Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

11. August 2012

Singapur

Steuerparadies in Fernost

Der Stadtstaat Singapur bietet seit mehr als einem Jahrzehnt dem Geld der Reichen eine Heimat.

  1. Touristen vor den Hochhäusern des Finanz- und Bankenviertels in Singapur Foto: dpa

SINGAPUR/BANGKOK. Eine neue Spur bei den Ermittlungen gegen deutsche Steuerhinterzieher: Das Hauptinteresse der Fahnder schwenkt von den kriminellen Schwarzgeldanlegern zu Schweizer Banken, die ihnen geholfen haben sollen, das Geld vor dem deutschen Fiskus zu verstecken. Eine Spur führt auf den Äquator nach Südostasien – in ein wahres Steuerparadies.

Reisende, die Singapur mit mehr als 30 000 Dollar Bargeld in der Tasche besuchen, müssen einen Fragebogen ausfüllen. Darauf stehen zwei beruhigende Sätze. "Es handelt sich nicht um eine Devisenkontrolle. Wir wollen verhindern, dass Terror- oder Drogengelder ins Land kommen." Das soll sicherstellen, dass sich ausländische Fahnder das Finanzgebaren des fünf Millionen Einwohner zählenden Stadtstaats nicht zu genau anschauen. Singapur vermied, was Staaten und Banken in der Karibik und Mittelamerika zum Verhängnis wurde. Dort landete viel Drogengeld. Restriktionen folgten. Singapur will damit nichts zu tun haben; zählt auch deshalb schon seit mehr als zehn Jahren zu den wichtigsten Geldverstecken der Reichen aus aller Welt.

Werbung


Singapurs autoritäre Regierung verwandelte die kleine Republik auf dem Äquator Ende der 90er-Jahre nach der asiatischen Finanzkrise in ein internationales Finanzzentrum. 18 000 Indonesier parkten allein 87 Milliarden Dollar in Singapur, als Ende der 90er-Jahre der frühere Diktator Suharto ins Wanken geriet. Der Stadtstaat reagierte nie auf die Forderung aus Indonesiens Hauptstadt Jakarta, das Geld zurückzuzahlen, das aus vielen Firmen gestohlen worden war. Auch im Fall Birma hielt sich Singapur nie an internationale Sanktionen. Wer Geschäfte per Kreditkarte abwickeln wollte oder Dollar in bar brauchte, konnte bei Hotels aus Singapur anklopfen. Gegen den saftigen Aufschlag von sieben Prozent machten diese Häuser möglich, was offiziell nicht ging.

Dass ausgerechnet ein vermeintlicher Saubermann-Staat, in dem sogar der Verkauf von Kaugummi untersagt ist, längst zu den führenden Adressen für Steuerflüchtlinge aus Europa geworden ist, liegt an einem strengen Steuergeheimnis. Wer es verrät, riskiert mehrere Jahre Gefängnis und 100 000 Dollar Geldstrafe. Günstige Steuersätze machen den Stadtstaat zusätzlich attraktiv.

Singapurs Behörden kamen nicht allein auf Ideen, wie sie den Stadtstaat in ein paradiesisches Versteck für Reiche und Superreiche verwandeln konnten. Sie holten sich bei einem Treffen mit Bankern aus aller Welt im Jahr 2001 fachmännischen Rat und setzten deren Vorschläge wortgetreu in die Praxis um. So wandelte sich Singapur um die Jahrtausendwende von einem "überregulierten Land" in eine e Konkurrenz zum asiatischen Finanzzentrum in Hongkong – und zum Paradies für reiche Steuerflüchtlinge auch aus Europa.

Das Steuerabkommen

Der Streit zwischen der Bundesregierung und den rot-grün regierten Bundesländern über das geplante Steuerabkommen mit der Schweiz wird schärfer. Mit dem Kauf weiterer Datenträger, die Namen deutscher Bankkunden mit Konten in der Schweiz enthalten, torpediert das SPD-geführte NRW das Steuerabkommen. Denn mit dem geplanten Inkrafttreten des Pakts am 1. Januar 2013 sind Datenkäufe nicht mehr vorgesehen. Die Landesregierung in Düsseldorf erhebt nun auch noch den Vorwurf, dass Schweizer Banken und deren Kunden bereits über Wege nachdenken, unversteuertes Geld in Drittstaaten wie Singapur zu transferieren, falls die deutsche Opposition ihre Meinung ändert und dem Steuervertrag doch noch zustimmt. In dem Abkommen verpflichtet sich die Schweiz zwar, Angaben darüber zu machen, wie viele deutsche Steuerbürger ihr Geld in Drittstaaten verlagern. Die Schweiz muss dann eine Liste mit zehn Ländern vorlegen, in die das meiste Kapital abfließt. Mit diesen Daten will Deutschland den Druck auf Steueroasen verschärfen. Die SPD bemängelt jedoch am Abkommen, dass die Schweiz erst mit Vertragsbeginn am 1. Januar 2013 Auskünfte über die Geldtransfers in Drittstaaten liefern muss. Nach Meinung der SPD sollte dieser Termin vorverlegt werden, denn ansonsten könnten Steuersünder ihr Geld rechtzeitig aus der Schweiz ins Ausland bringen, zum Beispiel nach Singapur – und der deutsche Fiskus ginge leer aus. Nach Angaben der Bundesregierung wird mit Singapur bereits darüber verhandelt, wie der steuerliche Informationsaustausch verbessert werden kann. Auch die internationale Wirtschaftsorganisation OECD hat den Kampf gegen Steuerschlupflöcher verstärkt.  

Autor: Roland Pichler

Autor: Willi Germund