Straffe Proben, gutes Essen: Was die Mitglieder der Jazz-Band Aerie zusammen hält

Bernhard Amelung

Von Bernhard Amelung

Fr, 12. Oktober 2018 um 08:54 Uhr

Der gute Ton (fudder)

Wie ein Zug, der ins Nirgendwo fährt: So beschreibt Ingo Hipp den Sound von Aerie. An diesem Freitag tritt das Quintett im Kulturaggregat auf. Was die Band auf ihrer China-Tournee erlebt hat und warum essen für die Mitglieder wichtig ist, erzählt Hipp im Interview.

Ingo, was ist die Geschichte hinter dem Bandnamen Aerie?

Ingo Hipp: Die Musiker meines Quintetts leben alle in verschiedenen Städten, in Luzern, Dublin, Brüssel, Köln und eben Freiburg. Wir hatten schon immer das Bild von der Band als Nest, in das alle aus unterschiedlichen Richtungen einfliegen. Das Bild hat sich verfestigt und zum Bandnamen geführt, der auf Englisch Nest bedeutet.

Wie arbeitet ihr zusammen?

Ingo Hipp: Ich schreibe die Musik, schicke sie an meine Bandmitglieder und organisiere unsere Auftritte. Zu diesen fliege ich die Jungs alle ein. Aktuell spielen wir zwei bis drei Konzerttourneen pro Jahr. Diese dauern in der Regel eine Woche. Wenn es sehr gut läuft, spielen wir zehn Tage zusammen.

Wie kontrollierst du, dass deine Bandmitglieder die Stücke üben?

Ingo Hipp: Ich kontrolliere das nicht. Ich denke, dass es jedem von uns peinlich wäre, zur Probe zu kommen, ohne die Stücke zu beherrschen.

Es gibt also einen sozialen Druck.

Ingo Hipp: Man weiß, dass alle anderen die Stücke üben. Wenn man selbst nicht übt, wird die Probe mühsam. Das will keiner. Die Musik ist anspruchsvoll. Deshalb übt jeder so viel, wie er kann.



Was ist abseits der Musik der Kitt, der euch zusammenhält?

Ingo Hipp: Wir machen seit über fünf Jahren zusammen Musik. Nur David Helm, der Bassist, kam später dazu. Über die Jahre sind wir gute Freunde geworden. Mit Sam Comerford, dem Saxophonisten, wollte ich sowieso eine Band gründen. Da er ursprünglich aus Dublin kommt und in Brüssel lebt, war es uns egal, woher der Schlagzeuger kommt. So kam es, dass wir alle aus unterschiedlichen Richtungen zusammengefunden haben. Und wir essen alle sehr gerne.

Essen kann wie Musik durchaus sehr sinnlich sein.

Ingo Hipp: Auf jeden Fall. Letztes Jahr tourten wir durch China. Wir waren abseits der Konzerte viel mit den Veranstaltern unterwegs und haben cooles chinesisches Essen kennen gelernt. Das bekommt man hier fast nicht, weil die chinesische Küche europäisiert ist. Wir haben das Essen in China sehr gefeiert. Auch als wir in Frankreich und Italien mit dem Bus unterwegs waren, haben wir die regionalen Spezialitäten verkostet.

Wenn man auf Konzerttour ist, macht man eigentlich nichts anderes. Man sitzt im Bus, fährt von Stadt zu Stadt, hat Soundcheck und Auftritt und hält sich mit gutem Essen bei Laune.

Wie kam es zu eurer Tour durch China?

Ingo Hipp: Ich arbeite auch als Tontechniker und mische andere Musiker ab. Über diese Arbeit habe ich Coco Zhao kennen gelernt, einen der bekanntesten Jazz-Sänger Chinas. Da er aber ein queerer Künstler ist, lebt er inzwischen in Amsterdam. Er hat mich als Tontechniker eingeladen, mit ihm nach China zu reisen. Ich sagte ihm dann, dass ich lieber als Musiker mit meiner Band durch China touren würde. Und so kam eines zum anderen.



Was hat dich an China am meisten fasziniert?

Ingo Hipp: Ich war vor unserer Konzerttour schon in China. Deshalb wusste ich, dass man nicht vorhersehen kann, was einem auf einer Tour widerfährt und wie es sich in diesem Land lebt.

Wie meinst du das?

Ingo Hipp: Große Städte, viele Menschen. Das Leben in China ist ungewohnt und kann stressig sein. Gleichzeitig ist die Betreuung ganz anders als in Europa. Wir wurden in China überall sehr gut aufgenommen. Die Leute finden cool, was man macht. Nach den Konzerten stürmen sie die Bühne und alle möchten ihre Begeisterung teilen.

Wie habt ihr euch verständigt?

Ingo Hipp: Mit Händen und Füßen und Sprach-Apps.

Was war das Ausgefallenste, was ihr in China gegessen habt?

Ingo Hipp: Jeder Gastgeber wollte uns das Beste zeigen. In Guangzhou wollte uns der Veranstalter noch zu seinem Cousin bringen, der die beste Suppe der Stadt kocht. Eigentlich war unser Zeitplan sehr knapp bemessen. Wir mussten den Schnellzug in die nächste Stadt erwischen. Doch der Veranstalter raste mit uns durch die Stadt und fuhr vor dem Suppenladen auf den Gehweg. Hunderte Menschen mussten zur Seite springen. Das war sehr beängstigend. Passiert ist aber nichts. Dann ging’s rein in den Laden. Wir holten fünf Suppen ab und löffelten diese im Weiterfahren. Eine Suppe ist ja eine Suppe, aber erstens hat die wirklich super geschmeckt, und zweitens war das ganze Drumherum total absurd.

Wie sieht denn der erste Probentag aus, wenn ihr zusammenkommt?

Ingo Hipp: Das kommt immer auf den Tourkalender an. Bei der letzten Tour und jetzt gibt es keine Probensession vorher. Die Jungs kommen am Mittag an, dann kommt der Soundcheck, dann geht’s los. Das ist aber kein Problem für uns. Wir kennen uns gut, wir kennen die Stücke gut. Sonst aber hole ich die Jungs vom Flughafen oder Bahnhof ab, dann geht es in den Probenraum und wir legen ohne Umschweife los.

Das klingt sehr straff organisiert.

Ingo Hipp: Wir sind sehr effizient und machen nicht lange rum. Wir spielen die Stücke, und ein paar Stunden später muss das sitzen.



Du komponierst die Musik und verschriftlichst sie. Wieviel Freiheit lässt du den Bandmitgliedern beim Spiel?

Ingo Hipp: Für das Genre Jazz schreibe ich sehr viel auf. Bis auf die Improvisationen ist alles notiert. Ich habe klare Vorstellungen, was passieren soll. Das gebe ich auch vor. Im Optimalfall ist Jazz natürlich sehr frei. Ich versuche beim Komponieren und beim Konzertieren, dass sich Sachen entwickeln können. Ich möchte die Leute mit meiner Musik überraschen.

Wie würdest du die Musik einem gehörlosen Menschen beschreiben?

Ingo Hipp: Dieser Mensch hat noch nie Musik gehört?

Nein.

Ingo Hipp: Ich habe tatsächlich noch nie daran gedacht, Bilder zu meiner Musik zu denken. Das spezifische an unserem Sound ist, dass er verschiedene Richtungen gehen kann.

Ich denke, unsere Musik ist wie ein Zug, der ins Nirgendwo fährt. Irgendwann kommt eine Weiche und man weiß nicht, ob der Zug rechts oder links fahren wird. Vielleicht klingt unsere Musik aber auch wie ein Haus mit ganz vielen Türen, und hinter jeder Tür verbirgt sich etwas anderes. Hinter einer Tür steigt eine fette Party, hinter der anderen Tür kann man sich entspannen.
Zur Person

Ingo Hipp, 31, in Emmendingen geboren und aufgewachsen, hat an der Hochschule Luzern Saxophon und Komposition studiert. Seit 2013 tourt der Jazz-Preisträger Baden-Württemberg mit seiner Band Aerie, die Jazz mit Rock, Pop, Funk und experimenteller Musik verbindet. Im Frühjahr 2018 ist das zweite Album "Sonic" erschienen.

  • Was: Konzert w/ Aerie
  • Wann: Freitag, 12. Oktober 2018, 20 Uhr
  • Wo: Kulturaggregat in der Hilda5

Mehr zum Thema:

Interview: Drei Freiburger Jung-Komponisten erzählen von ihrem Filmmusik-Studium