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14. Dezember 2008 19:32 Uhr
Krise des Evangelischen Stifts
"St. Urban war ein Fehler"
Das Diakonische Werk Baden hilft dem klammen Evangelischen Stift Freiburg mit einer 800.000-Euro-Bürgschaft aus. Jetzt reden die Mitarbeitervertreter Ulrike Kutzner und Daniel Wenk Klartext, reden über Fehler und wer daran die Schuld trägt.
BZ: War die Krise, in der sich das Evangelische Stift befindet, für Sie vorhersehbar?
Daniel Wenk: Wir vom Gesamtausschuss beraten die Mitarbeitervertretung des Stifts erst seit sechs Wochen, deshalb ist das mit dem Engpass für uns relativ neu. Aber auf die sehr kritische finanzielle Lage wurde schon im Prüfungsbericht 2007 hingewiesen, wobei das nicht der erste kritische Prüfbericht war.
BZ: Sie kritisieren den Kauf und das Konzept von St. Urban und behaupten, dass man selbst bei der anvisierten Auslastung weit davon entfernt gewesen wäre, schwarze Zahlen zu schreiben.
Wenk: Wenn ich im Prüfbericht von Ertragspotenzialen lese und gleichzeitig die Ergebnisse von St. Urban sehe, stelle ich fest: Die Erträge des Stifts reichen schlichtweg nicht aus, um das Minus von St. Urban auszugleichen, geschweige denn ins Plus zu bringen. Da stellen sich mir Fragen: Von welchen zusätzlichen Einnahmequellen ist man bei der Entscheidung, St. Urban zu kaufen, ausgegangen? Wie genau hat der Stiftungsrat die angenommene Wirtschaftlichkeit geprüft? Und wie genau hat die Bank diese vor der Kreditzusage geprüft?
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BZ: Stiftungsrat und Banken sind also mit schuld am Schlamassel, allein Stiftdirektor Klaus Eschenburg musste gehen.
Ulrike Kutzner: Ja, das sehen wir schon so. Da ist nicht ein Einzelner verantwortlich, da hätte eine ganze Anzahl von Leuten genau nachrechnen und das Konzept auf die Wirtschaftlichkeit hin prüfen müssen. Bei fehlender positiver Wirtschaftlichkeitsprognose hätte man dann von vornherein zu dem Schluss kommen müssen: Wir können St. Urban nicht stemmen. Es war ein Fehler, das Projekt St. Urban überhaupt zu beginnen.
Wenk: Der Stiftungsrat ist das Aufsichtsorgan der operativen Leitung, er trifft die Entscheidung, wenn ein neuer Geschäftszweig dieser Größenordnung eröffnet wird. Diese Prüfungsfunktion ist in so einem Unternehmen ganz, ganz wichtig.
BZ: Was haben die Mitarbeiter des Stifts bislang von der Krise mitbekommen?
Wenk: Es gibt einen sogenannten Wirtschaftsausschuss, der hat im kirchlichen Bereich aber leider nur informelle Rechte. Ihm sollte die Wirtschaftsplanung eigentlich erläutert werden, aber es erforderte in der Vergangenheit mehrfaches Nachfragen, um überhaupt Zahlen zu bekommen. Gegenüber der freien Wirtschaft sind Mitarbeiter im kirchlichen Bereich von echter Mitsprache bei wirtschaftlichen Planungen weit entfernt.
Kutzner: Die geringe Mitsprache zeigt sich auch bei der Freistellungsregelung: Kirchliche Mitarbeitervertretungen sind im Vergleich zur freien Wirtschaft nur ein Drittel der Zeit freigestellt. Wenn sie intensiv an einem Projekt arbeiten, müssen sie sich Zeit frei schaufeln.
BZ: Welche Stimmung herrscht derzeit unter den Mitarbeitern des Stifts?
Wenk: Eine große Angst, Vergütungseinbußen zu haben oder gar den Arbeitsplatz zu verlieren. Es stehen ja Maßnahmen im Raum, das gesamte Kerngeschäft schlanker und effizienter zu machen.
Kutzner: Die Mitarbeiter sind stark verunsichert, enttäuscht und traurig. Das Stift war einmal eine grundsolide Einrichtung, und jetzt stehen sie so da. Wichtig wäre, dass man den Mitarbeitern möglichst bald Informationen an die Hand gibt, wie ihre Zukunft aussehen könnte. Ich habe Sorge, dass verunsichertes qualifiziertes Personal abwandert.
BZ: 15 Mitarbeiter des Stifts haben bislang ihren Arbeitsplatz verloren. War das alles?
Wenk: Die Gefahr, dass weitere Arbeitsplätze verloren gehen – nicht nur in St. Urban, sondern auch im Kerngeschäft des Stifts –, ist nicht von der Hand zu weisen.
Kutzner: Wie viele das sein könnten, ist derzeit aber völlig unklar.
BZ: Direktor Klaus Eschenburg nannte bei seinem Ausscheiden aus dem Amt die Tariferhöhungen – es geht um 800 000 Euro in zwei Jahren – als Ursache dafür, dass das Stift ins Wanken geraten ist.
Wenk: Es gibt durch die Tariferhöhungen Mehrbelastungen, die nicht eins zu eins an die Kostenträger weitergegeben werden können. Die sind nur bereit, etwa die Hälfte der Erhöhungen zu refinanzieren, der Rest wird wohl über Rationalisierungsmaßnahmen beigesteuert. Nur: Wenn man die Tariferhöhungen in Relation zu den Belastungen durch St. Urban sieht, wird klar, dass die Verluste von St. Urban um ein Vielfaches höher liegen.
Kutzner: Ja, die Tariferhöhungen sind eher ein Tropfen auf den heißen Stein und nicht die Ursache für die finanzielle Schieflage des Stifts.
BZ: Wie sehen Sie die Zukunft des Stifts?
Wenk: Es sind Bemühungen da, zumindest Teile von St. Urban wieder zu verkaufen. Das Kerngeschäft wird man genau betrachten müssen, auch wenn es meiner Meinung nach stabil und gut aufgestellt ist: Es gibt eine sehr gute Belegungssituation, hoch motivierte Mitarbeiter, von daher bin ich zuversichtlich. Dem Stift muss durch diesen Engpass geholfen werden: Neben dem Diakonischen Werk, das mit einer Bürgschaft aushelfen wird, steht aber auch die Evangelische Landeskirche in der Pflicht, dem Stift zu helfen.
Kutzner: Wir haben von der Landeskirche bislang nichts gehört, würden uns aber wünschen, dass sich die Landeskirche positioniert. Immerhin unterliegt das Stift als kirchliche Stiftung der Aufsicht der Landeskirch e.
Autor: Frank Zimmermann
