Beklemmend aktuell

Ute Wehrle

Von Ute Wehrle

Di, 23. Oktober 2018

Staufen

Brechts Anti-Nazi-Stück in Auerbachs Kellertheater in Staufen.

STAUFEN. Beklemmend. Aufrüttelnd. Und erschreckend aktuell. So lässt sich kurz die Inszenierung von Bertolt Brechts "Furcht und Elend des Dritten Reichs" beschreiben, die am Freitagabend in Auerbachs Kellertheater in Staufen Premiere feierte.

"Wir leben in finsteren Zeiten": Auf der Bühne sind Papierwänden aufgestellt, hinter denen Regisseur Eberhard Busch die Schatten der Vergangenheit wach werden lässt. Zunächst im wahrsten Sinn des Wortes, denn die ersten Szenen werden als Schattenspiel gezeigt. Die "Volksgemeinschaft" beispielsweise, von der sich zwei volltrunkene SS-Offiziere den "seelischen Aufschwung des deutschen Volkes in allergrößtem Maßstab" erwarten. Kurz darauf ist schemenhaft ein Treppengeländer zu erkennen, über das sich ein neugieriges Ehepaar beugt, um die Verhaftung eines Nachbarn mitzubekommen, den es selbst verraten hat. Anonym stehen sie alle für das vergiftete Klima, das in einem totalitären Staat herrscht, und das sich im alltäglichen Leben der Menschen niederschlägt.

Doch dann, beim "Kreidekreuz" öffnet sich eine der Wände und gibt den Blick frei auf eine deutsche Wohnstube; Nationalismus, Verblendung, Misstrauen und Angst bekommen Gesichter und Namen, als der SA-Mann Theo vor einer Nachtübung seiner Freundin Minna, die als Dienstmädchen arbeitet, einen Besuch abstattet. Wie denn politische Gegner ausfindig gemacht werden, jetzt, da niemand sich mehr traut, seine Meinung frei zu äußern, will der arbeitslose Franz von dem nassforschen SA-Mann wissen. Was als vermeintlich harmloser provokantes Spiel, angefeuert von den Anwesenden, beginnt, endet mit einem weißen Kreidekreuz auf dem Rücken des Arbeitslosen – unbemerkt aufgetragen vom SA-Mann. Was Minna befürchten lässt, selbst von ihrem Zukünftigen ein Kreuz aufgetragen zu bekommen. Alles nur ein "Vogelschiss in der deutschen Geschichte"?

Schwer zu sagen, welche der Szenen, die Bertolt Brecht ab 1934/35 gesammelt und später im Exil als Theaterstück verfasst hat, verstörender ist. Die, in der die jüdische Ehefrau ihren Mann verlässt, um ihn und seine Karriere zu schützen, ohne seinerseits auf allzu viel Gegenwehr zu stoßen? Oder jene, in der sich ein Lehrerehepaar an einem verregneten Nachmittag zunehmend in einen fast schon paranoiden Zustand hineinsteigert, weil es befürchtet, vom eigenen kleinen Sohn denunziert zu werden?

Dank der großartigen schauspielerischen Leistungen von Jasmin Islam, Désirée Vogler, Ronja Claßen, Thomas Müller und Felix Sprenger, die ihre Figuren so intensiv spielen, dass den Zuschauern der Atem stockt, wird der faschistische Alltag in Deutschland vor dem Weltkrieg bis zur Unerträglichkeit erlebbar.

Für das heutige Theater aufgearbeitete Vergangenheit also? Nach Buschs bemerkenswerter Inszenierung möchte man es sich inständig wünschen. Zu deutlich sind die Parallelen zum Hier und Jetzt, in dem Schüler ihre Lehrer bespitzeln sollen. "Obacht", singen die Schauspielerinnen und Schauspieler zum Schluss, in den Händen halten sie Zeitungen, auf denen Schlagzeilen wie "Duckt euch nicht weg""Die wenigen sind viele" zu lesen sind. Der Blick des Zuschauers richtet sich unweigerlich auf die Jahreszahlen über der Bühne: "1933" und "2018".

Mit seiner packenden Produktion ist es Eberhard Busch und seinem Ensemble gelungen, ein bewegendes Zeichen gegen Nationalsozialismus zu setzen.

Weitere Vorstellungen an den Wochenenden 27./28. Oktober, 3./4. sowie 10./11. und 24./25 November sowie 1./2. und 8./9. Dezember, Beginn jeweils samstags um 20 Uhr und sonntags um 17 Uhr.