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05. Oktober 2011 20:39 Uhr
Zankapfel
St. Peter und der Supermarkt: Ein zerstrittenes Dorf muss sich entscheiden
Gerüchte, Vorwürfe und Beschuldigungen: In St. Peter läuft die Diskussion um einen neuen Supermarkt aus dem Ruder. Ein Dorf – zwei Lager. Am Sonntag stimmen die Bürger ab.
Direkte Demokratie ist manchmal schwer auszuhalten. Dann, wenn sie schlechte Stimmung schafft. Böses Blut. In St. Peter, dem 2500-Einwohner-Dorf im Schwarzwald mit dem schönen, alten Kloster und der Bergluft, stimmen an diesem Sonntag die Bürger darüber ab, ob der Betreiber des alten Supermarkts woanders im Ort einen neuen bauen darf. Wer in der Großstadt lebt und jeden Tag woanders einkauft, der mag denken: Sollen sie halt darüber abstimmen, wenn sie keine anderen Sorgen haben. So ein Bürgerentscheid, denkt sich der Städter, ist bei so einem bürgernahen Thema in so einem kleinen Ort ja eine gute Sache. In St. Peter muss sich das erst zeigen, bislang gab’s zu dem Thema nichts Gutes zu sagen.
Am Zähringer Eck in St. Peter, unterhalb des ehemaligen Klosters, weht ein angenehmer Wind durch die Straße, Jugendliche fahren auf dem Parkplatz Skateboard, Touristen warten auf den Bus. Eine Frau mit Kinderwagen geht in den Edeka-Laden, eine ältere Frau kommt raus. An der Glasfront hängen Zettel mit Telefonnummern zum Abreißen. Die für die Offenstallplätze sind weg.
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Drumherum hängen Plakate, auf denen steht, wie Befürworter eines neuen Supermarkts in St. Peter beim Bürgerentscheid abstimmen müssen. "Sind Sie dafür, dass die Doldenmatten nicht für einen Lebensmittelmarkt vorgesehen werden?", lautet die verschwurbelte Frage. Ein großes "Nein!", steht auf der Edeka-Tür.
"Ja!" steht auf der Eingangstür der Apotheke nebenan. Fünf DIN-A-4-Flugblätter der Gegner eines neuen Ladens – der Bürgerinitiative Lebendiger Ortskern (Bilo) hängen daneben. Drinnen fragt Dagmar Bantel einen Kunden, der gehen will: "Kommen Sie heute auch zu unserer Versammlung?" Der Mann schüttelt den Kopf, greift zur Türklinke. "Aber es gibt wichtige Infos", setzt die Apothekerin nach. Er könne nicht, er habe etwas anderes vor, sagt der Mann, schaut etwas ungehalten und öffnet die Tür. "Wir stellen die Infos danach ins Internet", ruft die Frau ihm noch hinterher.
Direkte Demokratie kann manchmal sehr direkt sein. Vor allem dann, wenn persönlich Betroffene Politik machen. Wenn ein St. Petermer Bürger anderen Bürgern einen neuen Supermarkt vor ihre Terrassentür bauen will. Oder wenn Stuttgarter Bürger keinen tiefergelegten Hauptbahnhof vor ihrer Haustür wollen, weil sie um die alten Bäume im Schlossgarten fürchten. Direkte Demokratie ist das, was die grün-rote Landesregierung künftig fördern will. Jeder soll mitreden und mitentscheiden. Da trifft Sachargument auf Emotion pur.
Dagmar Bantel will nicht, dass der St. Petermer Betreiber des jetzigen Edeka-Markts, Johannes Ruf, den Laden nebendran schließt und einen neuen Edeka-Markt eröffnet, wenige hundert Meter Luftlinie vom alten entfernt, auf einer Wiese direkt an der Durchfahrtsstraße. Kurz vor der Wiese verkauft der Raiffeisenmarkt Tierfutter und Pflanzen, kurz nach der Wiese trifft die Ortsdurchfahrt auf die Landesstraße. Links geht’s ins Glottertal, rechts nach St. Märgen.
Vor 21 Jahren ist die Pharmazeutin Dagmar Bantel wegen ihres Ladens nach St. Peter gezogen und hat jetzt Sorge, dass "das Zentrum von St. Peter kaputtgeht, wenn der größte Laden weggerissen wird", natürlich vor allem, dass ihr Umsatz sinkt. So ein leerstehendes Geschäft sähe schrecklich aus, auch für die Touristen. Dagmar Bantel befürchtet, dass weitere Geschäfte zumachen, sie hat da was gehört.
Ein paar Meter weiter sitzt Ralph Hettich vorm Café-Bistro Zähringer Eck und isst Flammkuchen mit Spinat. Der Mann betreibt einen EDV-Laden in der Straße und glaubt nicht, dass der Ortskern mit seinen zehn Geschäften ausblutet, wie es die Bilo-Anhänger nennen. "Ich bin ein Befürworter des neuen Ladens." Im Moment fahre er zum Einkaufen nach Gundelfingen – "weil es dort alles auf einmal gibt". Markus Weber, Inhaber des Bistros und ein entfernter Verwandter von Ruf, zieht an seiner Zigarette, hört zu und regt sich auf. Wenn er den Namen der Bürgerinitiative ausspricht, wird sein Ton bei den Worten "lebendiger Ortskern" spöttisch. "Das sind Zugezogene, die im Ortskern kein Mensch je sieht. Die haben keine Ahnung, was hier 100 Gramm Hackfleisch kosten", sagt er und schnaubt. Ein Mann vom Nebentisch schaltet sich ein, ein anderer stößt dazu. "Noch nie hat ein Thema das Dorf so gespalten", sagt Ralph Hettich.
Wer durch St. Peter läuft, in die Apotheke geht und sich vors Bistro setzt, dem erzählen die Gegner des neuen Marktes, dass Johannes Ruf versuche, Leute zu erpressen. Der Bilo-Sprecher Horst Storkebaum sagt, er wisse von Frauen – bekennende Gegnerinnen des neuen Ladens –, die obszöne Anrufe erhalten hätten, und spricht von Sachbeschädigungen. Er und seine Mitstreiter gingen aus Protest nicht mehr in den Edeka, manche auch, weil sie sich dort nicht mehr wohlfühlten. Befürworter des Ladens beklagen unfaire Mittel der Gegner, das Verhalten gehe längst unter die Gürtellinie. "Sie streuen bewusst Gerüchte." Und das alles nur, weil sie von ihrer Terrasse nicht auf einen Supermarkt gucken wollten.
Eigeninteresse hier, Eigeninteresse dort, Alteingesessene hier, Zugezogene dort? Ganz so einfach ist es in St. Peter wohl nicht. Als sie von dem Vorhaben des neuen Supermarkts 2008 erfuhren, sammelten die Gegner – damals noch als Interessengemeinschaft Doldenmatten – in einer Woche knapp 400 Stimmen für ein Bürgerbegehren. Bei 2500 Einwohnern ist das eine ganze Menge, das können nicht alles nur zugezogene Anrainer der Wiese sein.
Und was macht die Politik? Während die Dinge im Dorf aus dem Ruder laufen, schauen die gewählten Volksvertreter zu. Sie sind quasi zum Zuschauen verurteilt ihren Job übernehmen die Bürger selbst. Da Bürgermeister und eine große Mehrheit des Rats für den neuen Markt sind, haben Mitglieder der Bürgerinitiative (BI) gegen ihren Widerstand den Bürgerentscheid durchgesetzt. Das ging bis vor den Verwaltungsgerichtshof in Mannheim und brachte den Lokalpolitikern den Vorwurf ein, ein zweifelhaftes Demokratieverständnis zu haben.
Am Sonntag dürfen nun die Menschen in St. Peter darüber abstimmen, ob der neue Supermarkt auf den Doldenmatten gebaut werden darf. Als die Gegner vorige Woche rund 100 Bürger zu dem Thema informierten, blockten sie nach den Vorträgen externer Referenten Fragen von Befürwortern ab. Aus Sorge vor zu viel Emotionen, hieß es. Ein zweifelhaftes Demokratieverständnis sei das, bekamen sie nun selbst zu hören.
Johannes Ruf, Schaffertyp mit festem Händedruck, sitzt in seinem Büro über einem Ortsplan, deutet hierhin und dorthin. Er habe jahrelang mit der Gemeinde andere Standorte geprüft. Dass der jetzige 400 Quadratmeter große Laden erweitert wird, wie es die BI vorschlug, hält Ruf für Flickschusterei, er will einen doppelt so großen bauen, keine Blechhütte, sondern einen im "schwarzwaldtypischen" Stil. 60 Prozent Kaufkraft geht momentan laut Bürgermeister Schuler verloren, weil viele Leute woanders einkauften. Der jetzige Laden bietet nicht alles und ist trotzdem voll.
Wer ein Fußballheft sucht, schiebt sich zwischen Zeitschriftenregal und Serviettenständer. Kühlräume, Gänge und Lager sind zugestellt und im Personalraum sitzt eine Angestellte mit ihrer Thermoskanne vor einem Tisch mit einer großen Chips-Palette, draußen vor der Tür warten schon die nächsten Lieferungen.
Johannes Ruf betreibt noch Läden in Kirchzarten und Freiburg, neben der Holzofenbäckerei in St. Peter eröffnet er bald seine zweite in Freiburg. Der Mittvierziger verkauft Schwarzwälder-Kirschkuchen in der Dose – am Flughafen in Berlin genauso wie am Titisee. Kurz: Er braucht den Supermarkt in St. Peter nicht, er will ihn aber. "Da hängt Herzblut dran." Er räumt ein, gelegentlich emotional zu reagieren, findet aber, dass er auch kompromissbereit ist: Er will den alten Laden fünf Jahre lang weiter betreiben. Im Amtsblatt wendet sich sein Vater an die Gemeinde, mit der Bitte, für den neuen Laden seines Sohnes zu stimmen. Der 70-Jährige schreibt, dass vor 112 Jahren sein Großvater mit einer kleinen Bäckerei das Familienunternehmen gegründet habe. "Geht bitte zur Wahl! … Danke, Euer Beckesepp."
Den Beckesepp kennen die Leute. Sowieso kennen sich im Ort fast alle, für Außenstehende muss das wie ein großer Klüngel wirken. Die BI schreibt auf einem Flugblatt, Johannes Ruf habe das Grundstück, auf dem er den Markt bauen will, als Millionen-Euro-Geschenk von der Gemeinde bekommen. Rufs Version klingt so: Der frühere Grundstücksbesitzer sei insolvent gegangen und habe es mit einem alten Haus im Ort verkaufen müssen. Da Ruf der Meistbietende für beides zusammen gewesen sei, habe er von der Insolvenzverwalterin den Zuschlag erhalten – tatsächlich für einen Schnäppchenpreis, "aber ich habe mir nichts erschlichen".
Der Bürgerentscheid in St. Peter ist bislang der einzige im Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald in diesem Jahr. Geht es nach der Landesregierung, gibt es künftig öfter welche. In St. Peter können es alle Beteiligten kaum mehr abwarten. Genug Infoveranstaltungen von beiden Seiten, genug Flugzettel, genug Gerede. . "Ich hoffe, dass viele Bürger wählen gehen und danach alle das Ergebnis akzeptieren", sagt Bürgermeister Schuler – und klingt nicht überzeugt.
St. Peter ist nach dem Heiligen Petrus benannt, seines Zeichens Schutzpatron der Brückenbauer. St. Peter wird Brückenbauer brauchen. So oder so.
- Doldenmatten: Die Standpunkte und Antworten auf die wichtigsten Fragen
Autor: Martina Philipp


