Klassik

Sternstunde: Der fast 91-jährige Herbert Blomstedt und das SWR-Symphonieorchester mit Mahlers Neunter in Freiburg

Alexander Dick

Von Alexander Dick

Mo, 11. Juni 2018 um 19:30 Uhr

Klassik

Bald wird er 91 – Herbert Blomstedt. Zu merken ist davon nichts bei der berührenden Interpretation von Mahlers Neunter des schwedischen Dirigenten mit dem SWR-Symphonieorchester in Freiburg.

"Die Zeit, die ist ein sonderbar Ding", lässt Hugo von Hofmannsthal die Marschallin im "Rosenkavalier" in einem der großen Momente der Musiktheatergeschichte räsonieren. "Wenn man so hinlebt, ist sie rein gar nichts. Aber dann auf einmal, da spürt man nichts als sie." Die Spanne zwischen dem letzten, ersterbenden Ton as in Gustav Mahlers Sinfonie Nr. 9 und dem ersten Beifallsklatscher – sie wird zu einer Prüfung. Am Ende der Interpretation durch Herbert Blomstedt und das SWR-Symphonieorchester bleibt die Zeit einfach stehen. Und trotzdem spürt man nichts als sie in der angespannten Stille im ausverkauften Freiburger Konzerthaus. Blomstedt und das Orchester haben das "Rieseln" (Hofmannsthal) der Zeit in einem fast schon an die Unendlichkeit heranreichenden Moment eingefroren am Ende dieses letzten abgeschlossenen Werk Mahlers. Grandios.

Doch Zeit lässt sich nicht konservieren. Mahlers Neunte wirkt wie ein Ergebnis dieser Einsicht. Eine Sinfonie des Abschieds, des Endens. Weniger vielleicht in Bezug auf den nahenden Tod des Komponisten, der die Uraufführung dieses Werks nicht mehr miterleben durfte, als viel mehr mit Blick auf die große abendländische Epoche der Tonalität. Mahler setzt eine Zäsur.



Herbert Blomstedt weiß das. Er lässt den metrisch ebenso wie klanglich so zufällig wirkenden Beginn des ersten Satzes aus dem Chaos entstehen. Die sieben eigenartig fragmentarisch wirkenden Einleitungstakte sind von rigoroser, skelettartiger Nacktheit, bis das "Thema" mit der absteigenden Sekund – nur zwei Töne – für so etwas wie Vertrautheit sorgt.

Blomstedts Dirigierstil ist der eines Altmeisters: Ökonomie der Gestik, beflügelnde Impulse im entscheidenden Moment

Herbert Blomstedt. Am 11. Juli wird der schwedische Dirigent 91. Muss man es eigens betonen, zumal vor dem Hintergrund, dass der Koussevitzky-Preisträger von 1953 und – unter anderem – frühere Chef der Staatskapelle Dresden und des Gewandhausorchesters Leipzig nicht als Mahler-Exeget gilt? Ja. Denn diese weitgehende diskographische Leerstelle adelt die aktuelle Interpretation dieses sinfonischen Schlüsselwerks an der Schnittstelle zur Moderne umso mehr.

Ein Lob, das auch das SWR-Symphonieorchester für sich beanspruchen darf. Es zeigt sich einmal mehr – und in diesem Fall besonders –, wie prägend ein charismatischer Dirigent auf das klangliche Erscheinungsbild des nicht freiwillig fusionierten Klangkörpers wirkt. Blomstedts Dirigierstil ist der eines Altmeisters: Ökonomie der Gestik, beflügelnde Impulse im entscheidenden Moment. Wem sollte der Maestro auch etwas beweisen müssen?

Am ehesten noch dem Komponisten. Dessen düster-melancholisch bis derben Abgesang vollzieht er gedanklich und klanglich nach. So entlockt er den Streichern im Adagio-Schlusssatz mit seinen herbstlichen Ockertönen eine klangliche Identität, wie man sie so in den beiden Gründungsspielzeiten noch selten vernommen hat. Und wenn hier das – fantastische – Fagott mit seinen Reminiszenzen an Mahler Titan-Sinfonie Nr. 1 eindringt, oder später das ebenso hinreißende Solohorn darauf antwortet, hat das was von einer sinfonischen Spätlese. Da bildet sich ein Charakter heraus, ein tönendes kollektives Selbstbewusstsein, dessen Katalysator klar den Namen Blomstedt trägt.

Diese Interpretation dieser Neunten hat auch Momente der Unvollständigkeit. Im dritten Satz, Mahlers grotesk-virtuoser Rondo-Burleske, fehlt zeitweise etwas der gemeinsame Atem – der klingende Staffelstab wird von Instrumentengruppe zu Instrumentengruppe fast zu überhetzt weitergegeben: Auch Maschinenmusik bedarf des ordnenden Moments. Doch spätestens bei dem empfindsamen Doppelschlagthema ist die Interpretation wieder auf der Höhe. Und der Zuhörer begreift einmal mehr, einem Abend beigewohnt zu haben, der Demut lehrt. Nicht allein vor dem Alter. Sondern vor der Menschlichkeit. Einer Größe, die in unserem weltpolitischen Geschehen immer mehr in den Hintergrund zu treten scheint. Herbert Blomstedt lehrt sie uns dankbar begreifen.
Am 21. November ist Herbert Blomstedt zusammen mit dem Pianisten Leif Ove Andsnes und der Staatskapelle Dresden bei den Freiburger Albert-Konzerten zu Gast.