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13. Juli 2009 19:20 Uhr
Gastschüler aus China am Faust-Gymnasium Staufen
Sechs Großstädte in fünf Tagen
Seit dem 4. Juli erleben sie in Gastfamilien und in der Schule deutschen Alltag – und da erstaunt sie doch so manches. 21 Jungen und Mädchen zwischen 14 und 17 Jahren aus der Shidong-Schule Shanghai sind auf Besuch in ihrer deutschen Partnerschule in Staufen.
STAUFEN. Blühende Gärten, blauer Himmel – und mittendrin die malerische Schlossruine. Allein: Im Klassenraum 705 des Faust-Gymnasiums hat an diesem Morgen keiner der Schülerinnen und Schüler Zeit für einen Blick durchs Fenster auf die Staufener Idylle – hier wird gelernt. "Guten Morgen." "Wie geht es Ihnen?" "Mir geht es gut." Wie ein Echo wiederholen die Jugendliche, was die Lehrerin vorspricht. Frontalunterricht mit Antworten im Chor? Nicht unbedingt das pädagogische Konzept, für das das "Faust" steht. Aber die 21 Jungen und Mädchen zwischen 14 und 17 Jahren im Klassenzimmer sind diesen Unterrichtsstil gewohnt. Es sind Jugendliche aus der Shidong-Schule Shanghai auf Besuch in ihrer deutschen Partnerschule.
Von Wen Mao-Eberbach werden sie heute in die Grundsätze der höflichen Kommunikation und in die Geheimnisse der deutschen Hilfsverben eingeführt – in ihrer Muttersprache, denn Frau Mao-Eberbach ist gebürtige Chinesin und mit dem Koordinator der Austauschaktion Jürgen Eberbach verheiratet.
Neben den deutschen Zisch- und Rachenlauten klingt die Sprache der Gäste fast wie ein sommerliches Vogelkonzert, wie eine sanfte Melodie. Und die Tafel füllt sich mit Schriftzeichen, jedes für sich ein kleines Kunstwerk. Die chinesischen Jugendlichen beherrschen beides – ihre Schrift und das lateinische Alphabet. Und wenn sie von Frau Mao-Eberbach zum Nachsprechen aufgerufen werden, sind die Antworten auf deutsch mehr als passabel.
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Seit dem 4. Juli erleben sie in Gastfamilien und in der Schule deutschen Alltag – und da erstaunt sie doch so manches: So würde es keinem Chinesen einfallen, die Haare selbst zu waschen – dafür geht man regelmäßig zum Friseur. Und fünf Löffel Zucker im grünen Tee, wie sie ein deutscher Mitschüler am Frühstückstisch großzügig in die Tasse kippt: "Shocking", sagt der chinesische Gast, auf englisch, der Sprache, in der sie sich mit den Gastgebern verständigen. Genauso schockierend: das Wasser wegzukippen, in dem Reis gekocht wurde – kein Wunder, dass deutscher Reis den Chinesen so gar nicht schmeckt und die meisten aufs "sehr leckere" Brot umgestiegen sind.
Schule in Shanghai – das ist Pauken pur, in Schulbänken in Reih und Glied. Jeder Schultag beginnt mit gemeinsamer Gymnastik zu Kommandos und Musik aus dem Lautsprecher – sogar eine Übung zum Schutz der Augen gibt es. Die ewige Wanderei zwischen Klassenzimmern am Staufener Gymnasium ist den Gästen aufgefallen – in ihrer Schule gibt es einen Klassenraum für alle Arten von Unterricht. Und der ist lang – täglich acht Schulstunden zwischen 7.30 Uhr und 16.30 Uhr.
So viel Freizeit wie ihre deutschen Freunde haben die Chinesen nicht. Und so bunt gekleidet, wie sie heute die Bänke drücken, sind sie zuhause nur am Wochenende – Schuluniformen sind in China kein Diskussionsthema, sondern Realität.
Voll des Lobes sind die jungen Chinesen über ihre Freunde und Gastfamilien. Ihnen gefällt, wie ihnen das doch sehr fremde Essen zubereitet und schmackhaft gemacht wird. Viele haben kleine Brotdosen mit einem Vesper dabei. Sie freuen sich über das Entgegenkommen und die Freundlichkeit der Menschen in Staufen, und für viele der Jugendlichen, die in den staatlich verordneten Ein-Kind-Familien herangewachsen sind, stellen Geschwister eine Abwechslung und Herausforderung dar.
Ungewohnt, wenn auch sehr willkommen, sind auch die langen hellen Sommerabende – in Shanghai, das mit Kairo und den Kanaren auf einem Breitengrad liegt, ist es um sechs Uhr abends zappenduster.
Morgen nehmen die Chinesen Abschied von Staufen und dem beschaulichen Leben ohne Verkehrslärm und Autohupen – dem Klang der Großstadt Shanghai. Um wieder in den gewohnten Rhythmus zu kommen, wird die Gruppe bis zu ihrer Abreise in fünf Tagen sechs Großstädte besuchen: Köln, Amsterdam, Brüssel, Paris, Luxemburg und Heidelberg. Und dann beim Abschied in Frankfurt hoffentlich immer noch den Satz sagen können, den sie so lange gepaukt haben: "Wir fühlen uns gut und danken für den herzlichen Empfang."
Autor: Rainer Ruther
