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19. Februar 2010 18:21 Uhr

Risse

Staufen: Geschädigter Hausbesitzer verklagt Land

Die Risse durchziehen sein ganzes Haus – jetzt verklagt ein Staufener das Land Baden-Württemberg auf Schadenersatz. Sein Vorwurf: Die Bohrung hätte nie genehmigt werden dürfen.

  1. Ein Riss zieht sich durch das komplette Zimmer: Kläger Claus Herrmann. Foto: ddp

Der Kamin und die Fußbodenheizung sind kaputt, Türen und Fenster undicht. "Ich kann das ganze Gebäude nicht mehr heizen", klagt Claus Herrmann im Interview mit dem SWR. "Das ist keine Wohnqualität mehr." Der Staufener ist einer von fast 250 Betroffenen, deren Häuser von Rissen durchzogen werden.

Für die Gebäudeschäden sollen Geothermie-Bohrungen im Jahr 2007 verantwortlich sein. Zeitweise hob sich die Erde in der Stadt im Schnitt um einen Zentimeter pro Monat. Mittlerweile konnte der Prozess verlangsamt – aber nicht gestoppt werden.

Für Herrmann ist der Fall klar: Das Landesamt für Geologie hätte das unsichere Bohrverfahren niemals zulassen dürfen. Sein Vorwurf richtet sich dem Medienbericht zufolge gegen das Bohrverfahren selbst. Demzufolge ist nur für die ersten Meter ein sicheres Verfahren mit Rohren eingesetzt worden, dann wurden billige Bohrsonden ins Erdreich getrieben. Die Folge: Wasser drang in die Löcher ein, das gipshaltige Gestein quoll auf.

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Laut Klage ist dem Landesamt bekannt gewesen, dass der Staufener Untergrund problematisch ist. "Die Katastrophe in dem Ausmaß hätte verhindert werden können", sagt Klägeranwalt Mirko Benesch. Dagegen wehrt sich jedoch das Landesamt. Es sei an der Bohrfirma, die Technik an den Untergrund anzupassen – folglich sei diese im Staufener Fall verantwortlich, sagt Ralph Watzel, Chef des Landesamts beim Freiburger Regierungspräsidium, dem SWR. "Wir haben sorgfältig beschieden."

Bohrfirma im Visier

Als Schuldigen für die Schäden im Visier hatte Staufens Bürgermeister Michael Benitz im November 2009 die Bohrfirma. Gegen diese und die planende Firma ließ er zuletzt eine Klage der Stadt prüfen. Es gebe kein Indiz, das gegen deren Verantwortung spreche, sagte er – auch wenn der letzte wissenschaftliche Beweis noch fehle.

Die Interessen der Stadt sind berechtigt, schließlich sind von den Gebäudeschäden nicht nur private Hauseigentümer betroffen: Das städtische Bauamt und ein Teil des historischen Rathauses von Staufen, das Risse mit bis zu sieben Zentimeter aufweist, mussten mittlerweile wegen Einsturzgefahr geräumt werden. Auch das Grundbuchamt und das Stadtarchiv wurden bereits aus dem rückwärtigen Gebäude des Rathauses evakuiert. Der Anbau muss abgerissen werden. Die Schäden werden stadtweit auf gut 50 Millionen Euro geschätzt.

Interaktive Karte: Risse in Staufen


Die Bohrfirma als Schuldigen ausgemacht hatte man in einem ähnlich gelagerten Fall auch in Basel. Dort sollte ein Geothermieprojekt im Tiefengestein Wasser für Stromproduktion und Fernwärme aufheizen. Die Folge: Am 8. Dezember 2006 bebte die Erde mit einer Stärke von 3,4 auf der Richterskala; die Erschütterungen versetzten auch in etlichen südbadischen Gemeinden die Menschen in Angst und Schrecken. An zahlreichen Gebäuden traten Risse in Mauern und im Verputz auf. Verletzt wurde niemand.

Dafür verantwortlich machte man Markus Häring, den Chef der Bohrfirma. Ihm warf die Staatsanwaltschaft Sachbeschädigung und Verursachung einer Überschwemmung vor. Der Ingenieur habe das Erdbebenrisiko falsch eingeschätzt. Im Dezember 2009 sprach ihn das Strafgericht Basel frei. Er habe Risiken nicht verschwiegen und auf Grundlage des damaligen Wissenstandes gehandelt, so die Gerichtspräsidentin.

Weil das Risiko neuer Schäden zu hoch ist, hat die Stadt Basel das Projekt aber mittlerweile komplett gestoppt. Ein Gutachten geht davon aus, dass die Bohrungen nach Erdwärme in diesem Gebiet Schäden in Millionenhöhe verursachen könnten. Die für das Projekt zuständige Geopower AG hat rund sechs Millionen Euro Schadenersatz an 300 Hausbesitzer gezahlt. sill

INFO: GEOTHERMIE
Unter Geothermie versteht man die unterhalb der Erdoberfläche gespeicherte Wärmeenergie (Erdwärme). Aus ihr lässt sich Strom und Wärme produzieren – und zwar ohne Freisetzung von Kohlendioxid. Die Energie ist anders als bei Wind und Sonne unabhängig von Tageszeit und Witterung zu allen Jahreszeiten verfügbar. Auch ist sie schier unerschöpflich: Nach Angaben der Geothermischen Vereinigung strahlt die Erde rund viermal mehr Energie in den Weltraum ab, als die Menschheit derzeit verbraucht. Geothermiestrom benötigt zwar keinen zusätzlichen Aufwand für Lagerung und Entsorgung; die Erzeugung dieses alternativen Stroms ist derzeit aber noch recht teuer.

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Autor: Alexandra Sillgitt