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31. Oktober 2013 08:24 Uhr

BZ-Interview

Stickelberger: "Wir wollen an die Doper ran"

Sie dopen, machen sich aber nicht strafbar – das will Baden-Württembergs Justizminister Rainer Stickelberger ändern. Er will die Möglichkeiten verbessern, dopenden Sportlern rechtlich beizukommen.

  1. Rainer Stickelberger will eine Lücke im Recht schließen. Foto: dpa

BZ: Im Fall des Radprofis Stefan Schumacher haben wir diese Woche gesehen, wie schwer dopenden Sportlern juristisch beizukommen ist. Auch Ihnen gefällt der Freispruch nicht, was stört Sie genau?
Stickelberger: Ob mir der Verfahrensausgang gefällt oder nicht, ist für mich nicht die Frage. Prinzipiell zeigt das Verfahren aber, dass wir im Komplex Doping mit den derzeitigen Instrumenten des Strafrechts nicht weiterkommen. Gegen dopende Sportler kommen wir kaum an. Ein Lance Armstrong hätte sich zwar siebenmal den Sieg bei der Tour de France erschlichen, aber er hätte sich nach deutschem Recht wohl nicht strafbar gemacht. Das ist eine Lücke im Recht, die wir schließen wollen.

"An die dopenden Berufssportler kommen wir weiter nicht ran."

BZ: Sie haben vor gut einem Jahr eine Schwerpunktstaatsanwaltschaft in Freiburg eingerichtet. Heißt das: Wir haben zwar die Köpfe, aber denen fehlen die nötigen Mittel?
Stickelberger: Das ist richtig. Wir haben bei der Schwerpunktstaatsanwaltschaft einen großen Zuwachs bei den Verfahren, vor allem im Bereich der Bodybuilderszene. Aber an die dopenden Berufssportler kommen wir weiter nicht ran. Das heißt, der Sportler, der seine Konkurrenten, die Sponsoren und das Publikum täuscht und sich Vorteile erschleicht, der bleibt strafrechtlich unbehelligt. Das kann nicht sein.

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BZ: Sie wollen über eine Bundesratsinitiative erreichen, dass dopende Sportler künftig wie Betrüger behandelt werden. Welche Chance sehen Sie für diesen Vorstoß, den Dopern besser beizukommen?
Stickelberger: Momentan sehe ich bessere Chancen als noch vor einem Jahr, dass die Initiative erfolgreich ist und wir ein Gesetz bekommen. Durch die Geständnisse vieler Sportler hat sich die Haltung der Öffentlichkeit verändert. Es gibt inzwischen auch viele Profisportler, die für eine Strafbarkeit des Dopings plädieren. Und die Politik ist sensibilisierter, Bayerns Ministerpräsident Seehofer und der Bundesinnenminister Friedrich wollen auch ein Gesetz; sie sprechen von Sportbetrug, wir konkret von Dopingbetrug. Wir werden auf der Justizministerkonferenz am 14. November das Thema beraten. Entscheiden muss aber letzten Endes der Bundesgesetzgeber, angesichts der neuen Konstellation bin ich da optimistisch.

"Jeder hat in diesem Land das Recht, sich selbst zu schädigen."

BZ: Aber es gibt ein Abgrenzungsproblem. Wo endet die notwendige medizinische Behandlung, wo beginnt Doping?
Stickelberger: Wir wollen natürlich nicht, dass sich jeder strafbar macht, der aus Gesundheitsgründen ein Medikament einnimmt. Das ist in unserem Gesetzentwurf ausführlich dargelegt. Das Gesetz richtet sich vor allem gegen einen Profisportler, der mittels Doping einen Wettkampf manipuliert. Wir wollen an die Doper ran. Das ist unser Ansatzpunkt.

BZ: Wäre es da nicht sinnvoller, helfende Ärzte stärker ins Auge zu nehmen, auf die die Doper ja angewiesen sind? Damit hätten Sie den Amateur- und Jugendbereich gleich mit abgedeckt.
Stickelberger: Ein Arzt kann sich schon nach geltendem Recht strafbar machen. Wir haben aber die skurrile Situation, dass wir den Masseur, den Arzt, den Schmuggler strafrechtlichen verfolgen können, den Sportler selbst aber in der Regel nicht. Wir konzentrieren uns mit unserem Gesetzentwurf auf den Profisport. Das Rechtsgut, das wir im Auge haben, ist nicht die Gesundheit des Sportlers. Jeder hat in diesem Land das Recht, sich selbst zu schädigen. Es geht uns auch nicht zuvorderst um die Fairness oder die Vorbildrolle. Das ist auch wichtig – im ideellen Sinn. Im Profisport haben wir aber den Hebel über den wirtschaftlichen Wettbewerb, den wir vor Manipulationen schützen. Und was Ihre vorherige Frage zur Rolle der Ärzte angeht: Wenn wir den Straftatbestand des Dopingbetruges haben, dann haben wir über die Beihilfe zu einer Straftat auch eine weitere Handhabe gegen die Unterstützer.
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Autor: Franz Schmider