anderen wächst bei ihr die Erbitterung über die Entwicklung der derzeitigen Abschiebepraxis der Bundesregierung, die bei nicht wenigen Helferinnen und Helfern zu Frust, Resignation und Rückzug führt. "Wir sehen, wie traumatisierte Kinder aufblühen, Freunde und Anschluss in der Schule finden, ihre Eltern sich um Arbeit aller Art bemühen, um ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen und auch unsre Sprache erlernen", sagt sie. Durch den von der Politik verabschiedeten Katalog der "sicheren Herkunftsländer" seien viele dieser oft gut integrierten Menschen von Abschiebung bedroht, obwohl in diesen Ländern nach wie vor Diskriminierung, Terror und Gewalt herrschen. Besonders empört sie, dass dies oft überfallartig bei Nacht und Nebel geschieht und die ehrenamtlich Engagierten keinerlei Einfluss auf die Verfahrensweise nehmen können, obwohl sie die Betroffenen am besten kennen. Dies wiege umso schwerer, weil ohne den Einsatz der Ehrenamtlichen die Flüchtlingsbetreuung vor Ort gar nicht funktionieren könne. Stattdessen würden mit dieser Abschiebepraxis "Jahre der erfolgreichen Begleitung mit einem Schlag weggewischt".

In ihrer Wut darüber formulierte sie zunächst nur für sich einen Text, der all dies analysierte und eine Asylpolitik forderte, die sich nicht gegen die geflüchteten Menschen richtet. Sie sollte sich viel mehr an den Geboten der Mitmenschlichkeit orientieren und die Abertausende von Engagierten müssten dabei mitbestimmen und -gestalten können. Diese Gedanken besprach sie mit den unabhängigen südbadischen Flüchtlingsinitiativen, dem Flüchtlingsrat Baden-Württemberg und dem Helferkreis in St. Märgen. Bei allen fand sie Zustimmung und im Gespräch wurde der Text geringfügig verändert.

Petra Krödel schlug vor, diese Forderungen als Resolution beim Evangelischen Kirchentag an geeigneter Stelle einzubringen, den sie sowieso besuchen wollte. Gemeinsam mit dem Flüchtlingsrat Baden-Wüttemberg wurde das Vorhaben auf den Weg gebracht und dabei war einiges zu beachten. Für die Verabschiedung von offiziellen Resolutionen beim Kirchentag gibt es Verfahrensregeln. Der Text muss klare Forderungen enthalten, an konkret benannte Adressaten gerichtet werden, darf keine unüberprüfbaren Fakten enthalten und bei der Abstimmung müssen mindestens 500 Teilnehmer zugegen sein.

Wenig Sympathie für die Regierungspolitik

Für das Einbringen der Resolution wurde die Kirchentags-Veranstaltung "Gehet hin in alle Welt" in der Podienreihe "Flucht, Migration, Integration" ausgewählt. Und da alle Bedingungen erfüllt waren, sollte Petra Krödel als Initiatorin das Anliegen am Ende der Veranstaltung selbst vortragen. Bei dieser mehrstündigen und gut besuchten Veranstaltung hatte zuvor die bekannte Politikwissenschaftlerin Gesine Schwan die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung scharf kritisiert und "sichere Fluchtwege statt Abschottung" gefordert, die den Tod Tausender Menschen auf dem Mittelmeer in Kauf nehme. Kenner der Situation in den angeblich sicheren Herkunftsländern wie Nizaqete Bislimi vom Bundes Roma Verband, Markus Koth, Koordinator Flüchtlingshilfe Europa Diakonie oder Cornelia Füllkrug-Weitzel, Präsidentin Brot für die Welt, berichteten über die realen Verhältnisse, die die zwanghaft Rückgeführten dort erwarteten.

Auch Kanzleramtsminister Peter Altmaier war unter den Podiumsrednern, der mit der Verteidigung der Regierungspolitik wenig Sympathien erntete. Sein und das offizielle Auftreten vieler Parteipolitiker auf dem Kirchentag versetzte Petra Krödel zusätzlich in Rage. "Der Kirchentag ist eine Veranstaltung der Basis. Hier geht es nicht um Wahlkampf, sondern die Politiker sollten vor allem zuhören, wie es wirklich vor Ort aussieht". Zudem verlor Peter Altmaier kein einziges Wort über die ehrenamtlichen Flüchtlingshelfer.

Als sie zum Schluss der Veranstaltung vor 1000 Zuhörern die Resolution verlas, legte sie ihre ganze Empörung darüber in ihren Vortrag und erntete großen Beifall. Bei einigen wenigen Enthaltungen unterstützten 98 Prozent der Teilnehmer das Anliegen und der Text gilt damit als eine der insgesamt sechs verabschiedeten offiziellen Resolutionen des Kirchentags. Sie ist an die Bundesregierung, vertreten durch Bundeskanzlerin Merkel und Bundesinnenminister de Maizière, gerichtet. Sie ist zusätzlich mit der Aufforderung an die Adressaten durch die Präsidentin des Kirchentags, Christine aus der Au, verbunden, "in einen konstruktiven Dialog mit den Absendern zu treten". Als solche sind der ehrenamtliche Helferkreis unabhängiger Flüchtlingsinitiativen Südbaden und der Flüchtlingsrat Baden-Württemberg genannt. Dies ist bislang jedoch noch nicht geschehen.