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12. August 2015

Virtuos, kreativ, präzise und spritzig

Das dänische Bläserquintett Ensemble Carion bereitete seinem Publikum in Staufen Musikgenuss von höchster Qualität.

  1. Mit Oboe, Flöte, Horn, Klarinette und Fagott bescherte das Ensemble Carion seinem Publikum einen besonderen Abend. Foto: Anne Freyer

STAUFEN. Viel ist schon nachgedacht worden über den "Homo ludens", den spielenden Menschen als ein Erklärungsmodell, wonach der Mensch seine Fähigkeiten vor allem über das Spiel entwickelt. Das gilt gewiss auch für die Musik; nicht von ungefähr heißt es im allgemeinen Sprachgebrauch "ein Instrument spielen". Freilich gehört eine Menge Arbeit dazu, um es auf diesem Gebiet zu Könnerschaft, ja Virtuosität zu bringen. Das fünfköpfige "Ensemble Carion" bewegt sich auf dieser Ebene – und bereitet damit dem Publikum Musikgenuss von höchster Qualität.

Mehr noch: der Zuhörer fühlt sich direkt angesprochen und einbezogen, ja fast partnerschaftlich akzeptiert. So war es nun bei der vierten Veranstaltung im Rahmen der diesjährigen Staufener Musikwoche zu erleben – wer dabei war, dürfte sich noch lange an diesen Abend als an einen besonders denkwürdigen erinnern.

Die Belchenhalle erwies sich einmal mehr als bestens geeignete Spielstätte mit ihrer überraschend guten Akustik und ihrer freundlichen Anmutung, die sich nicht zuletzt dem freien Blick durch die breite Fensterfront auf das üppige Grün der hohen Bäume und auf den späten Übergang vom Tag zur Nacht verdankt. Diese Aussicht hat den Musikgenuss des Publikums womöglich noch zusätzlich gesteigert. Ob die Musiker selbst diese optische Verbindung von drinnen und draußen ähnlich angenehm empfunden haben, lässt sich schwer nachprüfen – ihrem übermütigen, inspirierten und dabei an Präzision nicht zu überbietenden Spiel nach fühlten sie sich jedenfalls sehr wohl.

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Ihre Eröffnung mit György Ligetis "Sechs Bagatellen für Bläserquintett" kam so spritzig-sprudelnd wie ein Glas Sekt, als Aperitif gereicht, daher und ließ bereits erahnen, welche Genüsse noch bevorstanden. Dabei hat es sich der ungarische Komponist nicht leicht gemacht mit diesen sechs "Stückchen von geringer Bedeutung (Duden)", legte er ihnen doch ein strenges und symmetrisch angeordnetes Muster zugrunde, wonach die dritte und vierte Bagatelle das Zentrum bilden und das Allegro grazioso laut Selbstauskunft das "persönlichste" Stück darstellt, während zwei Sätze folkloristische Elemente enthalten und die beiden Ecksätze an Strawinsky erinnern. Die Fünf vom Ensemble Carion, bestehend aus Flöte, Oboe, Klarinette, Horn und Fagott, zeigten sich den vielen Takt- und Rhythmuswechseln spielend gewachsen, ja verliehen diesem Feuerwerk an Einfällen ihre ganz eigene Note.

Und das nicht zuletzt dank der Bewegungsabläufe, die sie sich dazu angeeignet haben und die die jeweiligen musikalischen Intentionen vom Duett zum Duell, vom Solo über das Zwiegespräch bis zum Unisono begleiten und verstärken. So ergaben sich, und das auch bei den folgenden Stücken, immer wieder neue Konstellationen auf der Bühne und darüber hinaus Synergieeffekte mit dem Publikum, das sich fast wie im Zwiegespräch einbezogen fühlen durfte.

Schwierigkeiten als willkommene Herausforderung

Das bekam auch der Interpretation des ursprünglich als Oktett komponierten Quintetts op. 103 in Es-Dur von Ludwig van Beethoven gut, der laut der humorvollen Erklärung eines der Ensemblemitglieder damit einst das Bedürfnis des Wiener Publikums nach sogenannter "Harmoniemusik" befriedigte. Die viersätzige Sonate hat jedoch die Zeiten überdauert und verdankt ihre ungebrochene Wirkung als Quintett der Überarbeitung durch den Klarinettisten Ulf-Guido Schäfer. Die "Trois pièces brèves" (Allegro, Andante, Assez lent) des 1962 verstorbenen Jacques Ibert wirkten ebenfalls wie extra für die Carions geschrieben. Sie kamen nicht nur mühelos mit den vertrackten Spitzfindigkeiten der Komposition zurecht, sondern schienen sie geradezu als willkommene Herausforderung zu begrüßen, etwa das gleichzeitige Spiel in verschiedenen Tonarten, und das durchgehend auswendig wie im Übrigen das ganze Konzert.

Als Höhepunkt und Abschluss gab es von der dänischen Bläserquintett-Formation eine Hommage an einen der meistgespielten und -gesungenen Komponisten ihres Landes: Carl Nielsen (1895 – 1931). Er war Zeitgenosse von Igor Strawinsky, Claude Débussy und Béla Bartòk, ließ sich aber für sein Bläserquintett in drei Sätzen von Mozart inspirieren. Daraus entstand eine symphonische Dichtung, mit der er seiner dänischen Heimat Reverenz erwies und die die Solisten von Carion mit spürbarer Hingabe und großem Ernst umsetzten und nicht nur dafür begeisterter Applaus bekamen.

Autor: Anne Freyer