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13. Oktober 2017

Die Evangelischen in Staufen

Gerd Schwartz hat die Geschichte der Protestanten in der Fauststadt seit dem Jahr 1842 aufgeschrieben.

  1. Das Titelbild des neuen Buchs zur Staufener Religionsgeschichte Foto: Stadt

STAUFEN. Nach über einem Jahr Arbeit stellt der Autor Gerd Schwartz am kommenden Sonntag im Martin-Luther-Gemeindezentrum sein neues Buch vor: "Wie Luther doch noch nach Staufen kam". Herausgegeben von der Stadt, mit Unterstützung der evangelischen Kirchengemeinde, erzählt er in dem 200-Seiten-Werk faktenreich, glänzend recherchiert und in leicht lesbarer und verständlicher Sprache "die Geschichte der Evangelischen in Staufen seit 1842 und wie sie ihre Kirche bauten".

Um gleich ein Missverständnis aufzuklären: Luther ist natürlich nie in Staufen gewesen; er dürfte von dem bescheidenen Weiler nicht einmal Kenntnis gehabt haben. Mit "Luther" ist vielmehr die "evangelische Religion" gemeint oder – wie es im Untertitel heißt: "die Evangelischen". Und das Startdatum 1842 hat mit Gallenweiler zu tun, das lange Zeit zu Badenweiler gehörte, einem Ort in der Markgrafschaft Baden-Durlach. Der Markgraf war evangelisch, und so lag Gallenweiler wie eine Insel im katholischen Vorderösterreich, bis zur Zerstörung des Dorfes im 30-jährigen Krieg.

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"Die holde Jungfrau
Elsa Groschupf
übergab am
12. September 1899
den Schlüssel zur Kirche."

Neusiedler aus der Schweiz brachten nach Kriegsende den reformiert-evangelischen Glauben wieder in die Region, 1793 wurde die Gallenweiler Kirche erbaut, und ab 1842 wurden die wenigen evangelischen Gläubigen in der Umgebung von hier betreut, von Bollschweil bis Wettelbrunn, vom Stohren bis zum Rhein. Damals gab es gerade mal 44 Evangelische in Staufen, 26 in Heitersheim, vier in Schlatt und zwei in Wettelbrunn. Mehr schlecht als recht wurden sie betreut, denn die langen Wege musste der Pfarrer zu Fuß zurücklegen.

Die Reihe der Pastoren eröffnete Hermann Wilhelm Schäfer. Er und seine Nachfolger residierten in Gallenweiler und hielten dort auch Gottesdienste. Erst im März 1866 bemühte sich ein Pfarrer nach Staufen für den ersten evangelischen Gottesdienst in der Stadt. Großzügig, wie man war im liberalen Staufen, stellte die Verwaltung den Ratssaal im Rathaus am Marktplatz dafür bereit. Die evangelische Gemeinde wuchs beständig, 1890 wurden schon 160 Mitglieder gezählt; damit war man genauso groß wie die Muttergemeinde Gallenweiler, zu der man immer noch gehörte.

Schließlich war eine eigene Kirche angesagt; den ersten Antrag formulierte Pfarrer Gotthold Schlusser 1892. Die Stadt schenkte den Bauplatz, gelegen in der neuen Vorstadt, auf dem damaligen Turnplatz, heute Bonneville-Platz. 70 Meter weiter südöstlich, entstand schließlich das Gotteshaus, unter anderem ermöglicht durch eine großzügige Spende der Basler Patrizierfamilie Burckhardt. Am 12. September 1899 war es so weit: Die holde Jungfrau Fräulein Elsa Groschupf übergab "den auf einem Sammtkissen getragenen Schlüssel zur Kirche", wie das Staufener Wochenblatt vermeldete. Das holde Fräulein, geboren 1877, lebte übrigens bis 1985 und war zeitweise die älteste Frau Deutschlands.

Zwei Monate nach der Einweihung ermöglichte eine weitere Großspende aus der Schweiz die Ausstattung der Kirche mit einer Orgel und Glocken. Doch denen war kein langes Dasein beschieden: Schon 1917 mussten die zwei Glocken der Kirche und die Zinnpfeifen der Orgel dem Materialhunger des Großen Vaterländischen Krieges geopfert werden – Glocken zu Kanonen, hieß das Motto. Das gleiche Schicksal ereilte auch die Ersatzglocken: 1929 geliefert, wurden sie 13 Jahre später für den Krieg der Nazis eingeschmolzen. Der dritte Satz Glocken hängt nun seit 1953 im Turm, nicht mehr aus Bronze, sondern aus Gussstahl.

Rund um die Kirche wuchs die neue Vorstadt von Staufen, auch Millionärsviertel genannt, mit stattlichen Villen entlang der Münstertäler Straße. Eine davon wurde zum Pfarrhaus, Staufen hatte seit 1907 einen eigenen Pfarrer und war nicht mehr von Gallenweiler abhängig. Das alte Pfarrhaus musste allerdings der 1984 eingeweihten Anna-Brücke weichen, die Evangelischen zogen auf die andere Straßenseite in das ehemalige Forsthaus, in dessen Garten später das Gemeindezentrum entstand.

"Die Glocken der
Kirche wurden in den
beiden Weltkriegen
jeweils zu Kanonen
eingeschmolzen."

Im Zweiten Weltkrieg war die Kirche stark beschädigt worden, aber schon 1949 stand sie wieder in alter Pracht da, und 1956 bekam die bis dahin namenslose Kirche einen Namen. Für den damaligen Pfarrer war es ein Symbol des friedlichen Nebeneinanders von katholischer St.Martins-Kirche und evangelischer Martin-Luther-Kirche, ein ökumenisches Denken, das sich bis heute in zahlreichen gemeinsamen Festen, Aktionen und Gottesdiensten manifestiert.

Was erwartet die Evangelischen in Staufen in der Zukunft? Sicherlich weitere Veränderungen, ausgelöst durch Mitgliederschwund und Geldknappheit, aber auch durch Veränderungen im Rahmen des Stadterneuerungsprogramms. Und so lauten die letzten Worte des Buches denn auch: "Die Geschichte der Evangelischen in Staufen bleibt spannend."

Die Vorstellung des Buches von Gerd Schwartz erfolgt am Sonntag, 15. Oktober, ab 11.30 Uhr in der Martin-Luther-Kirche, Münstertäler Straße. Das Buch hat 200 Seiten, zahlreiche Fotos und Illustrationen und kostet 15 Euro. Verkauf im Rathaus.

Autor: Rainer Ruther