Landgericht Freiburg

Staufener Missbrauchsfall: Bundeswehrsoldat zu acht Jahren Haft verurteilt

Carolin Buchheim

Von Carolin Buchheim

Mi, 16. Mai 2018 um 15:58 Uhr

Südwest

Im zweiten Prozess um das Missbrauchsnetzwerk von Christian L. und Berrin T. aus Staufen wurde der Soldat Knut S. zu acht Jahren Haft verurteilt. Die Voraussetzungen der Anordnung einer Sicherungsverwahrung sah das Gericht nicht als gegeben an. Der 50-Jährige hatte den Neunjährigen zwei Mal missbraucht.

Das Wichtigste in Kürze

Im deutschlandweit Aufsehen erregenden Fall eines vielfach missbrauchten neunjährigen Jungen aus Staufen ist ein Bundeswehrsoldat zu acht Jahren Haft verurteilt worden. Zudem ordnete das Freiburger Landgericht die Zahlung von 12.500 Euro Schmerzensgeld an das Kind an. Eine an die Haft anschließende Sicherungsverwahrung, wie sie die Staatsanwaltschaft und die Vertreterin der Nebenklage gefordert hatten, wurde nicht angeordnet.

Das Landgericht Freiburg hat Knut S. wegen sexuellen Missbrauchs in zwei Fällen jeweils in Tateinheit mit Vergewaltigung, der Herstellung von Kinderpornographie, Zwangsprostitution und einem Fall von Beleidigung zu acht Jahren Haft verurteilt. An sein Opfer muss der Bundeswehrsoldat 12.500 Euro Schmerzensgeld zahlen. Eingezogene Gegenstände, darunter ein 5er BMW und diverse Laptops, bleiben eingezogen.

Bevor er zu seiner Urteilsbegründung kam, fasste der Vorsitzende Richter Stefan Bürgelin noch einmal den Sachverhalt zusammen, beschrieb das Kennenlernen zwischen Christian L. und Knut S., die Vorbereitung des Missbrauchs und die beiden Missbrauchshandlungen; an einer beteiligte sich auch Berrin T. Für die Taten zahlte Knut S. an Christian L. jeweils 50 Euro, auch das Kind erhielt 50 Euro.

"Die Polizei hat hier hervorragende Arbeit gemacht" Richter Stefan Bürgelin
Dann fasst er die Beweise zusammen, verweist auf das vollständige Geständnis des Angeklagten, das Seil, das bei Knut S. gefunden wurde, das vorliegende Video- und Bildmaterial, die Aussage von Christian L. und den anonymen Hinweisgeber, der die Ermittlungsbehörden auf den Fall aufmerksam machte. Das Urteil sei auch eine Botschaft am Menschen, die sich beim Teilen von kinderpornographischen Materials im Netz sicher fühlten: Es könne jederzeit sein, dass dieses Material an die Polizei weitergeleitet würde.

"Die Polizei hat hier hervorragende Arbeit gemacht", sagt Bürgelin, lobt namentlich die Polizeibeamtin W., die am zweiten Prozesstag über den Gang der Ermittlungen ausgesagt hat und heute im Zuschauerraum sitzt. Es sei nicht leicht gewesen, den Angeklagten zu ermitteln, sorgfältige und kleinteilige Ermittlungsarbeit sei notwendig gewesen.

"Er hat Reue gezeigt und sich entschuldigt" Richter Stefan Bürgelin
Bürgelin spricht über die Strafzumessung: Das Geständnis sei - auch bei dem vorliegenden Videomaterial - hilfreich gewesen, ein klares Bild des Angeklagten zu erhalten. "Er hat Reue gezeigt und sich entschuldigt", sagt Bürgelin. "Mehr kann er zum jetzigen Zeitpunkt auch nicht tun." Den Schmerzensgeldanspruch habe Knut S. anerkannt, zugesichert, dass Zahlungen fließen werden beziehungsweise schon geflossen sind.

"Er hat pädosexuelle Neigungen, aber der Sachverständige sagt, das sind schicksalshafte Neigungen", sagt der Richter. Er verweist auf die Aussage des forensischen Gutachters Hartmut Pleines. Diese können eben nicht legal ausgelebt werden. Zu Lasten sei ihm die konkrete Art des Missbrauchs gelegt worden, sowie einzelne Details der Tat.

Als Einzelstrafen seien für den Fake Check, die Zusendung kinderpornographischen Materials, sechs Monate Haft erkannt, für die beiden Missbrauchstaten jeweils 6 Jahre. Daraus habe die Kammer die Gesamtstrafe von 8 Jahren gebildet.

"Alles was wir gehört haben, waren Vermutungen, Thailand-Urlaube, Kambodscha, das Zeigen eines Videos" Richter Stefan Bürgelin
"Hier wurde im großen Umfang um Sicherungsverwahrung gestritten", beginnt Bürgelin seine Ausführung zur Sicherungsverwahrung. Die formellen Voraussetzungen der Anordnung seien gegeben gewesen; allerdings habe man bei Knut S. nicht mit ausreichender Sicherheit einen Hang zur Begehung solcher Straftaten feststellen können. Prognostisch günstig sei, dass S. keine Persönlichkeitsstörung habe oder sonst psychisch krank sei.

Gegen ein hohes Rückfallrisiko spräche auch das hohe Alter bei den ersten Taten. "Alles was wir gehört haben, waren Vermutungen, Thailand-Urlaube, Kambodscha, das Zeigen eines Videos." Hands-on-Delikte (dabei kommt es zum Körperkontakt, Anm. d. Red.) seien nicht bekannt. S. habe keine gescheiterte Therapie, eine gute Introspektionsfähigkeit. "Zu Lasten bleibt die Störung an sich, die Pädophilie, die pädosexuelle Sexualpräferenz", sagt Bürgelin. "Sie bietet dem Angeklagten keine Möglichkeit, legal seine Sexualität zu leben."

"Die acht Jahre, die wir heute verhängt haben, da ist eine Zweidrittel-Entlassung schwer möglich" Richter Stefan Bürgelin
Der Angeklagte müsse im Rahmen einer Therapie lernen, damit zu leben. "Es ist ja nicht so, dass alle Menschen mit solchen Störungen Hands-On-Delikte begehen", sagt Bürgelin. Entsprechende Therapieangebote seien vorhanden, etwa an der Berliner Charité, und sollten grundsätzlich ausgebaut werden. "Die acht Jahre, die wir heute verhängt haben, da ist eine Zweidrittel-Entlassung schwer möglich", sagt Bürgelin. Im Gegensatz zu anderen Ersttätern hätten Sexualstraftäter es schwer, Haftverkürzungen zu bekommen.

Die heutige Verurteilung ist das zweite Urteil im Staufener Missbrauchsfall. Mitte April war der ebenfalls geständige Markus K. aus der Ortenau zu zehn Jahren Haft verurteilt; eine anschließende Sicherungsverwahrung wurde angeordnet.

Der Prozess gegen die Haupttäter – Christian L. und die Mutter des Neunjährigen, Berrin T. – beginnt am 11. Juni am Landgericht Freiburg. L. kooperiert mit den Ermittlungsbehörden und sagte sowohl gegen Markus K. als auch gegen Knut S. aus, denen er den Jungen gegen Geld überließ. Ab dem 6. Juni wird gegen einen weiteren Kunden, einen 37-jährigen Schweizer, verhandelt.

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