"Heimat ist, wo ich aufgewachsen bin"

Robert Bergmann

Von Robert Bergmann

Sa, 19. August 2017

Steinen

BZ-SERIE "FREMDE WERDEN HEIMISCH" (1): Der Ostpreuße Hans-Jochen Dannappel, das Wiesental und seine Liebe zum Allgäu.

WIESENTAL. Zuzug ins Wiesental, das Verlassen der angestammten Heimat, einen Neuanfang in fremder Gegend: All das gab es immer schon und nicht erst seit sich Menschen übers Mittelmeer und den Balkan auf nach Europa machen. In einer neuen Serie fragt die Badische Zeitung bei Steinenern und Maulburgern, die vor vielen Jahren aus unterschiedlichen Gründen hierhergekommen sind, nach. Wir wollen wissen, ob der Neustart damals geglückt ist, ob es Probleme gab und wie die Zugezogenen heute den Begriff Heimat definieren.

In Ostpreußen geboren, im Allgäu aufgewachsen vielfach umgezogen und nun schon seit vielen Jahren in Steinen lebend. Wie definiert eigentlich Ex-Gemeinderat Hans-Jochen Dannappel das Thema Heimat für sich, wollten wir von dem heute 75-jährigen promovierten Chemiker wissen. Und was braucht es, um sich in einer Gesellschaft einzufinden? Beim Besuch im schmucken, Ende der 1970er-Jahre gebauten Eigenheim mit herrlichem Blick ins Tal hat Hans-Jochen Dannappel einige spannende Antworten darauf.
"Heimat, das ist für mich dort, wo ich aufgewachsen bin", sagt Hans-Jochen Dannappel ohne zu zögern. In Dannappels Fall ist das Isny im Allgäu. Hier kam die Mutter mit dem kleinen Hans-Jochen und seinen Schwestern nach der kriegsbedingten Flucht aus der ostpreußischen Heimat im Jahr 1951 in einer Neubauwohnung endlich wieder zur Ruhe. Er habe bis heute "ungeheure Glücksgefühle, wenn ich wieder einmal in Isny bin", erzählt der Wahl-Steinener im mittlerweile fast 40 Jahre alten Haus am Oberen Bannweg.

Hinter der einst materiell sehr gut situierten Familie liegen unruhige Jahre, als ihr vom jungen deutschen Nachkriegsstaat die Wohnung in Isny zugewiesen wird. Dannappels Mutter – der Vater war schon im Jahr 1943 gefallen – kommt nach der Flucht mit den Kindern zunächst in Wasserburg bei Verwandten und in diversen Gasthäusern unter, quält sich mühsam durch die Nachkriegsjahre. "Wir hatten fast nichts mehr", weiß Dannappel.

In Isny aber wird die Familie erstmals wieder sesshaft, die Mutter hatte mittlerweile erneut geheiratet. Und auch wenn es materiell an jeder Ecke zwickt und zwackt, es nie genug zu essen gibt: Hans-Jochen Dannappel denkt gerne an seine Allgäuer Jahre zurück. Im Isny der 1950er-Jahre lernte er zwar, "wo der Hungernerv sitzt", weil es materiell gesehen ziemlich eng zugeht. Zugleich aber entdeckte der junge Mann bei ausgedehnten Streifzügen ins Grüne seine " Liebe zur Natur" und im örtlichen Fußballverein auch noch die Freude am Kicken.

"Sei im Verein oder

bleib allein"

Hans-Jochen Dannappel
Doch wer weiß, womöglich hängen Hans-Jochen Dannappels heutige Allgäuer Heimatgefühle auch damit zusammen, dass die ruhigen Jahre in Isny schneller wieder vorbei sind, als es ihm lieb ist. Sein Stiefvater geht zur Bundeswehr, die Familie zieht in schneller Folge an die diversen bundesdeutschen Kasernen-Standorte, zu denen der Familienernährer abgeordnet wird. Sein Abitur macht Dannappel schließlich in Buchen, in Karlsruhe wird Chemie studiert und mit Promotion abgeschlossen. Und auch der Start in den Beruf bringt zunächst jede Menge Fahrerei mit sich, da der Arbeitgeber Ciba Geigy ihn sowohl in seinem Werk im Odenwald als auch am Stammsitz in Basel braucht.

Der Chemieriese ist es schließlich auch, der Hans-Jochen Dannappel ins Dreiländereck bringt. Denn der Chemiker aus Karlsruhe muss einen Wohnsitz nahe Basel nachweisen, um in der Schweiz arbeiten zu können – die Eidgenossen fremdeln da grad mal wieder mit ihren ausländischen Arbeitnehmern. Dannappel: "Ich wurde Hals über Kopf in Basel angestellt." Und so zieht er 1973 mit seiner Frau Ursula – die er im Studium kennengelernt hatte – und den Kindern zunächst nach Inzlingen, sechs Jahre später ist schließlich das Haus in Steinen fertig. Dannappels sind Wiesentäler geworden – und sind es nun schon seit geraumer Zeit.

"Ich wurde hier nie als"Neigschmeckter" bezeichnet", freut sich Hans-Jochen Dannappel, der nach einigen aufregenden Berufsjahren mit und später ohne Ciba Geigy seit 2007 die Rente im sonnigen Eigenheim mit Frau und auch nicht mehr ganz jungem Hund genießt.

Es habe aber einiger "bewusster Entscheidungen" bedurft, um in der neuen Umgebung Fuß zu fassen. Die wichtigste? Dannappels haben sich schon in ihrer Inzlinger Zeit in den örtlichen Vereinen engagiert – vor allem das Skifahren hatte es ihm angetan. Nach dem Umzug nach Steinen ergab es sich schließlich, dass Dannappel die Skiabteilung des TuS Höllstein übernahm. Die Erkenntnis: "Sei im Verein oder bleib allein", habe sich in seinem Fall bewahrheitet, sagt Dannappel in der Rückschau.

Und noch eine bewusste Entscheidung gab es im Leben des Hans-Jochen Dannappel, die sein privates Leben im Wiesental entscheidend prägte. Im Jahr 1985 zog er für die damalige Bürgerliste erstmals in den Steinener Gemeinderat ein und blieb dort bis zum Jahr 1996. Die überparteilichen Kontakte, das Wissen, wie eine Kommune funktioniert, all das wolle er nicht missen, sagt Dannappel über seine Jahre als Steinener Kommunalpolitiker. Ist Steinen, ist das Wiesental also jetzt seine neue Heimat geworden? Da macht der jetzt sesshafte Chemiker dann doch einen kleinen, aber feinen Unterschied: "Ich fühle mich hier zu Hause, ja – aber nicht in der Heimat", sagt er nachdenklich.