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25. Juni 2012 09:00 Uhr

Interview

Steinbrück zur Euro-Politik: "Ohne Referendum geht es nicht"

Der frühere Finanzminister und mögliche SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück rechnet in den nächsten zwei Jahren mit einem Referen dum über die Europapolitik. Warum er den Schritt für nötig hält, erklärt er im BZ-Interview.

  1. „Die Spareinlagen in Deutschland sind nicht gefährdet“ – bekräftigt Peer Steinbrück. Foto: dpa

  2. Des Volkes Stimme: Griechen protestieren vor dem Parlament in Athen. Foto: dpa

BZ: Herr Steinbrück, nach zwei Jahren harter Sparauflagen liegt Griechenland ökonomisch am Boden, Arbeitslosigkeit und Schulden steigen dramatisch. Wurde die falsche Medizin verabreicht?

Steinbrück: Die Griechen können das in dieser Dosis nicht schaffen. Sie müssen in diesem Jahr acht Prozent ihres Bruttosozialprodukts einsparen. Wenn man das auf Deutschland übertragen würde, wären das 150 Milliarden Euro. Dann hätten wir hier überall Proteste vom Kaliber Stuttgart 21.

BZ: Stellen wir uns einen Moment vor, Sie wären griechischer Finanzminister. Was würden Sie tun?

"Merkel hat allen nur Sparen verordnet. Das war ökonomisch falsch und hat Deutschland in Europa isoliert." Peer Steinbrück
Steinbrück: Ich bin es nicht. Ich bilde mir auch nicht ein, dort Rat geben zu können. Aber ich stelle mir vor, dass die Strategie, die in Deutschland erfolgreich war, auch in anderen Ländern Erfolg haben kann. Sie hieß: Konsolidieren, Reformieren und Investieren. Sparen ist dabei ein notwendiges Medikament. Aber die Dosis muss so bemessen sein, dass sie nicht tödlich ist, sondern heilt. Angela Merkels Fixierung führt diese Länder in die Depression.

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BZ: Aber wenn nicht einmal mehr die Kanzlerin auf Disziplin pocht, gibt es für die Schuldenmacher in Europa überhaupt kein Halten mehr.

Steinbrück: Das will ich nicht in Abrede stellen. Aber manchmal reicht eine Arznei alleine nicht, dann braucht es mehrere. Merkel hat allen nur Sparen verordnet. Das war ökonomisch falsch und hat Deutschland in Europa isoliert. Sie hätte nur die Philosophie, die sie mit uns in der großen Koalition entwickelt hatte, auf Europa übertragen müssen – nämlich den Dreiklang aus Konsolidieren, Reformieren und Investieren. Jetzt endlich scheint sie das zu begreifen, weil sie uns im Bundestag braucht und weil sich die politische Landschaft in Europa geändert hat.

BZ: Ist das jetzt avisierte Wachstumspaket nicht viel zu klein, um einen Aufschwung auszulösen?
Steinbrück: Es geht um 80 Milliarden Euro aus den Strukturfonds, die in Brüssel vorhanden sind, verstärkte Aktivitäten der Europäischen Investitionsbank, die Aufstockung von Projektanleihen auf eine Milliarde Euro und das Aufkommen der Finanzmarkttransaktionssteuer. Damit lässt sich einiges in Gang setzen.

BZ: Die neue Regierung in Athen bittet um zwei Jahre mehr Zeit. Ist das sinnvoll?

Steinbrück: Wenn es nur darauf hinausläuft, dass die Griechen nach zwei weiteren Jahren sagen, wir kriegen das wieder nicht hin, macht es keinen Sinn. Sie müssen ihre Administration, vor allem ihre Steuerverwaltung, auf Vordermann bringen, die Qualität ihrer Governance verbessern und die Auflagen umsetzen. Dann kann man über einen Aufschub reden.

BZ: Viele in Deutschland fordern einen Rauswurf Griechenlands aus dem Euro – getreu dem Motto: lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.
Steinbrück:
Es macht keinen Sinn, den Patienten zu erdrosseln, der viele und vieles mit in den Abgrund reißen kann.

BZ: Der Mehrheit der Deutschen geht selbst Merkels Hilfsbereitschaft zu weit. Wie weit darf sich eine Kanzlerin vom Volkswillen entfernen?

"Es macht keinen Sinn, den Patienten zu erdrosseln, der viele und vieles mit in den Abgrund reißen kann." Peer Steinbrück
Steinbrück: Wer als Regierungschef dauerhaft gegen die Bevölkerungsmehrheit agiert, ist politisch bald mausetot. Aber man muss den Stimmungen ja nicht devot begegnen. Gerade Deutschland mit neun Nachbarländern, mit einer exportgetriebenen Wirtschaft hat ein massives Interesse, diese europäische Gemeinschaft zu stabilisieren. Man kann ja Ehrgeiz entwickeln, dieses Europa neu zu erzählen.

BZ: Und am Ende stehen die Vereinigten Staaten von Europa?

Steinbrück: Ich würde den Begriff der Vereinigten Staaten nicht verwenden, weil die Analogie mit den USA nicht passt. Aber ich bin sehr dafür, die europäische Integration voranzutreiben. Dazu muss man ehrlich sagen: Das schließt die Abgabe nationaler Rechte zwingend ein. Darüber werden die Bürger in Deutschland eines Tages abstimmen müssen.

BZ: Sie meinen: im Rahmen einer Volksabstimmung?

Steinbrück: Ja. Wer den Verfassungsrichtern aufmerksam zugehört hat, weiß, dass es anders nicht geht. Das wäre ein absolutes Novum. Wir haben das Volk nicht einmal über das Grundgesetz, über die Wiedervereinigung und über die Aufgabe der D-Mark befinden lassen.

BZ: Könnte dieser Weg über den Artikel 146 des Grundgesetzes bereits für den großen Rettungsschirm und den Fiskalpakt notwendig sein, der in Kürze von Karlsruhe geprüft wird?
Steinbrück: Ich kann mir schon vorstellen, dass die Geduld des Bundesverfassungsgerichts langsam an ein Ende kommt. Aber gleichzeitig gilt: Fiskalpakt plus die Wachstumsinitiative und ESM-Rettungsschirm gehören zur kurzfristig notwendigen Krisenreaktion. Da muss sich jeder, der das stoppen will, fragen, ob er eine gefährliche Zuspitzung der Lage riskieren will.

BZ: Haben Sie angesichts der wachsenden Europa-Skepsis Angst vor einer Volksabstimmung?

"Wenn ich weitere nationale Rechte abgebe, dann muss Brüssel endlich die Finger lassen von Aufgaben, die auf den Ebenen darunter besser zu erledigen sind." Peer Steinbrück
Steinbrück: Solch ein Referendum käme ja nicht über Nacht, sondern frühestens 2013 oder 2014. Wenn die in Politik, Wirtschaft, Medien und Wissenschaft gemeinsam antreten, Europa als richtige Antwort auf das 21. Jahrhundert zu erklären, dann kann man so etwas gewinnen. Europa ist mehr als ein Binnenmarkt: Sozialstaatlichkeit, unabhängige Gerichte, kulturelle Vielfalt, Freiheit, das Erbe der Aufklärung – und endlich ein friedliches Zusammenleben!

BZ: Eine weitere Zentralisierung in Brüssel könnte genau diese Vielfalt zerstören.
Steinbrück: Wenn ich weitere nationale Rechte abgebe, dann muss Brüssel endlich die Finger lassen von Aufgaben, die auf den Ebenen darunter besser zu erledigen sind. Wie wir unsern Nahverkehr organisieren, geht dort niemanden etwas an.

BZ: Die Fragen "Wie viel Geld gibt der Staat aus?" oder "Wie lange muss ein Bürger arbeiten, bis er die volle Rente bekommt?" gehören in Ihrer Vision aber sehr wohl nach Brüssel?

Steinbrück: Nicht in Form von detaillierten Vorschriften. Aber eine gewisse Vereinheitlichung, gewisse Bandbreiten bei Sozialstandards und im Steuerrecht gehören auch dazu.

BZ: Haben die Europäer angesichts des akuten Krisendrucks überhaupt Zeit für eine große Reform?
Steinbrück: Wir müssen das eine tun, ohne das andere zu lassen.

BZ: Die iberischen Banken wanken. Muss bald der spanische Staat unter den Rettungsschirm – und schließlich Italien?
Steinbrück: Es gibt eine unselige Neigung zu süffigen Spekulationen über den denkbar schlechtesten Fall. Daran sollten sich weder Politiker noch Journalisten beteiligen.

BZ: Viele Bürger haben Angst um ihr Erspartes. Als Finanzminister haben Sie 2008 eine Garantie für alle Spareinlagen abgegeben. Würden Sie das heute wieder tun?
Steinbrück: Ja. Die Spareinlagen in Deutschland sind nicht gefährdet.

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Autor: Bärbel Krauß und Rainer Pörtner


14 Kommentare

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Ammar Ulabi™  

Ammar Ulabi™

Registriert seit: 08.05.2009

Kommentare: 3966

25. Juni 2012 - 11:18 Uhr

"Die Spareinlagen in Deutschland sind nicht gefährdet"

klingt genauso wie einst der Satz:

"Die Rente ist sicher".

Natürlich sind sie als solche nie gefährdet, es fragt sich eben nur, wieviel sie wann nur noch wert sein werden. Aber dies vermögen weder die Doktoren med. Steinbrück ("Arzenei", "Dosis", "Patient", etc.) noch all die anderen Doktoren Frankenstein uns zu sagen.

Übrigens: Gut, dass er gesagt hat,' den Patienten nicht zu ERDROSSELN'; hätte er 'nicht EINZUSCHLÄFERN' gesagt, dann wäre er Tierarzt.

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Pius Schäfer

Registriert seit: 08.07.2011

Kommentare: 77

25. Juni 2012 - 11:33 Uhr

Jetzt nachdem Deutschland für Griechenland um die 80 Mrd. € warscheinlich abschreiben muss, inzwischen mehr als 200 Mrd € an Bürgschaften von Deutschland gegeben worden sind und ein Targetsaldo von ca 500 Mrd€ zu ungunsten von Deutschland aufgelaufen ist.
Nun geben die Politiker wie Schäuble,Steinbrück usw. vor, daß man nun eine Volksabstimmung braucht damit man Kompetenzen des Bundestag nach Brüssel verlagern kann. Diese Volksabstimmung hätte schon längst stattfinden müssen bevor man sollchen einen Betrag an Verbindlichkeiten aufgehäuft hat und nebenbei bemerkt kommen die Politiker nur zu dieser Einsicht weil das Bundesverfassungsgericht dies fordert.
Hier ein Beitrag in der NZZ zum Thema Euro:
http://www.nzz.ch/aktuell/wirtschaft/wirtschaftsnachrichten/der-euro-fuehrt-so-in-die-knechtschaft-1.17277615

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Thomas Bender

Registriert seit: 04.02.2010

Kommentare: 2505

25. Juni 2012 - 11:37 Uhr

FYI: http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/entmachtung-der-parlamente-stefan-mappus-und-die-euroretter-11796949.html

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Gregor Mohlberg  

Gregor Mohlberg

Registriert seit: 10.07.2009

Kommentare: 262

25. Juni 2012 - 12:42 Uhr

Herr Steinbrück ist ein Blender, sowie auch Gabriel und die anderen "Spitzen-Sozis"... In solchen Interviews reden sie gerne von Volksabstimmungen, Demokratie, Steuerung und Regulierung derFinanzmärkte... In echt winken sie aber immer alles durch - wie jetzt am 29.6. den ESM/Fiskalpakt...

DIE LINKE ist da konsequent... auch was die anderen Sachen betrifft...
http://www.die-linke.de/nc/presse/presseerklaerungen/detail/zurueck/presseerklaerungen/artikel/wir-sagen-nein-1/

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Ch. Tröndle

Registriert seit: 22.07.2011

Kommentare: 45

25. Juni 2012 - 16:10 Uhr

Na ja, ich wollte dieses unehrliche Europa nicht. Denn schon im frühen Mittelalter, haben es schon mehrere Herrscher/innen versucht zu vereinen. Natürlich kann man es mit heute nicht vereinbaren oder vergleichen. Aber eines ist geblieben bis heute "der Machtanspruch und Egoismus jedes Einzelnen", der ist nicht vereinbar. Keiner will weniger Macht haben als der Andere und giert danach. Macht heißt Gier nach Geld, Besitz und Privilegien. So kann daraus kein vereintes EUROPA werden. Ich bin bestimmt kein Pessimist, aber die Realität lehrt es, man sieht jetzt schon die finanzielle Europakrise, so beginnt es. Keine Einigung nur Schein und Streit.

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Ch. Tröndle

Registriert seit: 22.07.2011

Kommentare: 45

25. Juni 2012 - 16:11 Uhr

Na ja, ich wollte dieses unehrliche Europa nicht. Denn schon im frühen Mittelalter, haben es schon mehrere Herrscher/innen versucht zu vereinen. Natürlich kann man es mit heute nicht vereinbaren oder vergleichen. Aber eines ist geblieben bis heute "der Machtanspruch und Egoismus jedes Einzelnen", der ist nicht vereinbar. Keiner will weniger Macht haben als der Andere und giert danach. Macht heißt Gier nach Geld, Besitz und Privilegien. So kann daraus kein vereintes EUROPA werden. Ich bin bestimmt kein Pessimist, aber die Realität lehrt es, man sieht jetzt schon die finanzielle Europakrise, so beginnt es. Keine Einigung nur Schein und Streit.

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Sebastian Meyer

Registriert seit: 22.02.2010

Kommentare: 560

25. Juni 2012 - 16:32 Uhr

Herr Mohlberg:

Na das ist ja mal ein "Wahnsinns"-Vorschlag, den die Linke da macht.
Einfach mal das Geld von allen Reichen holen. Alle über einen Kamm scheren, da ja alle Reiche Schuld an dieser Kriese haben.

Wie sagte der gute alte Konrad Adenauer einst: Alles was die Sozialisten vom Geld verstehen, ist die Tatsache, dass sie es von den anderen haben wollen!

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Dieter Leeb

Registriert seit: 05.03.2010

Kommentare: 529

25. Juni 2012 - 16:36 Uhr

Bis diese Volksabstimmung kommt (wenn überhaupt) sind (wie in Stuttgart21) schon so viele Fakten geschaffen, dass ein "nein" fast nicht mehr möglich ist. Danach heisst es wie üblich "die Mehrheit der Bevölkerung ist dafür" und der Käse ist gegessen.

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Ammar Ulabi™  

Ammar Ulabi™

Registriert seit: 08.05.2009

Kommentare: 3966

25. Juni 2012 - 16:59 Uhr

Worin sehen die angeblichen nationalen Meinungsmehrheiten eigentlich immer das Riesenproblem mit der Machtübertragung hinauf in kontinental-übergeordnete Parlamente und Gremien?

Im Großen und Ganzen bevorzugen all unsere politischen Klassen auf den unterschiedlichen Ebenen doch immer nur ihre jeweilige Klientel bzw. ihre wichtigsten und mächtigsten Lobbyisten.

Da kann es doch dem "Otto" und "Lieschen" völlig egal sein, wo und an welcher Stelle bzw. in welcher Landessprache man über deren Köpfe hinweg entscheidet.

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Tina Spitz

Registriert seit: 25.07.2011

Kommentare: 698

25. Juni 2012 - 17:13 Uhr

@ Dieter Leeb

Das war wohl Gedankenübertragung. Ich sehe das exakt genau so wie Sie. Sollte es eines fernen Tages tatsächlich zu eine Volksbefragung (oder etwas Ähnlichem) kommen, wird es dann (vorab bzw. im Nachhinein) in der Sprache der Politik (wahlweise) heißen "alternativlos", "wäre völlig verantwortungslos", "unumkehrbar", "Schaffung äußerst gefährlicher Brandherde", "Erdrosselung des Patienten", "einmalige historische Chance" bzw. "politisches Geschick", "Verstand und Weitsicht haben gesiegt" etc. pp. Kurz: Das übliche, inhaltsleere Bla-bla-bla.

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Rainer Brombach

Registriert seit: 11.11.2011

Kommentare: 856

25. Juni 2012 - 17:30 Uhr

@Dieter Leeb

Wenn die Volksabstimmung als Folge eines Urteil des Verfassungsgerichtes zu ESM und Fiskalpakt kommt, und das Interview mit Steinbrück ist ein weiteres Indiz dafür, dass es sich so entwickelt könnte, dann ist es noch lange nicht zu spät.

Wir haben dann zwar den EFSF und auch die Target-2-Salden. Soweit die Targetsalden aber auf Fluchtkapital zurückzuführen ist, befindet sich dieses Kapital in unserem Land und damit in unserem Souveränitätsbereich. Wir können dieses Kapital besteuern oder regulieren, oder vertreiben. Sobald es abgezogen wird, vermindert es unsere Targetsalden. Soweit die Targetsalden auf unseren Leistungsbilanzüberschüssen basieren, geht es uns nicht schlechter als zu D-Mark-Zeiten. Auch damals haben wir Devisenreserven angehäuft, um die D-Mark nicht übermäßig aufwerten zu lassen, auch diese Reserven unterlagen einem Abwertungsrisiko. Die Targetsalden werden sich beim Scheitern des Euros nicht in Luft auflösen, sondern in Währungsreserven aus den Schuldnerstaaten umwandeln. Ein Teil wird uns erhalten bleiben.

Die Alternative zu gewissen Verlusten ist, dass Deutschland für alle Zukunft seine Leistungsbilanzüberschüsse in den Süden überweist, damit die dortigen Konsumenten ihre Rechnungen für ausländische Warenlieferungen bezahlen können. Dabei handelt es sich um Beträge von mehr als 100 Mrd. € jährlich.

Europa hat nach dem Scheitern der Rettungspolitik, die sowieso kommen wird, wenn wir nicht zu obigen Zahlungen bereit sind, zwei Alternativen.

Rückkehr zu einem No-Bailout-Euro. Das wird bedeuten, dass überschuldete Staaten in Insolvenz gehen werden, und die Gläubiger die uneinbringlichen Teile der Kredite werden abschreiben müssen.

Oder Europa schafft den Euro wieder ab. Auch das ist mit überschaubaren Belastungen möglich. Die Katastrophenszenarien listen nämlich ausschließlich die Verlustrisiken einer Rückkehr zur D-Mark auf. Eine harte D-Mark hätte aber fast genauso hohe Gewinnchancen. Wenn Exporte zu teuer werden, werden gleichzeitig Importe billiger, mit der Folge, dass wir Bürger weniger für Energie, Kleidung, Elektronik, Gemüse und Kleinwagen bezahlen müssen. Wenn die Lebensversicherer Kursverluste bei ihren Auslandsanlagen verzeichnen müssen, erzielt die Bundesrepublik und die Häuslebauer Kursgewinne bei ihren Schulden, die ebenfalls in Euro nominiert sind.

Es kommt daher nur darauf an, dass Gewinne und Verluste ordentlich ausgeglichen werden, d. h. die Schuldner müssen ihre Gewinne abtreten, damit die Kursverluste der Sparer ausgeglichen werden können. Eine Währungsaufwertung betrifft den Saldo der Vermögensanlagen, und den Leistungsbilanzsaldo. Mit diesem Effekt sind wir in der Bundesrepublik reich geworden.

Katastrophen können daher nur dann eintreten, wenn die Bundeskanzlerin androht, mit ihrer Regierung in Streik zu treten, wenn wir nicht tun was sie wünscht. Wenn die Regierung nicht mehr arbeitet, geht tatsächlich alles den Bach runter. Das ist aber auch nicht anders, wenn die Müllmänner übermütig werden, oder die Polizisten das arbeiten leid sind. Solange jeder seinen Job macht, gibt es auch für alles eine Lösung.

@Herr Ulabi
Haben Sie schon mal etwas von einen Staatsvolk gehört, das zwingend notwendig ist, um einen Staat zu tragen? Glauben Sie ernsthaft, dass die Europäer mit 23 verschiedenen Sprachen und 3 verschiedenen Schriften ein solches Staatsvolk darstellen?

Wir würden diese ganze Diskussion um die Eurorettung gar nicht führen, wenn Europa in der Lage wäre, einen gemeinsamen Staat zu bilden. Allenfalls Rudimente eines Staates können auf die europäische Ebene verlagert werden. Aber dort wo Solidarität mit Wildfremden gefordert ist, wird Europa noch in Jahrzehnten nicht funktionieren.

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Martin Mattmüller

Registriert seit: 13.02.2010

Kommentare: 2031

25. Juni 2012 - 17:41 Uhr

Herr Leeb, Frau Spitz,

Sie sprechen mir aus dem Herzen. Auch ich glaube nicht, dass die politisch-mediale Klasse sich von Saulus zum Paulus gewandelt hat und nun - anders als bei der Wiedervereinigung, der Euro-Einführung, den bisherigen "Rettungsschirmen" usw. - auf einmal sich nach des Volkes Willen richten will. Schon bei der Einführung des Euro hatten Umfragen ergeben, dass die Mehrheit der Deutschen diesen ablehnt.

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Ammar Ulabi™  

Ammar Ulabi™

Registriert seit: 08.05.2009

Kommentare: 3966

25. Juni 2012 - 20:35 Uhr

Hallo Herr Brombach,

"Glauben Sie ernsthaft, dass die Europäer mit 23 verschiedenen Sprachen und 3 verschiedenen Schriften ein solches Staatsvolk darstellen? [...]"

Falls Sie auf die unverkennbaren Schwierigkeiten und Barrieren ansprechen, die sich auf die manigfaltigen Historien, Kulturen, Traditionen, Glaubensrichtungen sowie ethnischen Identifikationen gründen, dann sage ich selbstverständlich nicht einfach lapidar "JA" dazu.

Aber ich sage mit Verweis auf die seit dem letzten Weltkrieg bis heute vollbrachten Errungenschaften - inkl. der gemachten Fehler dabei, aus denen man allerdings auch lernen kann, dass zu allererst nur das allg. Vertrauen in eine gesamtheitliche europäische Zukunft die Basis von den noch sehr vielen Schritten sein kann, die uns einmal dorthin führen mögen.

Es gibt aus der Vergangenheit wie auch aus der Gegenwart genügend Beispiele, wo sich gesellschaftliche Schmelztigel zu gesamtheitlichen wie amtlichen Staatswesen hin entwickelt haben - mit den tragenden Säulen von Freiheit, Frieden und bestrebter ausgewogener sozialer Gerechtigkeit.

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Rainer Brombach

Registriert seit: 11.11.2011

Kommentare: 856

26. Juni 2012 - 15:52 Uhr

@Herr Ulabi,

ich wüsste nicht wo außer vielleicht im Londoner Bankenviertel wir einen europäischen Schmelztiegel hätten.

Ich kann nur feststellen, dass in den Staaten, in denen verschiedene Volksgruppen schon lange zusammenleben, es auch nach Jahrhunderten keine Verschmelzung der Bevölkerung gegeben hat. Die Differenzen zwischen den unterschiedlichen Sprachgemeinschaften sind in diesen Staaten erheblich. Dies mag sich in der Schweiz auf Dissonanzen über den Röstigraben hinweg beschränken. In Belgien sind Flamen und Wallonen kaum noch zu einer gemeinsamen Regierungsbildung fähig. In Jugoslawien führte das Völkergefängnis gar zu einem blutigen Bürgerkrieg. Russland ist nur durch eine Halbdiktatur zusammen zu halten. In Großbritannien wird nächstes Jahr eine Volksabstimmung wegen der Abspaltung von Schottland angesetzt. Von den katastrophalen Zuständen in den afrikanischen Staaten ganz zu schweigen.

Sobald Siedlungsräume mit jeweils eigenen Traditionen, Kulturen und Sprachen zu einem Staat zusammengefügt werden, funktionieren die Dinge nicht mehr, sobald Finanztransfers von reicheren Siedlungsräumen in ärmere stattfinden sollen. Die Menschen haben keine ausreichende Solidarität zueinander, um Mitbürger aus anderen Gegenden, mit anderer Sprache und Kultur finanziell in einem Umfang beizustehen, wie es ein Staat mit dem Anspruch auf annähernd gleiche Lebensverhältnisse erfordert.

Sie haben auch kein Beispiel benannt, bei dem dieses Modell funktioniert hätte.

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