Mal bei Rot über die Straße gehen

Dorothee Möller-Barbian

Von Dorothee Möller-Barbian

Mi, 14. Oktober 2009

Staufen

Am Stein politischer Ignoranz und Arroganz wetzt der Kabarettist Georg Schramm im Staufener Spiegelzelt sein Messer

STAUFEN. Der Mensch Georg Schramm, der Reserveoffizier, Psychologe und mit fast allen namhaften Kabarettpreisen des deutschsprachigen Raums Dekorierte existiert überhaupt nicht. Lothar Dombrowski hat ihn bloß erfunden, um mit den Abspaltungen seiner Person in Gestalt des Alt-Sozis August und des Oberstleutnants Sanftleben die Widersprüche um sich herum besser ertragen zu können. Das enthüllt Schramm seinem Publikum im voll besetzten Spiegelzelt anlässlich der kabarettistischen Lesung seines Buches "Lassen Sie es mich so sagen. Dombrowski deutet die Zeichen der Zeit".

Eine Sammlung von Texten mit eher geringem aktuellen Bezug – "oder dachten Sie, ich hätte es gestern geschrieben?" Nein, keiner denkt das, aber irgendwie erwarten alle auch zeitnahe Betrachtungen vom glattgekämmten Rentner mit der Lederhand – und bekommen sie. Einige wenige zum "desaströsen Wahlausgang", wobei Dombrowski gleich geschickt an einen Buchtext anknüpft und über das den Massen dahinschwindende kleine Quäntchen Glück sozialer Sicherheit oder das schlechteste Schulsystem Mitteleuropas räsoniert. Höhere Bildung beweisend, zieht er Platons Idee vom funktionierenden Staatswesen heran, merkt sarkastisch an, dass darin Bildung für die unteren Schichten nicht vorgesehen sei und nennt Baron zu Guttenberg und Platon hinterhältig in einem Atemzug. Die Kanzlerin kann jetzt nicht unerwähnt bleiben. Was denn von ihrer Frage zu halten sei, ob es Gerechteres gebe, als eine Krankenkasse, in die jeder gleich viel einzahlt, egal ob Chefarzt oder Sekretärin?

Die Zuschauer haben nicht viel Zeit zum Grübeln. Schramms Wortkanonaden folgen Schlag auf Schlag. Wer sonst nennt die Missstände im Land so schonungslos beim Namen? Am Stein politischer Ignoranz und Arroganz wetzt er sein Messer, reißt die Wunden der Politikverdrossenen auf und nimmt dem Auditorium jegliche Illusion, es könne bald einmal besser werden. Immer wieder gern zitiert wird sein Satz von den Politkasperle, die auf der Bühne der öffentlich-rechtlichen Bedürfnisanstalten ihre Sprechblasen entleeren dürfen. Auch über der badischen Revolution gießt er seinen Spott aus, obgleich der gebürtige Bad Homburger doch Baden seine Heimat nennt. Im Zelt herrscht pure Fröhlichkeit, als er den Heckerzug als mobilen Musikantenstadl, als Volkspolonaise im Räuberkostüm mit zweckentfremdetem Erntegerät vorüberziehen lässt. Dann darf sich der hessische Sozialdemokrat August, dessen stolze Partei dem Untergang nahe ist ("Der Sarg ist noch offen, die Nägel sind bereitgelegt") so richtig ereifern über die Rotarier und "Lioner", die auf dem Wochenmarkt Geld für halb verhungerte Neger sammeln, Kartoffelsuppe mit Lachs verkaufen und mit Schampus auf das Ende der Sozialdemokratie anstoßen. Denen sagt er mal so richtig die Meinung: "Wenn es euch nicht gäbe, bräuchte mir auch kein Stand."

Von seinen bitteren Erfahrungen in einem Seniorenstift inklusive Entmündigungsterror berichtend, gerät der Kabarettist derart in Rage, dass das Wasser im Glas schwappt und sein Gesicht sich rötet. Das kommt so authentisch rüber, als habe er alles am eigenen Leib erlebt, als habe er nach der Flucht aus dem Heim tatsächlich eine "Graue Zelle" gegründet, um die Alten aufzuwiegeln und Schluss zu machen mit dem Jugendwahn der Spaßgesellschaft. Einfach mal ganz langsam bei Rot über die Straße gehen und aus ist es mit der Lebensfreude der Autolenker.

Die Zeltgäste lassen sich ihre glänzende Laune von Schramms Grausamkeiten und der Aussicht, als Lacher von heute zu den Rentnern von morgen zu zählen, nicht austreiben, vertragen auch noch eine ordentliche Portion Zynismus zum Thema Tsunami und registrieren wohlwollend des Autors Wunsch, der rissegeplagten Stadt möge die Kulturwoche erhalten bleiben.