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15. April 2017

Stilfrage: Mitbeten vor dem Essen?

Kürzlich wurde bei einer Einladung das Tischgebet gesprochen. Das empfand ich als übergriffig.
Bin ich da allein?

Religion ist Privatsache – so sehr, dass in Deutschland in einem Vorstellungsgespräch die Frage nach der Religionszugehörigkeit unzulässig ist. Eine Ausnahme sind religionsgebundene Unternehmen und Tätigkeiten. Andererseits können Gastgeberinnen und Gastgeber in ihrem privaten Haushalt bestimmen, nach welchen Regeln hier agiert wird. Gehört dort das Tischgebet zum Alltag, wird von diesem Ritual nicht abgesehen, nur weil zusätzliche Personen am Tisch sitzen. Schließlich haben Gäste grundsätzlich die Pflicht, sich an die im Revier der Einladenden gültigen Gebote und Angebote zu halten.

Beispielsweise in den USA ist in vielen Familien ein ausgiebiges Tischgebet eine Selbstverständlichkeit; da würden Sie dieses Ritual sicher nicht als möglicherweise missionarischen Übergriff, sondern als "Lokalkolorit" bewerten.

Vielleicht waren Sie aber in einem Restaurant eingeladen und finden, die Haus-Regel gelte dort nicht. Sie sind dort nicht in einem privaten Umfeld, das ist richtig. Aber erstens machen Ihre Gastgeber ihre Religiosität aus freien Stücken öffentlich. Zweitens gilt, wie die Briten sagen: "He who pays the piper calls the tune"; wer die Musik bezahlt, bestimmt die Melodie. Hier das Ritual.

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Unangenehm fände ich, wenn das Gebet so laut gesprochen würde, dass Gäste an den Nebentischen den Eindruck bekämen, es handele sich weniger um einen frommen Akt als um eine bigotte Show. Doch das ist aber wohl eher selten.
Hier wie dort sind Sie nicht verpflichtet, mitzubeten. Einfach den Mund halten. Nicht essen, nicht trinken. Keine SMS. Sich entspannen. Im besten Fall zuhören. Einfach tun, was Sie bei Tischreden auch tun. Und was Sie als Schulkind bei Lehrervorträgen taten, die Sie nicht berühren konnten.
Die Autorin ist Kommunikationstrainerin
und lebt in Freiburg.

Autor: Elisabeth Bonneau