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14. Juli 2012

Fakire und blinde Passagiere

Mit Volldampf unterwegs: die Kinder und Jugendlichen des Zirkus Faustino in Staufen.

  1. Große Geschicklichkeit bewiesen mit kunstvollen Tricks diese Jungen des Kinder- und Jugendzirkus Faustino mit ihren Magic Sticks. Foto: Martina Faller

STAUFEN. Eine Lok pfeift, Bremsen quietschen und eine Durchsage kündigte das Einfahren eines Zuges an. Die Münstertalbahn ist gerade stillgelegt, dafür rollte ein anderer Zug mit Volldampf durch die Fauststadt: Der Faust-Express. In ihm waren die Kinder und Jugendlichen der Zirkus Faustino unterwegs zu ihrem Aufführungsort und erlebten eine abenteuerliche Zugfahrt bis es am Stadtsee an drei Tagen hintereinander hieß: "Vorsicht an Gleis eins, der Faust-Express fährt ein!"

Und der war vollbesetzt mit jungen Artisten und ihren Requisiten. So fanden sich in den Waggons Diabolos und Springseile, rollende Bretter und Balanacierseile, Vertikaltücher und Trapeze, Nagelbretter und Jonglierbälle, Keulen und Kostüme. Zwar sind die zirzensischen Künste Jahr für Jahr in etwa die gleichen, die Nummern jedoch sprühen jedes Jahr aufs Neue nur so vor Fantasie, überraschenden Ideen, atemberaubenden Kunststücken und witzigen Slap-Stick-Einlagen.

Und jede Nummer fügt sich wunderbar in das Bild der großen, abenteuerlichen Zugfahrt. Da wird nichts ausgelassen, was mit einer Zugfahrt zu tun hat: der Speisewagen genauso wenig wie die Bordküche, der Maschinenwagen und die blinden Passagiere. So ließ ein Kellner im Speisewagen ein Tablett fallen und leitete mit dem Scherbenhaufen eine fesselnde Fakirnummer ein, die mit Kopfständen auf Scherben, der Nagelprobe auf dem Nagelbrett und Feuerspucken das Publikum zum Staunen brachte. Die Kohlen aus dem Feuer holen mussten Zugarbeiter, die beim Grillen in der Feuerung erwischt wurden, und weil die ja zu heiß zum Anfassen sind, begannen sie kunstvoll mit ihnen zu jonglieren. Dazwischen wurde in der Bordküche Keulen schwingend das Menü zubereitet und kunstfertig mit Diabolos das Rattern von Nähmaschinen imaginiert, während in verstaubten Abteilen Akrobaten in Spinnenkostümen am Vertikaltuch ihren achtbeinigen Vorbildern nacheiferten und mit plötzlichen Abstürzen ins Tuch und kraftvoller Akrobatik den Zuschauern staunende Ausrufe entlockten, die in stürmischen Applaus mündeten.

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Die Durchsage des Schaffners, das blinde Passagiere an Bord verboten seien, rief die Akrobaten auf die Bühne. In indischen Kostümen und mit orientalischer Musik verwiesen sie auf ein Land, indem mit blinden Passagieren überfüllte Züge an der Tagesordnung sind und setzten ausdrucksvoll die Fahrt auf dem schlingernden Zug in Szene, meisterten gekonnt schwierige Balanceakte und suchten Halt in kunstvollen Pyramiden. Doch nach 90 Minuten aufregender Zugfahrt, hieß es "Endstation", der Aufführungsort war erreicht und die Show konnte beginnen.

Beginnen? Hatte das Publikum nicht gerade eine tolle Zirkusaufführung erlebt? Doch, aber auch im Zirkus gilt: Nach der Show, ist vor der Show. Dass das funktioniert, hat der Kinder- und Jugendzirkus eindrucksvoll unter Beweis gestellt.

Autor: Martina Faller