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03. November 2011
Weichgespülter Brecht
Gekonnter Vortrag, geniale Musik, aber warum schwächt Lilo Knülp das Original so ab?.
ST. MÄRGEN. Über die szenische Erzählung "’s Großele" von Lilo Külp am Samstag in der Goldenen Krone vor knapp 40 Zuhörern könnte man zwei gegenteilige Kritiken schreiben. Was die lebendige Lesung mit alemannischen Dialogen, verbunden mit den genialen Einlagen der St. Petermer Stubenmusik, angeht, wäre Begeisterung das Ergebnis. Besieht man sich den Text genauer, den Lilo Külp "frei nach Bertolt Brecht" formuliert hat, bleibt man irritiert, ja ärgerlich, zurück.
Lilo Külp, langjährige Sprecherin des Südwestrundfunks und Schauspielerin, las die erzählenden Teile auf Hochdeutsch, die Dialoge auf Alemannisch.
"’s Großele" erzählt die Geschichte von Anni B., die nach einem arbeitsreichen, oft mühevollen Leben mit 70 Jahren Witwe wird und fortan ein eigenständiges, unkonventionelles Leben führt. Sehr zum Unmut von Heiner, ihrem Sohn, der sich samt seiner Familie im großen Haus der Mutter einnisten und das materielle Erbe antreten möchte. Wie sich ihre Kinder über ihr Verhalten austauschen, wie die Dorfgemeinschaft reagiert und wie die Getadelte selbst, macht Külp in ihren Dialogen auf humorvolle Art lebendig. Die alte Dame geht plötzlich ins Kino und isst im Wirtshaus, trifft sich mit einem einsamen, "vogammelte Flickschuster" und dem behinderten Gritli, das im Wirtshaus kocht. Heiner möchte seine Mutter für unmündig erklären lassen, aber seine vier Geschwister weigern sich, also schickt er den Pfarrer zu ihr, damit er nach dem Rechten sieht. Es erfüllte die Zuhörer mit heiterer Genugtuung, dass sich der Pfarrer der Omi und ihren beiden Schützlingen anschließt. Mehr als einmal wurde geschmunzelt.
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Perfekt abgerundet wurde Külps Vortrag von der Musik, die Christoph Wirz an der Klarinette und Carola Schwär an der Gitarre beisteuerten. Die "zwei Fünftel" der St. Petermer Stubenmusik hatten alte Schwarzwälder Weisen aus St. Peter, aus dem Kinzigtal und vom Kaiserstuhl ausgewählt. Die Töne perlten klar und rein aus der Klarinette heraus, dass es eine Freude war, mal schnell, mal langsam, mal lustig, mal nachdenklich, und man meinte, die aufmüpfige Großmutter darin zu erkennen. Wie die Gitarre leise und beharrlich die Melodie begleitete, erinnerte an die körperliche Zartheit der Omi und an ihre zähe Ausdauer. Zusammen ergaben Textvortrag und Musik ein harmonisches Ganzes, so dass man beschwingt die Goldene Krone verließ, in dem Gefühl, gut unterhalten worden zu sein.
Aber eine langsam aufkeimende, unbehagliche Ahnung wurde beim Vergleich mit der Originalerzählung "Die unwürdige Greisin" von Bertolt Brecht ärgerliche Gewissheit. Külp hat die Geschichte so abgeändert, dass sich eine völlig andere Aussage ergibt.
Brechts Erzählung "kritisiert die Geschlechtsrollen und insbesondere die Rollenzuweisung an Mütter und Großmütter, von denen Verzicht, Unterordnung und Aufopferung erwartet wird", kann man nachlesen. Selbstbestimmung besonders bei älteren Frauen wird von der Gesellschaft misstrauisch beäugt "und letztendlich als unwürdig angesehen". Dies geschieht dadurch, dass Brechts Großmutter mit dem Schuster und dem Mädchen in für sie unwürdigen Kreisen verkehrt, sich von Verwandten, Freunden und Nachbarn fernhält, Geld für scheinbar Unnützes ausgibt, oft ausgeht und ihr großes Haus allein bewohnt, obwohl der Sohn mit seiner großen Familie in einer engen Wohnung haust. Sie stirbt bei Brecht nach zwei Jahren, ohne es sich anders überlegt und ohne sich für jemanden engagiert zu haben. Sein Text endet mit dem Kommentar: "Sie hatte die langen Jahre ihrer Knechtschaft und die kurzen Jahre der Freiheit ausgekostet und das Brot des Lebens aufgezehrt bis auf den letzten Brosamen."
Bei Külp hingegen kümmert sich Anni B. um den Schuster und das Gritli, so dass sie zu angesehenen Menschen werden, die auf eigenen Füßen stehen können. Der Schuster eröffnet mit ihrem Geld ein Wirtshaus, in dem badische Spezialitäten nach ihren Rezepten angeboten werden, und das Gritli lernt von ihr das Binden und Stecken von Blumen, so dass es als "Blumehexle" bekannt und erfolgreich wird. Da Külp ihnen anders als Brecht eine schreckliche Kindheit zuschreibt, ist Omis Verdienst an den beiden umso größer. Durch solche Änderungen wird die Geschichte klischeehaft. Die Hauptfigur entwickelt sich als Charakter nur ansatzweise und wird dann wieder an ihren angestammten Platz zurückverwiesen. Külp behauptet zwar, "Omi fand es nicht angebracht, weiter in ihrer Mutterrolle zu verharren" und streife sie deshalb ab wie ein Schmetterling seinen Kokon, tatsächlich aber wird diese Aussage von der Handlung konterkariert.
Die Großmutter sucht sich nach dem Tod ihres Mannes, die Kinder erwachsen, eine Ersatzfamilie. Der Schuster nimmt die Rolle des Ehemannes ein, dem sie als fürsorgliche Frau im Hintergrund helfen darf, eine solide Existenz aufzubauen. Eine erotische Beziehung wird – wie auch bei Brecht – freilich durch die Anwesenheit des Pfarrers für alle sichtbar ausgeschlossen. Das Gritli übernimmt die Rolle des Kindes. Angesichts dieser Entwicklung wird aber die Abwendung der Mutter von Heiner sinnlos. Denn mit ihm hat sie noch jemanden zum Bemuttern und keinen Grund, Ersatz zu suchen.
Külps Geschichte ist nicht mehr rund, und sie verkehrt Brechts Aussage ins Gegenteil. Keine die Konventionen missachtende, ihrem bisherigen Status unwürdige Großmutter wird hier charakterisiert und am Ende eben doch als würdig eingestuft, sondern ein braves, rechtschaffenes Großmütterchen, das nur scheinbar aufmuckt, was mit dem verkleinernden Titel "’s Großele" ja noch verdeutlicht wird.
Es mag Külps Recht sein, einen literarischen Text abzuändern, zumal sie ja keinen Hehl daraus macht, dass er "frei nach" Brecht gestaltet ist. Die Frage ist nur, was ist der Sinn? An diesem Ort, vor diesem Publikum im Jahr 2011? Külp macht das Stück zur gefälligen Unterhaltung, die vielleicht ein bisschen stichelt, aber sicher nicht aneckt.
Was wäre passiert, wenn sie es inhaltlich unverändert alemannisiert hätte? Wenn sie nur formal ein Stück daraus gemacht hätte, wie man es von volkstümlichen Theateraufführungen kennt, dann aber die Geschichte anders als dort üblich nicht am Ende in gesellschaftlich anerkannte Bahnen gelenkt hätte? Wäre es dann skandalös? Aber wäre das nicht genau das Ziel? Wenn man das als Erzählerin nicht möchte, sollte man eine andere Vorlage benutzen oder gleich eine eigene Geschichte erzählen. Denn gerade wegen der Qualität der Aufführung ist dieses Vorgehen unverständlich und ärgerlich. Brecht jedenfalls würde sich im Grabe umdrehen.
Autor: Alexandra Wehrle
