Ekstatischer Groove in der Kirche

Erich Krieger

Von Erich Krieger

Do, 16. August 2018

St. Peter

Kirchenorgel trifft in St. Peter auf afrikanische Instrumente und Rhythmen / Publikum tanzt im Gotteshaus.

ST. PETER. Das dritte in der Reihe Internationale Orgelkonzerte in der Barockkirche St. Peter bot wohl in dieser Form an diesem Ort noch nie Dagewesenes: Durch den ehrwürdigen Kirchenraum rauschten mit lauthals ausgestoßenen Entzückensschreien angereicherte orkanartige Beifallsstürme. Einige Besucher hielt es nicht auf den Bänken und sie ließen ihrem Bewegungsdrang tanzend seinen Lauf.

Bezirkskantor Johannes Götz als Organist hatte die Band Urban Nomades mit Pape Dieye (Senegal), Kofi Raphael (Ghana) und dem Jazz- und Popmusiker Werner Englert aus Emmendingen zum Konzert mit der Kirchenorgel geladen. Die Kirche war brechend voll, Besucher bevölkerten zusätzlich Empore und Chorraum und standen in den Gängen.

Götz hatte sich schon bei der Aufführung von Franz Liszts "Via Crucis" zu Bildern des Kriegsfotografen Sylvio Hoffmann aus dem zerbombten Syrien im März dieses Jahres intensiv mit dem Flucht- und Migrationsproblem beschäftigt. Daraus wuchs ein Interesse an den Menschen dieser Länder, deren Musik und Instrumente. Bei den Urban Nomades geriet er an die richtige Adresse, denn die drei setzen eine Vielzahl von traditionellen afrikanischen Instrumenten ein, in enger Verbindung mit Querflöte und diversen Saxofonen.

Das erste Stück "Prayer for Freedom", komponiert von Werner Englert, begann mit meditativer Querflöte, schwoll alsbald gestützt auf improvisierte Orgelklänge an und ein Perkussionsgewitter von Pape Dieye und Kofi Raphael plus dreistimmige Gesangsphrasen der Nomades verliehen dem im Titel formulierten Anliegen forderndes Gewicht. Beim Stück "Souvenir" von Pape Dieye stand ein von ihm gespieltes Saiteninstrument mit einem Kürbisklangkörper im Mittelpunkt, kongenial unterstützt von einer indischen Flöte durch Englert sowie Tontrommel und Orgel. "Giumbard", eine weitere Dieye-Komposition, wurde dominiert von Maul- und Tontrommel, deren treibender Rhythmus Dieyes Gesang mitreißend dramatisierte.

Johannes Götz kündigte daraufhin den ersten Satz von Gustav Mahlers "1. Sinfonie" in einer "böhmisch-afrikanischen Version" an und spätestens dabei "groovte" nun auch der Letzte im Publikum. Die Nomades sattelten auf diese Parodie eine weitere. Englert verwandelte eine der gängigsten Ländlermelodien aus dem Alpenraum in afrikanische pentatonische Folgen und stützte auf dieses Basisthema atemberaubende Jazzimprovisationen auf dem Tenorsaxofon. Die anfänglich benutzten Kuhglocken wurden alsbald durch diverse afrikanische Perkussionsutensilien ersetzt. Kofi Raphael verband dann in seinem eindringlichen Lied "Anyemah" die Liebe zu seiner Familie und seinen Freunden mit einem heftigen Appell gegen den Krieg, der diese Liebe zunichte mache.

"Litanies", ein kurzes, aber furioses Orgelwerk des jung verstorbenen Jehan Alain, veranlasste Johannes Götz zu fast akrobatischen Choreografien auf seiner Spielbank, so schnell und über die gesamte Tastatur reichend reihten sich die Läufe über die Tasten aneinander.

Die improvisatorische Virtuosität und aller vier Musiker kam in "Ababudenawe" von Dieye und Raphael zur vollen Geltung, das die beiden aus einem Soundcheck vor einem Konzert entwickelten, der sich zu einem ekstatischen Groove aufgetürmt hatte.

Der Bann war nun gebrochen und an mehreren Stellen im Kirchraum tanzten einige Zuhörer. Das Stück "Xam" von Pape Dieye wurde zum gelungenen musikalischen Experiment durch die Verbindung von afrikanischer Pentatonik mit der mittelalterlichen mixolydischen Tonfolge des Hymnus "Veni Creator Spiritus", den die Orgel darunter mixte. Englerts Stück "Danzdoppich", ein Mundartbegriff für Tanzkreisel aus seiner Pfälzer Heimat, setzte ein grandioses Finale. Es ließ viel Raum für begeisternde Soli aller Beteiligten und entfesselte den Kreisel zu völliger Abgedrehtheit, um ihn am Ende sanft auslaufen zu lassen. Barockkirche und Zuhörer hatten eine musikalische Sternstunde erlebt.