Unterricht mit französischer Note

Sylvia Bleckmann

Von Sylvia Bleckmann

Fr, 15. Februar 2013

Steinen

Austauschlehrerin Virginie Stéphan fördert in Steinen die freundschaftlichen Beziehungen zwischen Frankreich und Deutschland.

STEINEN. "Französischunterricht" aus erster Hand – das macht in Steinen und Höllstein das deutsch-französische Jugendwerk möglich, einer der Ergebnisse aus dem 50 Jahre alten Elysée-Vertrag. Im Moment ist Madame Virginie Stéphan über das deutsch-französische Jugendwerk ein Jahr lang als Lehrerin an der Grundschule in Steinen und Höllstein tätig.

Virginie Stéphan ist in der Normandie aufgewachsen und arbeitet seit sieben Jahren in Vendée als Lehrerin. Vendée liegt im Département Pays de la Loire, an der Atlantikküste. Um den Austausch mit Deutschland mitmachen zu können, hat sie extra ihre Wohnung aufgegeben und kurzerhand alle Möbel bei ihren Eltern untergestellt.

Das deutsch-französische Jugendwerk ist eines der Ergebnisse aus dem 50 Jahre alten Elysée-Vertrag: Die beiderseitigen Beziehungen sollen durch den Austausch von Schülern und Lehrern gefördert werden. Zur Zeit sind 40 französische Lehrer in Deutschland und 30 deutsche Lehrer in Frankreich. In Vendée etwa gastiert gerade eine Lehrerin aus Berlin.

"Ich bin sehr nett von dem Kollegium in Steinen aufgenommen worden", berichtet Stéphan. Das liegt wohl auch daran, dass es mittlerweile seit elf Jahren zur Gewohnheit geworden ist, eine französische Lehrerin in der Lehrerrunde zu haben. In Frankreich werden die Lehrer so ausgebildet, dass sie Kinder von zwei Jahren bis zur fünften Klasse unterrichten. Also auch die Kindergartenkinder werden von Lehrern erzogen. Der Alltag ist dabei für die ganz Kleinen schon sehr verschult und lässt nicht so viel Platz für Spiel, wie es Stéphan in Deutschland jetzt kennen lernt.

Bereits in der ersten Klasse können die französischen Kinder die Buchstaben und einfache Wörter lesen.

So empfindet Stéphan den Unterricht der deutschen Erstklässler als anstrengender, da dann erst mit den Grundlagen des Schreibens angefangen wird und somit sehr viel Stoff vermittelt werden muss. Angenehm für die Familien ist in Frankreich die Kinderbetreuung bis fünf Uhr Nachmittags, die selbstverständlich ist und nicht bezahlt werden muss.

Ein und derselbe Lehrer unterrichtet in Frankreich seine Klasse den ganzen Tag und nicht nur bestimmte Fachgebiete. Da freut sich Stéphan zur Zeit schon, wenn es in ihrem Tagesablauf auch Freistunden gibt. Diese können gut für Korrekturen oder Unterrichtsvorbereitungen genutzt werden, was in ihrer Heimat nur nach Unterrichtsschluss möglich ist.

"In Frankreich haben die Lehrer Schüler in den Klassen und in Deutschland haben die Lehrer Kinder in den Klassen", fasst Stéphan ihren Eindruck vom deutschen Schulalltag zusammen. Wenn dieses Schuljahr um ist, geht sie wieder zurück nach Frankreich und freut sich schon darauf, ihren Schülern Deutsch beizubringen.

Der Austausch ist ein Selbstläufer geworden: Jedes Jahr bewirbt sich die Grundschule Steinen beim Kultusministerium aufs Neue, um einen französischen Lehrer zu bekommen. "Sie bringen immer viel stärker ihre Kultur mit in den Unterricht ein, als es ein deutscher Lehrer leisten könnte", berichtet Konrektorin der Grundschule Steinen Renate Schulze-Schyja stolz, was sie ihren Grundschülern bieten kann.