Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.
19. Februar 2010
ENTER: Ein Soldat lässt seinen Tod feiern
Wie feiern Teenager einen Märtyrer, der zugleich Schutzpatron ihres katholischen Gymnasiums St.Sebastian in Stegen ist? / Eindrücke vom Sebastiansfest.
STEGEN. In der Rubrik "Enter" der Badischen Zeitung haben junge Autoren die Möglichkeit, mit ihrer Meinung, ihren Erlebnissen oder ihren Erfahrungen die Zeitung zu "entern". Heute schreiben drei Schüler des Kollegs St. Sebastian, wie sie das Sebastianfest erlebten. Eine neue sebastiansfigur
Welcher Soldat träumt nicht davon, dass ihm ein Heiligenschein geschenkt wird und man auch 1700 Jahre nach seinem Tode noch Schulen nach ihm benennt, die jedes Jahr seiner mit einem Fest gedenken? Doch schließlich trug dieser Soldat unter Kaiser Diokletian "seine Uniform nur zu dem Zweck, die Seelen der Christen zu stärken, die er auf der Folter verzagen sah", wie es in der mittelalterlichen Legenda aurea heißt. Legendenwürdig ist das Leben des heiligen Sebastian allemal, seine Zivilcourage büßte er schließlich mit einem von Pfeilen durchbohrten Körper und dem Tod in Roms Cloaca Maxima.Doch wie feiern nun Teenager diesen Märtyrer, der zugleich Schutzpatron ihres katholischen Gymnasiums in Stegen ist? Freilich zunächst mit einer Festmesse, in der nicht nur eine Sebastianshymne ihre Uraufführung erlebte, sondern in der Pater Roman auch eine von zwei Gemeindemitgliedern gestiftete und in einem Alpental geschnitzte Sebastiansfigur weihte.
Werbung
TANZ ZUR KOLLEKTE
Die Zehntklässler schauen gespannt nach vorne zu dem jungen Mann im bunten Hemd. Die Farben erinnern an Afrika. Das Hemd ist handgeschneidert von einem ghanaischen Schneider und besteht aus traditionell gewebtem Stoff. Denn genau dort war Rasmus Schröder, 2008-er Abiturient am Kolleg. Statt Zivildienst arbeitete er für ein ganzes Jahr in Ghana für eine kirchliche Organisation als "Missionar auf Zeit". Und heute, am Namensfest des heiligen Sebastian, erzählt er über seine Zeit in Ghana.
"Es hat Stil, dort bei 40 Grad im Schatten zu sitzen und gekühlte Cola zu trinken", erzählt er und nimmt einen Schluck von seiner ungekühlten Cola bei nicht ganz 40 Grad. Auf dem ersten Bild seines Vortrags sieht man viele Kinder und ihn selbst. Im Hintergrund, erklärt er, war sein Zimmer. Direkt neben der Kirche. Jeden morgen um 5.30 Uhr fingen die Glocken an zu läuten. "Das war gut, denn so kam ich pünktlich um 6 Uhr zum ersten Gottesdienst." Unter der Woche dauerte ein Gottesdienst in seiner Gemeinde in einer Zwei-Millionenstadt etwa eine Stunde, doch am Wochenende gab es drei Gottesdienste. Und sie dauerten mindestens doppelt so lang, Festgottesdienste manchmal Stunden, manchmal auch fünf Stunden. Doch das Wichtigste war die Kollekte. Jeder ging einzeln nach vorn, mit Musik begleitet, teilweise ganzen Musikbands - ein Tanz zur Kollekte.
An Fronleichnam, erzählt er, nahm er an der Prozession teil. Sie reichte beinahe durch die gesamte Stadt, begleitet von unzähligen Tänzergruppen. "Ich weiß nicht, wie viele Kilometer wir gelaufen sind, aber nachmittags um vier Uhr war ich sehr, sehr müde. Du musst es erleben", meint Rasmus Schroeder abschließend, "du musst dir einmal dieses westafrikanische Ghana anschauen!"
"ES MACHT FREUDE, FREUDE ZU MACHEN!"
Wer den zaubernden Steyler "Missio-Narr", P. Hermann Bickel, auf der Bühne erlebt, findet sein Motto rasch bestätigt. Der freundliche Zauberpater, Mitglied des Magischen Zirkels und deutschlandweit renommierter Zauberer, bot für die Klassen 5 und 6 ein kurzweiliges Programm in der Sporthalle. Mit erstaunlichen Tricks, viel Wortwitz und temporeichen Sprachspielen rief der heitere Pater aus dem Norden immer wieder Verwunderung hervor und brachte die Mädchen und Jungen zum Lachen.
Er verwandelte Flaschen in Dosen, ließ Tücher verschwinden oder auftauchen, führte eine Kanne vor, die auf wundersame Weise immer wieder neu mit Wasser gefüllt war und hypnotisier- te eine Fünftklässlerin, so dass sie in der Luft schwebte. "Das war gut", kommentierten viele der Mädchen und Jungen und drängten sich nach der zauberhaften Vorstellung zum Bühnenrand, um ein Autogramm des Zauberpaters zu ergattern.
VON WITWEN UND FAULPELZEN …
… erzählt in einem Nachbarraum des Kollegs Gidon Horowitz. "Eigentlich waren Märchen von Erwachsenen für Erwachsene", beginnt er seine Märchenstunde. Vor ihm sitzen 90 quakend-quasselnde Siebtklässler, die er zwei Stunden unterhalten muss – eine echte Herausforderung!
Doch spätestens, als der Märchenerzähler die Klangschale schlägt, kehrt Ruhe ein und Gidon Horowitz zieht die Quartaner mit Geschichten von "Mehmet dem Faulpelz und der Witwe Shunamit" in seinen Bann. "Märchen sind gerade für junge Leute wichtig, die an der Schwelle zum Erwachsenwerden stehen. Viele Fragen und Schwierigkeiten, die ihnen in diesem Lebensabschnitt begegnen, werden auch in Märchen behandelt!" In diesem Sinne Dank an Gidon Horowitz, der das Tagesprogramm um nicht nur eine Facette bereichert hat.
Jeremias Schmidt, Jahrgangsstufe 12
AUF DER ANDEREN SEITE
Die Jahrgangsstufen 11 und 12 bestaunten ein Theaterstück der besonderen Art. Drei Schauspieler des Galli-Theaters in Freiburg führten das Stück "Auf der anderen Seite" auf. Es wurde kurz nach dem Amoklauf in Winnenden von Johannes Galli entwickelt und spricht höchst theologische und auch philosophische Fragen an. Der Protagonist ist der Amokläufer, der sich nach seiner Gewaltattacke und nachdem er sich selbst umgebracht hat, im Zwischenreich befindet. Neben ihm stehen zwei Engel, ein Ankläger und eine Verteidigerin.
Der Amokläufer wird vor das göttliche Gericht gestellt. Dabei geht es nicht um die Frage Himmel oder Hölle, sondern vielmehr um das "Bewusst-werden" seiner Taten und seines "Seins". Den Platz des Richters, also den Gottes, nahmen verschiedene Schüler und Lehrer ein, die zufällig von den Engeln mit auf die Bühne genommen wurden. Eine Schülerin fordert den Mörder auf zu bereuen. Ein Lehrer fordert ihn auf, die Schmerzen zu durchleben, welche die Opfer seiner Gewaltattacke zuvor durchlitten hatten.
Alle Anweisungen führt der Schauspieler aus. Als er die Schmerzen seiner eigenen Taten selbst erlebt, bricht sein innerer Widerstand auf. Er bittet um Vergebung, indem er die ausweglose Situation, in der er sich zuvor, im Leben befand, erklärt und seine Schuld bekennt. Er möchte zurück und alles verändern. Zusammen und Hand in Hand mit den Engeln tritt er an den vorderen Bühnenrand. So endet das Stück mit einem offenen Schluss und viel Beifall.
Dinge bewusster wahrzunehmen und auf seine Umgebung zu achten, überhaupt ein Bewusstsein aufzubauen und dieses erweitern zu können, ist die klare Botschaft des ernsten Stücks. Nach der Aufführung bot das Schauspiel Trio noch eine offene Diskussionsrunde an.
Reichlich Diskussionen auch bei den Sebastiansjüngern, die von ihren Auslandsaufenthalten aus Japan, Neuseeland, USA oder Frankreich beziehungsweise von ihrem Freiwilligen Sozialen Jahr in Peru oder Indien berichteten. Einblicke in die Lebenswirklichkeit suchtkranker Jugendlicher gewährte Christine Stemmermann mit jungen Patienten von der Fachklinik Weitenau. Ausblicke in den Dschungel der schier unzähligen Studiengänge in Baden-Württemberg ermöglichten vier Studienbotschafter der Universität Freiburg und ETH Zürich schließlich den abiturreifen Kollegianerinnen und Kollegianern. Eine große Portion Leben in diesen Kollegsmauern im Gedenken an Mut und Martyrium des Heiligen Sebastian.
Autor: bz


