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13. Oktober 2017

Erfrischend aus der Zeit gefallen

STAUFENER KULTURWOCHE: Nacht der singenden Poeten mit Christoph Reicho, Jan Degenhardt und Wolfgang Gerbig.

  1. Singende Poeten im Spiegelzelt (von links): Christoph Reicho, Jan Degenhardt und Wolfgang Gerbig (mit Pianist Martin Krüger) Foto: Hans-Peter Müller

  2. Foto: Hans-Peter Müller

  3. Foto: Hans-Peter Müller

STAUFEN. In Zeiten, in denen Songwriter schon Literaturnobelpreise bekommen, nimmt es nicht Wunder, dass Liedermacher gerade nicht hip sind. So stellte sich bei der Nacht der singenden Poeten im Rahmen der Staufener Kulturwoche auch ein sehr gesetztes Publikum ein, das Wader, Mey und Degenhardt senior aus Jugendjahren kennt.

Irgendwie passend zum wunderhübschen, aber heuer nicht ganz ausverkauften Spiegelzelt wirkten Publikum und Poeten ein wenig aus der Zeit gefallen. Dabei hätten die drei Akteure auch jüngeren Jahrgängen durchaus etwas zu sagen, denn deutsch betextete Musik ist ja derzeit eigentlich in. Nur braucht es offenbar mehr, um die Hörer von Clueso bis Mark Forster zu erreichen, als die Bänkelsänger-Gitarre mit Mey-Zupfing, die an diesem Abend neben etwas Piano und Percussion hauptsächlich zur Begleitung der gewichtigen Texte zum Einsatz kam.

Und das ist schade, denn zu hören gab es viel Bemerkenswertes. Insbesondere Christoph Reicho (alias "Calim") aus Wien, der das Kulturwochen-Motto "O-Ton Austria" verkörperte, überzeugte mit seinen Songs und mehr noch mit fulminant vorgetragenen Texten aus seinem Roman "Schlaraffenland". Assoziative Sprachkunst mit atemlosem Duktus paart sich bei ihm mit introspektiven Gedankenketten und machen Texte wie den zur digitalen Weltwahrnehmung seiner Protagonistin Lea zu kleinen Kunstwerken.

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Da kommt der bekannteste Name des Abends sehr viel direkter daher. Jan Degenhardt erinnert frappierend an seinen verstorbenen Liedermacher-Vater Franz-Josef. Die theatralische Geste, das tremolierende Timbre, die Komponiertechnik, alles klingt nach "Schmuddelkindern", in der Attitüde des Alt-Linken, der Wahrheiten ausspricht, die jeder ahnt, aber keiner gern hören will, weil sie ihm den Spiegel vorhalten. Ein Auftritt wie ein starkes Statement. Unbequem, aber reinigend.

Da hatte Lokalmatador Wolfgang Gerbig, der den Abend initiiert und eröffnet hatte und Stadt und Sponsoren dankte, keinen leichten Stand, bekam aber für seine politischen wie auch regionale Eigenheiten aufgreifenden Lieder ebenso reichlich Applaus wie alle drei am Ende beim gemeinsamen "Gracias a la vida", dem ultimativen Protestsong der Chilenin Violeta Parra, die neulich 100. Geburtstag gefeiert hätte.

Autor: Hans-Peter Müller