Stern von Arabien

Martin Halter

Von Martin Halter

Fr, 25. Mai 2018

Literatur & Vorträge

Wilhelm II. und der Dschihad: Jakob Heins Roman "Die Orient-Mission des Leutnant Stern".

Auch die Deutschen hatten ihren Lawrence von Arabien. Hauptmann Klein, sein Adjutant, Leutnant Stern, und sein Chef, Schabinger Freiherr von Schowingen, hatten im Ersten Weltkrieg die glorreiche Idee, den "Dschihad nach Persien hineinzutragen". Oder wie es Wilhelm II., der Schutzherr aller Muselmanen, formulierte: die Muslime in den britischen Kolonien "zum wilden Aufstande zu entflammen". Der Versuch, die Feinde des Feindes als Verbündete zu rekrutieren, scheiterte im Ersten wie im Zweiten Weltkrieg: Warum sollten sich Araber oder Inder am Völkermorden in Europa beteiligen?

Immerhin, Fritz Klein führte 1914 eine siebzigköpfige Expedition von Archäologen, Orientalisten und Offizieren bis nach Bagdad und Teheran und sprengte unterwegs britische Ölquellen in die Luft; beim Rückzug fielen die Dschihadisten des Kaisers allerdings Räubern in die Hände und mussten von einer schönen Araberin vor dem Verdursten gerettet werden. Was sich wie ein Roman von Karl May liest, hat Autor Jakob Hein zu einer launigen Real-Satire animiert. Um die deutsch-türkische Waffenbrüderschaft zu bekräftigen, ließ die "Nachrichtenstelle für den Orient" 1914 tatsächlich in einer Goodwill-Aktion vierzehn muslimische Kriegsgefangene nach Konstantinopel schicken. Leutnant Stern führte die Truppe, als Wanderzirkus Estrella getarnt, im Orientexpress durch die feindlichen Linien.

Der jüdische Journalist und spätere Ullstein-Chefredakteur veröffentlichte seine Erinnerungen im englischen Exil unter dem Titel "Playing Lawrence on the other Side". In den vergangenen Jahren ist seine Geschichte mehrfach in Büchern, Fotobänden und Ausstellungen aufgearbeitet worden. Bei den Wormser Nibelungenfestspielen schmiedete Albert Ostermaier letztes Jahr aus Leutnant Kleins Wanderzirkus sogar eine – ziemlich verworrene – Freilichttheaterfassung. Jetzt hat auch Hein, als Poetry-Slammer und Standup-Comedian groß geworden, das Potenzial der Geschichte erkannt und nach allerlei Schelmen-, Hochstapler- und Erinnerungsbüchern seinen ersten historischen Roman geschrieben.

Es ist eine amüsante Mischung aus Schwejkiaden und Köpenickiaden, Doku-Drama, Berlin-Chronik und Agentenklamotte. Hein breitet allerlei Interessantes zum Schmunzeln und Stirnrunzeln aus: Die Islambegeisterung von Wilhelm Zwo, der erstaunliche Luxus, den kriegsgefangene Moslems im Wünsdorfer "Halbmondlager" (wo 1915 die erste Moschee auf deutschem Boden gebaut wurde) genossen, die Abenteuer zweier Berber, die als Vorzeige-Muselmanen Kapital aus ihrer desolaten Lage schlagen, bizarre diplomatische Memoranden und Missionen zwischen Tanger und Teheran, die deutsche Mitschuld am türkischen Völkermord an den Armeniern. Hein hat viel recherchiert, wie auch aus einem Anhang hervorgeht. Aber das macht seinen Roman auch zu einem etwas konfusen Sammelalbum.

Hein kann durchaus unterhaltsam erzählen: Wie Leutnant Stern, aus dem Sommerurlaub an der belgischen Küste gerissen, mit seiner Dschihad-Idee beim Generalstab erst mal auf Granit beißt, wie er dann mit Chuzpe und Improvisationskunst Schlachtrösser und bürokratische Amtsschimmel als Zirkuspferde aufzäumt und so seine Moslems samt Spionen und Funkgeräten an korrupten Zöllnern vorbeischmuggelt. Und dabei hat Hein die lustigsten Geschichten des deutschen Lawrence noch nicht einmal erwähnt (etwa wie er mit einem syphilitischen Scheich in Kerbela Blutsbrüderschaft trinken sollte).

Im Alter läuterte sich Klein, der Spieler, Abenteurer und 1001-Nacht-Romantiker, zum weisen Mufti, der von einer strategischen und kulturellen Partnerschaft zwischen Deutschland und Persien träumt. Damals gerieten er und Adjutant Stern zwischen alle Fronten. Weder deutsche noch türkische Generäle konnten sich für den Dschihad erwärmen, und die stolzen Söhne der Wüste ließen sich ihren scheinheiligen Krieg teuer bezahlen, ohne eine Hand dafür zu rühren.

Entsprechend abrupt endet der Roman. Ernsteres über den europäischen Anteil am islamischen Dschihadismus fiel Hein offenbar nicht ein: Der Zusammenstoß der Kulturen zwischen Bagdad und Stambul ist bei ihm ein skurriler Husarenstreich. Steffen Kopetzky gewann der ähnlich motivierten Niedermayer-Hentig-Expedition nach Kabul einen fetten Siebenhundert-Seiten-Roman ab ("Risiko"). Hein macht aus Leutnant Sterns Orientmission eine verzettelte Zirkusnummer.

Jakob Hein: Die Orient-Mission des Leutnant Stern. Roman. Galiani Verlag, Berlin 2018. 244 Seiten, 18 Euro
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