St. Peter

Wenn sich Orgel und Akkordeon zum Rendezvous treffen

Erich Krieger

Von Erich Krieger

Fr, 06. April 2018 um 09:17 Uhr

St. Peter

Orgelvirtuose und Bezirkskantor Johannes Götz spielte in St. Peter gemeinsam mit dem Akkordeonisten Teodoro Anzellotti ein großartiges Konzert.

ST. PETER. Montagnachmittag auf dem Lindenberg bei St. Peter: Bei animierendem Frühlingswetter strömen immer mehr Menschen zur Wallfahrtskirche auf der Höhe mit dem einmaligen Blick auf den Feldberg und ins Dreisamtal. Die Kirche füllt sich, die Bänke reichen nicht aus, Hocker müssen aufgestellt werden, selbst die Empore ist am Ende voll besetzt. Alle warten gespannt auf das Rendezvous von Orgel und Akkordeon und ein Programm, das Barock und Moderne in Partnerschaft verbinden sollte. Mit Teodoro Anzellotti hatte der für exquisite Konzertbesetzungen bekannte Bezirkskantor und Orgelvirtuose Johannes Götz einen der wichtigsten Akkordeonisten gewonnen.

Der Solopartner namhafter internationaler Sinfonie- und Rundfunkorchester, für den eigens zahlreiche Komponisten Werke geschrieben haben, und Johannes Götz eröffneten barock mit "La Cremonese" und "La Bergamesca" von Ludovico da Viadana, ursprünglich komponiert für zwei Orgeln. Dies war gerade in Italien damals üblich, da sich in den Kirchen oft je eine Orgel auf der Epistel- und der Evangelienseite des Chorraumes befanden. Die zweite Orgel ersetzte nun das Akkordeon. "La Cremonese" verbreitete sofort in der Art einer beschwingten Tanzweise heitere Stimmung, die durch die variantenreiche, an ein lustiges Kinderlied erinnernde "La Bergamesca" noch bestärkt wurde. Das Duett bewies, dass Orgel und Akkordeon wunderbar zueinander passen.

Dann ein Riesensprung in die Moderne. Anzellotti war von der Orgelempore nach vorne in den Chor gewechselt und intonierte drei Stücke aus dem mehrteiligen Zyklus "Rrrrrrr" des 2008 verstorbenen Komponisten Mauricio Kagel. "Rosali", "Rondena" und "Ragtime-Waltz" offenbarten nie gehörte Klangfarben des Akkordeons und verbanden komplexe Melodien mit humoristischen Komponenten. So hält im "Ragtime-Waltz" der Bass stoisch den Dreivierteltaktrhythmus, während die perlende Melodie diesem zu entfliehen sucht. Zwei Gesichter des im 17. Jahrhundert agierenden Komponisten Johann Jakob Froberger offenbarten Johannes Götz an der Orgel mit der "Toccata in C" und Anzellotti mit drei kurzen, ernsten Stücken. Die Toccata hätte die Hymne für einen der ersten Frühlingstage sein können, während Frobergers Klageweisen mit Verlust und Tod zu tun hatten. Trotzdem war seine "Meditation, faite sur ma mort future", in der er sich mit dem eigenen Tod auseinandersetzte, so harmonisch ausgeglichen komponiert und ebenso gespielt, dass man sich ein leichtes Sterben eines Menschen, der mit sich im Reinen ist, vorstellen konnte.

Dann der Hammer des Konzerts, und die drastische Wortwahl ist gerechtfertigt: die Etüde Nr. 1 – "Harmonies" – des 2006 verstorbenen György Ligeti, einem der bedeutendsten Komponisten der Neuen Musik. Das Stück war Frucht einer Tagung vor 50 Jahren auf der Thurnerhöhe, bei der Ligeti und einige seiner Kollegen neue Ausdrucksmöglichkeiten für die ihrer Ansicht nach antiquierte Orgel untersucht hatten. Johannes Götz hatte die Besucher in seiner Begrüßung schon auf das Werk vorbereitet, denn niemand sollte denken, dass die Orgel plötzlich in die Knie gegangen sei. Es würde mit wenig Wind gespielt und dadurch und mit einer speziellen Ausprägung der Fingersätze in der Spieltechnik eine Verfremdung der Registerfärbung und der Harmonien erreicht. Die Orgel gurgelte, assoziative Nachtmahre überzogen einen dunklen Wald mit Geheul und schrillen Tönen. Vermeintliche Hilfeschreie druchdrangen einen sphärischen Klangteppich, schließlich verebbte der musikalische Totentanz.

Völlig im Gegensatz dazu erklang eine Orgelfassung von Bachs Osterkantate "Christ lag in Todesbanden". Zwar in der dramatischen Ausführung ähnlich, nimmt man dem Stück die musikalische Interpretation von Christi Leiden und seiner Todesangst nicht richtig ab, und unwillkürlich sieht man in Ligetis Werk eine viel passendere Entsprechung.

Anzellotti führte dann in Jean-Pilippe Rameaus "La Poule" in musikalischer Treffsicherheit ein pickendes, gackerndes Huhn vor, und in "Le Rappel des Oiseaux" lieferten sich in jähen Richtungswechseln heftig flügelschlagende Vögel einen vielstimmigen Disput. Eine moderne Entsprechung und die spezielle Klangfarben des Akkordeons zeichnete die "Narration Hégémonique" des in Freiburg an der Musikhochschule lehrenden Komponisten Brice Pauset. Im Finale vereinte das "Concierto Nr. 4, F-Dur" von Antonio Soler die zwei Virtuosen wieder. Riesiger Applaus und angeregte Gespräche spiegelten die wohl einhellige Begeisterung der Besucher nach dem Konzert wider.