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11. Februar 2012
Freaks im Keramikmuseum
An den Grenzen des Möglichen: Ausstellung der Berliner Künstlerin Susanne Ring in Staufen.
STAUFEN. Eine Versammlung grotesker, surreal anmutender Figuren erwartet die Besucher des Keramikmuseums in der ersten Ausstellung des Jahres. Lauter Freaks tummeln sich in den kleinen Räumen – "Freaks of nature" wie die Künstlerin Susanne Ring ihre seltsamen Geschöpfe nennt, was soviel bedeutet wie Laune der Natur, Monster oder auch verrückte Person. So mannigfach die Formungen einer überbordenden Phantasie sind, so zahlreich auch die Adjektive von absurd und archaisch bis schräg oder verstörend, mit denen sie sich beschreiben lassen.
Wie Harald Siebenmorgen, Direktor des Badischen Landesmuseums (BLM) Karlsruhe, dessen Außenstelle die Staufener Einrichtung ist, in seiner Eröffnungsrede darlegte, sei das BLM vom Schaffen Susanne Rings so überzeugt, dass es schon seit Jahren ihr zeitgenössisch relevantes Werk künstlerisch begleite. Die Retrospektive "Freaks of nature" wurde bereits im Museum Schloss Neuenbürg gezeigt und wird im Anschluss an die Ausstellung in Staufen in einer Karlsruher Galerie zu sehen sein.
Hinsichtlich der beträchtlichen Zahl der Exponate und der Vorliebe der Künstlerin für Figurenensembles war für die Ausstellung im Keramikmuseum mit seinem beschränkten Platzangebot eine besondere Konzeption unter der Maßgabe "weniger ist mehr" zu erarbeiten, um ausgewählte Ausstellungsstücke ins rechte Licht zu rücken und doch einen guten Überblick über das experimentierfreudige Schaffen Susanne Rings seit den 1990er Jahren geben zu können. 1966 in Mainz geboren, arbeitet sie heute im eigenen Atelier in Berlin und hat seit 2009 eine Vertretungsprofessur für Keramik an der Hochschule für bildende Künste in Dresden inne.
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Beim Rundgang wird dem mit traditionellen Erwartungen an keramische Kunst gekommenen Besucher schnell klar, dass er sich mit Susanne Ring über gewohnte Grenzen hinwegsetzen und sich dem Phantastischen öffnen muss. Gelingt ihm dies, ist er fasziniert von einer farbigen Welt voller Rätsel, Absurditäten und Magie. Er trifft auf gespenstische Wesen mit deformierten und bemalten Körpern, mal fehlen ihnen die Gliedmaßen ganz, mal nur die Arme, während sie anderen bis zu den Füßen reichen. Große Augen blicken starr, befremden, vermitteln Bedrohung.
Aber auch der Innenraum, die Idee des Aufbewahrens von Erinnerungen ist der Künstlerin wichtig. So sind etliche der jüngeren Arbeiten als Hohlkörper angelegt, mit der Öffnung am Kopfende aber zugleich als Gefäß, wie die vierbeinige, von ihrer Schöpferin "Hochsitz" genannten Gestalt oder der "Hirnkasten", eine andere Figur mit Schnabelnase und Abläufen bunter Glasuren.
Die Tonplastiken rufen Assoziationen hervor, in deren Fokus Rituale exotischer Völker stehen, auch Mischwesen, wie man sie aus der Mythologie mancher Hochkultur kennt. Erscheinungen aus düsteren Träumen, Projektionen des Unbewussten mit der Thematik des Animalischen und Verschlingenden scheinen Form angenommen zu haben. Die schwarzgesichtige "Venus-Flieger-Falle" gleicht einem Tiergott und hat eine trichterförmige Antenne ausgefahren. Daneben nimmt sich das afrikanische Paar – die gelbe Jacke des Mannes verdankt ihr Muster der Bearbeitung mit einem Fleischklopfer – schon fast realitätsnah aus.
Imposant der Auftritt der drei Königinnen. Ihre aus Tonwülsten gebildeten Oberkörper hat Susanne Ring auf Bodenvasen montiert und mit abnormen Physiognomien und bizarrem Kopfschmuck versehen. Vitrinen bergen zum Teil mit anderen Materialien wie etwa Holz oder Salzteig kombinierte Kleinplastiken und sind in Beziehung gesetzt zu oft wertlosen Sammelobjekten der Künstlerin, deren Sinnzusammenhang sich nur ihr eröffnet. Persönliches Erleben oder auch die Betrachtung gesellschaftlicher Machtstrukturen haben wesentlichen Einfluss auf ihre Arbeit.
Die Auseinandersetzung mit Susanne Rings Arbeiten, so die Kuratorin Jacqueline Maltzahn-Redling in ihrer Einführung, stelle für den Betrachter eine Herausforderung dar. Eine eindeutige Gattungszuordnung könne nicht vorgenommen werden. Die Künstlerin sprenge den konventionellen Rahmen der keramischen Möglichkeiten.
Autor: Dorothee Möller-Barbian
