Gretchen im Achterpack

Ute Wehrle

Von Ute Wehrle

Mi, 02. Januar 2019

Staufen

"Gretchen 89 ff." feierte in Auerbachs Kellertheater in Staufen Premiere.

STAUFEN. "Achtung! Hamlets Pferd äpfelt auch auf der Probebühne." Der gut gemeinte Hinweis ist überflüssig. Nicht Shakespeares Drama um den dänischen Prinzen wird am Silvesterabend in Auerbachs Kellertheater einstudiert, sondern Goethes Faust. Genauer gesagt, die berühmte Kästchen-Szene, die in Lutz Hübners kabarettreifem Stück "Gretchen 89 ff" im Mittelpunkt steht.

Eines gleich vorneweg: Man muss kein ausgewiesener Faust-Kenner sein, um seinen Spaß an diesem satirischen Probeneinblick zu haben. Zumal die Szene für Nicht-Eingeweihte zunächst als Schwarz-Weiß-Stummfilm mit Untertitel auf einer Video-Leinwand eingeblendet wird, bevor sich die kleine Bühne in einen Schauplatz höchst skurriler Einfälle verwandelt.

"Es ist so schwül, so dumpfig hie" Gretchens (oder Kätchens) Ausruf dient als Auftakt für einen intimen Blick in den Theaterbetrieb, bei dem das Publikum quasi hinter den Kulissen erleben darf, wie die natürlichen Angstgegner Regisseur und Schauspielerin (Eberhard Busch und Jasmin Islam) aufeinanderprallen. Wie soll sie nun umgesetzt werden, jene Szene, in der Gretchen den Schmuck entdeckt, mit der Faust ihr Herz erobern will? Spannend? Erotisch? Radikal? Abgründig? Im Dreivierteltakt? Auf zwei Sätze verkürzt? Interpretationsmöglichkeiten und Regieeinfälle gibt es gar viele, sodass ständig etwas Neues und Anderes entsteht. Auch sonst sind der Phantasie keine Grenzen gesetzt. Ist das von Mephisto in Gretchens Haus platzierte Schmuckkästchen eine schlichte Zigarrenkiste? Oder vielmehr eine blaue Mülltüte? Kurzum: Seite 89 ff wirft jede Menge Fragen auf und bietet vor allem jede Menge Stoff für ein kurzweiliges Theaterstück – wie geschaffen, dass sich die beiden Darsteller voll austoben und ihre Vielseitigkeit zeigen können. Denn egal, ob Schauspielerin oder Regisseur, gewaltige Macken haben sie alle. Der Schmerzensmann, der kein schönes Theater, sondern die abgründige Wahrheit sehen will, der sächselnde alte Haudegen, der die Schauspielerin mit seinen Erinnerungen ständig unterbricht, der Wiener Charmeur, den der Kaffee und weibliche Reize mehr interessieren als das Stück. Nicht zuletzt der Freudianer, der die Gretchen-Darstellerin auffordert, sich den Phallus ihres Kollegen vorzustellen, um die Quintessenz der Szene zu erfassen.

Hübners Stück ist für Jasmin Islam und Eberhard Busch eine willkommene Gelegenheit, sämtliche Register zu ziehen, um die unterschiedlichen und wunderbar satirischen Interpretationsansätze umzusetzen. Da wird gemeckert, gefaselt, geschimpft, verzweifelt, dass es eine wahre Freude ist. Die Freude am Spiel merkt man auch den Darstellern deutlich an, etwa wenn Jasmin Islam sich als blutige Debütantin schüttelnd und prustend wie ein Hush Puppie auf Speed die Mundwinkel lockert oder Eberhard Busch als schüchterner Regisseur verängstigt wie ein Schulbub den Kopf einzieht, wenn er sich von der Diva sagen lässt, wo es langgeht.

Überhaupt, wer behauptet, dass Gretchen zwingend von einer Frau dargestellt werden muss? Weswegen ein bedauernswerter Schauspieler, zwischen Arbeitsamt und Kneipenschicht hin- und herpendelnd, verzweifelt darum ringt, die Rolle geschlechtsneutral zu spielen, weil es die feministische Dramaturgin so will.

Die acht Episoden gehen rasant über die Bühne, vor den Augen der Zuschauer werden Bärte aufgeklebt, Hüte auf- und abgesetzt, Röcke an- und ausgezogen, Haare geschüttelt oder zu Zöpfchen gebunden. Ja, das ist echtes Theater, zumal die mitreißende Art und Weise, mit der Jasmin Islam und Eberhard Busch die exzentrischen Figuren interpretiert, für eine Fülle heiterer Momente sorgt, die keine Wünsche offen lässt. Warum auch, schließlich ist für jeden etwas dabei.

Doch was würde nun die ältere Dame sagen, die vor Beginn einer Vorstellung seufzend zu ihrer Begleiterin sagt "Hoffentlich spielen sie es so, wie es ist?" Das Publikum zeigt sich in Auerbachs Kellertheater jedenfalls einig. Besser hätte man es ganz sicher nicht machen können.

Info: Weitere Vorstellungen unter http://www.auerbachs-kellertheater.de