Brahms – ganz ohne Pathos

Ulrike Fabian

Von Ulrike Fabian

Fr, 27. Juli 2012

Staufen

"Musik zwischen Nacht und Tag" mit dem Kammerchor Staufen.

STAUFEN. Der Kammerchor Staufen hatte eingeladen zu Musik zwischen "Nacht und Tag". An beiden gut besuchten Konzertabenden in Staufen und Tiengen bot der Chor ein poetisch komponiertes Programm. Dazu trug auch die exquisite Klangkombination von Harfe und Horn bei, die in der Dramaturgie des Abends eine wesentliche Rolle spielen sollte.

Der Chor begann und schloss mit Brahms-Liedern, die programmatisch die Themen vorgaben: starke Naturbilder für die aufgewühlte Seele, Abendstimmung, die Linderung und Ruhe bringt. Dabei gab’s ein Novum: Der Chor teilte sich und die Männerstimmen brachten Lieder für Männerchor von Franz Schubert zu Gehör. Hervorgehoben sei "Zur guten Nacht" als einfallsreicher Wechselgesang, der den Bogen schlug zum Bild der Nacht als dem Bild des Todes. Experiment Männerchor: gelungen! Auf dem Horn, vortrefflich gespielt von Delphine Gauthier-Guiche und Jean-Marc Perrouault, erklang eines der Duette von Otto Nicolai, dem Komponisten der "Lustigen Weiber von Windsor". Frühromantik pur. Und diese Stimmung leitete wiederum in den heiter bewegten A-capella-Teil des Abends. Volkslieder wie "Der Jäger längs des Weihers ging", "Die Gedanken sind frei" und "Kuckuck, Kuckuck ruft’s aus dem Wald" erklangen in moderneren, klug gesetzten Arrangements. Der Chor agierte präzise und mit Witz.

Hannsdieter Wohlfahrt, vielen bekannt als Musikwissenschaftler und begnadeter Erzähler der Musikgeschichte, komponierte auch. Und so kam es, dass der Staufener dem Kammerchor eines seiner frühen Chorwerke zur Uraufführung anvertraute. Kerstin Bögner, die umsichtige Leiterin, programmierte es im zweiten Teil des Konzertabends zwischen die Chorlieder von Felix Mendelssohn-Bartholdy und Brahms" "Harfenliedern". Eine geschickte Entscheidung, denn der feine, noble Klang der Mendelssohn-Lieder, beeindruckend gesungen, passte wunderbar zum Werk von Wohlfahrt.

"Mondbeglänzte Zaubernacht" (nach Ludwig Tieck) komponierte Wohlfahrt 1951, 18-jährig in Bückeburg. Den beschwörenden Ton des Textbeginns ("mondbeglänzte Zaubernacht ... du erstrahlst in alter Pracht") setzt Wohlfahrt in eine ebenso beschwörende und doch fein vibrierende Musik um.

Dabei nutzt Wohlfahrt die Harmonik des Chorsatzes, um etwa die "alte Pracht" zum Klingen zu bringen. Und er steigert den beschwörenden Ton, indem am Ende ein Sopransolo "das Erstrahlen" wortwörtlich zum Klingen bringt – mit großer Innigkeit gesungen von Andrea Müller und Regina Faller. Pianist Bernd Schäfer begleitete nicht nur umsichtig, sondern ließ dem freien Spiel der Töne in Wohlfahrts Werk genug Raum.

Die Harfe, meisterhaft gespielt von Julia Weissbarth, erklang in einer Solo-Fantasie von Louis Spohr. Sodann eröffnete der Frauenchor des Kammerchores mit "vollem Harfenklang" die Lieder Opus 17 von Brahms. Harfe und Hörner evozieren hier einleitend ein starkes Stimmungsbild. Der Klang der Chorfrauen traf den Brahms-Ton bestens. Beeindruckend, schon Richtung Melodram gehend, das vierte Lied: "Gesang aus Fingal", eine düstere, herbe Ballade.

Geboten wurde ein Brahms ohne Pathos. Es ist schön, dass der Kammerchor Staufen in seinen Konzerten immer wieder solch phantasievolle Programme verwirklicht. Das Publikum zieht beglückt von dannen.