Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

14. April 2009 08:36 Uhr

"Kabaret"

Patricia Kaas in Straßburg: Konzeptkunst und Starkonzert

Eine Hommage an die 30er-Jahre: Die französische Sängerin Patricia Kaas präsentiert ihre Bühnenproduktion "Kabaret". Im Juli beim gastiert sie beim Freiburger ZMF.

Zuerst kommt ihre Stimme, ohne dass man sie sieht. Aufgezeichnet spricht Patricia Kaas eine Einleitung zu ihrem spectacle. Eine Hommage an das Kabarett der 30er Jahre sei es, an Berlin, an die Frauen jener Zeit, an Heldinnen wie die Garbo, die Dietrich, die Chanel. "Kabaret" heißt der Abend, wie das neue Album der Kaas. Der Titel ist eine Mischung aus dem französischen cabaret und ihrem Nachnamen. Die Musiker stellt sie auch noch aus dem Off vor, dann erscheint sie selber auf der Bühne des Straßburger Palais de la Musique, im kurzen Schwarzen, mit transparenten Leggins und High Heels. Der Star ist da.

Und doch wieder nicht. Kein normales Konzert sei "Kabaret" auf der Bühne, hatte Kaas im BZ-Interview im Februar angekündigt, es sei ein Gesamtkunstwerk. So sieht es aus: Vom Bühnenbildner Christophe Martin hat sich Kaas einen modernen Kronleuchter hinhängen, eine Treppe und eine Videowand hinbauen, einen Leuchtboden hinlegen lassen. Wie Theaterkulissen für ein modernes Stück über traditionelle Themen. Davor stehen die fünf Musiker. Und die Sängerin. Die erstmal merkwürdige Bewegungen macht, wie eine Marionette.

Werbung


Später wird noch eine Tänzerin an der Seite der Kaas auftreten: Stéphanie Pignon, Schülerin von Régis Obadia, eines Stars des Neuen Tanzes in Frankreich. Er hat "Kabaret" choreografiert. Pignon illustriert den Gesang oder verdoppelt die Bewegungen der Kaas, wenn die selber tanzt. Mit eckigen und doch fließenden Bewegungen, elegant kraftvoll.

Und dann sind da noch Projektionen: Zu "Faites Entrer Les Clowns", der französischen Version des Musicalhits "Send In The Clowns", sieht man eine schwarz-weiße Stadtlandschaft wie Pappbilder aufklappen, ein einsamer roter Ballon schwebt hindurch. Bei "Les Hommes Qui Passent" sieht man hinter der Kaas sie selber noch einmal: als verzweifelte Frau in Stummfilm-Bildern. Und zu "Une Dernière Fois" gibt es surreale Bilder mit einem Mädchenengel. Die Lieder bekommen zusätzliche Dimensionen.

Inklusive der wechselnden Kleider des Modehauses Lanvin, welche die Kaas trägt, von den Leggins unterm Minirock übers kleine Schwarze bis zur silbernen Pluderhose unten und schwarzem BH oben, ist "Kabaret" tatsächlich ein Gesamtkunstwerk – streckenweise allerdings nur. Allzu konzeptionell wollte Patricia Kaas wohl doch nicht werden.

Da steht sie bei "Le Jour Se Leve", einem Stück vom neuen Album, fast breitbeinig auf ihren hohen Absätzen, ganz die anklagende Frau des Stückes. Um dann, wenn es zu Ende ist, die Beine zusammenzustellen, mädchenhaft, hinter dem Mikrofon hervorzutreten an den Bühnenrand und den Beifall entgegenzunehmen. Aus der Sängerin, die wie eine Schauspielerin auftritt, wird die Sängerin, die sie selber ist.

So werden die neuen Lieder auch gemischt mit den plus grands succès von Kaas. Vom Album "Kabaret" sind dabei: "La Chance Jamais Ne Dure", die französische Version von Hildegard Knefs "Das Glück kennt nur Minuten" (das Kaas auf der deutschen Ausgabe des Albums in der Originalsprache singt), "Falling In Love Again", die englische Version von Marlene Dietrichs "Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt", und natürlich das Titellied. Also wirklich: Kabarett und Berlin. Aber dann das alte "D’Allemagne" und "La Fille De L’Est", Kaas’ Erkennungslied über ihre lothringische Herkunft. Das führt zu stehenden Ovationen im Saal – und das Kabarett ist vergessen. Natürlich kommt auch "Mlle Chante Le Blues".

Das besondere Klangbild des Albums "Kabaret" – eine Mischung aus 30er-Jahre-Jazzigem und modernen Clubsounds – wird im spectacle insgesamt in Richtung Bluesrock gewendet, wie man ihn von der Kaas kennt. Wo auf der Platte der Elektroniker Brifo dominiert, da ist es bei der Bühnenproduktion der musikalische Direktor Frédéric Helbert, langjähriger Tastenspieler der Band Indochine. Den Drummer lässt er hart klopfen, die Geige vervielfacht er per Effektgerät – der Sound wird orchestral. Was mit Kabarett auch nicht viel zu tun hat. Und während Kaas den Blues singt, wird hinter ihr ein Video gezeigt: die Sängerin auf der Bühne, jubelnde Verehrer vor ihr. Und es werden Jahreszahlen nach vorne gezählt – von 1988, dem Jahr ihres Debüts, bis heute, 2009. Mit jeder neuen Zahl rücken die 30er in weitere Ferne.

Die Teile stimmen nicht recht zusammen: stilisiertes Kunstwerk einerseits, traditionelles Starkonzert andererseits. Erst am Ende gelingt es bruchlos, bei den Zugaben. Das alte "Entrer Dans La Lumière" wird im "Kabaret" mit einem Video im Stil alter Gruselfilme inklusive Doppelbelichtungen dargeboten. Und das neue "Et S’Il Fallait" klingt dank der Musiker wie ein Kaas-Klassiker. Mitte Mai wird die Sängerin damit beim Eurovision Song Contest für Frankreich antreten. Und im Juli kommt sie mit "Kabaret" zum Freiburger ZMF.
–  Patricia Kaas, ZMF, Freiburg, 8. Juli, BZ-Kartenservice Tel. 01805/556656.

Autor: Thomas Steiner